Fahrradtour wie 1897 – Teil 