Kirche von Kastna – Fahrradtour wie 1897 – Teil 4

Die Schotterstraße nach Pärnu

| 10.11.2018 - 8:00 Uhr

Der vierte Teil der spannenden Serie, in der unser Autor, Jens Bemme, die Strecke des Radtourenbuches von Estland aus dem Jahre 1897 ausprobiert. Heute geht es mit dem Fahrrad entlang der estnischen Westküste von Virtsu über Kastna nach dem altehrwürdigen Bade- und Kurort Pärnu.

Drei Tage und zwei Nächte auf Saaremaa – die innere Uhr tickt: Pärnu, Badeort und Hafenstadt an der Westküste Estlands, ist ein beliebtes Reiseziel im Sommer.

Pärnu Nähe Rüütel Str.

In Pärnu, zwischen der Rüütel Str. und Koidula-Park. (Foto Nordisch.info)


Hinter dem Fährhafen in Virtsu biegt nach einem großen Schluck Kwas (estn. kali) vom Toidutanker (Speisetanker) eine Seitenstraße rechts nach Süden ab. Entlang der Küste geht es in der Nachmittagssonne durch Wiesen und Weiden, ein paar offene Wäldchen stehen an deren Rändern. Ein tschechischer Familienvater versichert mir nordwärts fahrend, zwei Stunden weiter südlich würde am Straßenrand für Unterkünfte geworben. Er hat recht.

Die kommende Nacht schlafe ich in einem Ferienhaus der gerade leerstehenden Hälfte eines großen Kinderferienlagers, nicht weit vom Meer. Kurz zuvor treffe ich beim Abendessen an einem Straßenimbiss zwei Medizinstudentinnen aus Bristol, die mit ihren Citybikes und sehr schmalen Reifen die Schotterpiste hier nur mit Bauchschmerzen ertragen. Sie hoffen auf bessere Straßen. Aber, es gibt heute sehr gutes Šnitsel – eines der vielen deutschen Lehnworte in der estnischen Sprache.

Der Streckenabschnitt zwischen Virtsu und Pärnu ist reizvoll. Diese Schotterstraße ist die berühmte Ausnahme von der Regel. Nur bei Nõva ging es im Norden auch ein paar Minuten lang über Waldwege. Sonst gewinnt Estland gegenüber Lettland in Sachen Asphalt auf einfachen Land- und Nebenstraßen jeden Vergleich. Radreisende, die aus Süden nach Estland kommen, dürften in jedem Fall begeistert sein. Den Begriff gravel road habe ich vor vier Jahren in Lettland gelernt.

Es war toll dort – nicht nur wegen der schönen Müslischüssel, wegen der ich hier wieder unterwegs bin. Hier in Estland brummen nach 120 Kilometern meine Handgelenke, aber das wird wohl nicht am besseren Straßenbelag, sondern am eigenen Lenker und der Haltung liegen.

Der morgendliche Ritt vom Frühstück im Ferienlager nach Pärnu führt an Kastna vorbei. Achtung, kleine Kirche! Gleich neben der Straße. Diese erregt Aufmerksamkeit, wieder einmal. Kastna ist eine Landgemeinde, in der ab 1850 zweimal im Jahr überregionale Jahrmärkte für Gäste, Handel, Beschäftigung und Unterhaltung sorgten:

Kastna neighbourhood: Every place is more than just a place

A small church stands in the shade of large trees. Next to it is the school. They cannot be seen from the main road. Not a single living soul is moving about. No one will ask: what is all that to me? I look at the dignified buildings from every corner, from far away and than from close up. I step in and then out. I don’t know the story of the buildings – the story of this place. I know next to nothing about them. I only know that fewer and fewer dignified buildings remain. But, with renovation, a new and different story can begin.
(Silja Saulep)

Sechs Tafeln auf Staffeleien im Inneren der leeren Dorfkirche von Kastna erzählen die Geschichte der Gemeinde. Ein Ausblick auf Ideen, die in Kastna noch Wirklichkeit werden könnten, ist eines der Motive der Ausstellungsmacherinnen: „The Open Space ist beeing created.“

Kastna wäre für mich ein guter Grund für einen Umweg, wenn ich wieder in dieser Gegend unterwegs bin. Zufall oder nicht: Lihula ist nicht wirklich weit von hier.

Eine Zipfelmütze aus Pärnu?

Strand Pärnu

Strand in Pärnu. (Foto Nordisch.info)


Ein alter Finne begrüßt mich in Pärnu am Empfang der Herberge, in der ich absteige. “Das ist der stellvertretende Manager”, verkündet der Inhaber lächelnd. Es ist heiß und die Saison ist Anfang August fast vorbei. Das Hostel wird in Kürze schließen und erst im Frühjahr wieder öffnen. Pärnu, so schildert mir der fast siebzigjährige Finne, sei eine feine Stadt für seine Sommer. Er kommt seit zwei Jahren her, um in Pärnu ein paar Wochen zu verbringen; auch 2019, so sein Plan. Tallinn sei zu touristisch geworden. Finnen wären inzwischen bereit – z.B. für ein Bier – jeden Preis zu zahlen. Pärnu sei glücklicherweise noch nicht soweit.

Die moderne Bibliothek von Pärnu hat eine Leseecke mit deutschen Büchern und ist eine der vielen Verbindungen in die anderen digitalen Teile der Welt – nicht nur für einen Finnen, der von hier aus dem Urlaub schreibt.

Pernau. Hafen- u. Kreisstadt im Gouv. Livland, an der Mündung der Pernowa in den Rigaschen Meerbusen, in flacher, sandiger Heidegegend, regelmässig gebaut, war bis 1830 Festung mit bedeutendem Kriegshafen. Der Ort hat ca. 13,600 Ew., 2 luth. (Nicolai- und Elisabeth-) und 1 griech.-orth. Kirche, zwei Parks und ein Seebad.

P. wurde 1255 gegründet, war im Besitze und Komturei des Deutschen Ordens, 1642 von den Schweden befestigt und ist seit 1710 im Besitze Russlands. (…)

Radf.-Clubs: Pernauer Radfahrer-Verein gegr. 1893. Der Verein besitzt eine Rennbahn im Badepark am Meeresstrande. Die Clubabende finden im Sommer auf der Rennbahn resp. im Strandsalon statt; Ausflüge jeden Sonntag 3 Uhr nachm. aus dem Salon-Park. Im Winter werden die Vereins-Abende jeden Donnerstag 9 Uhr abds. im Saale d. priv. Bürgergesellschaft, Akademiestr. 3 abgehalten.

Cafe Grand im Hotel Victoria

Cafe Grand im Hotel Victoria. (Foto Nordisch.info)


Auch der Herbergsbesitzer, ein Kunsthistoriker, blättert in meinem Tourenbuch. Dann holt er Dach- und Scheunenfunde aus seinem Büro: ein deutscher Sprachführer für Esten von 1944, Zeitungen – auch aus Reval und aus der Zeit, als ‘junger Faschist’ kein Schimpfwort war. Er empfiehlt mir später per Mail das estnische Fahrradmuseum südlich von Tallinn. Für Fragen bezüglich der deutschen und estnischen Ortsnamen im Tourenbuch von Estland steht er noch immer zur Verfügung.

Eine Saunazipfelmütze aus grauem Filz kaufe ich nur fast in einem der gediegenen Souvenir- und Kunsthandwerkgeschäfte von Pärnu. Wozu auch? Eine Filzmütze brauchte ich bis heute in der Sauna nie! Auch dafür also müsste ich wieder herkommen.

Am Strand von Pärnu

„Bester Sandkasten der Welt.“ (Foto Nordisch.info)


Schon ist Bergfest der geplanten Rundreise. Diese Strecke nach Pärnu ist auch ohne echte Höhenunterschiede im Rückblick eine ruhige, bereichernde “Bergetappe”. Hinter mir liegen die große Überfahrt, Helsinki, Tallinn, dann der Nordwesten und zwei angenehm eigentümliche Inseln samt Velohonig und den Begegnungen, die diese Fahrt jeden Tag prägen. Ein anderes mal mit mehr Zeit wiederzukommen nach Saaremaa und in die Gegenden rund um Lihula, Kastna und Pärnu – ehrlich gesagt, diese Vorstellung schmeckt mir.

Siehe auch:

Jens Bemme

Über den Autor
Jens Bemme aus Dresden forscht und twittert zu historischem Radfahrerwissen um 1900. Er studierte Verkehrswirtschaft und arbeitet im Bereich Landeskunde und Citizen Science der SLUB Dresden. Das Tourenbuch von Estland führte ihn im Sommer 2018 mit Umwegen von Tallinn nach Riga. // twitter.com/jeb_140 // jensbemme.de
Facebooktwittergoogle_plusredditpinterestmail

Hinterlasse einen Kommentar

avatar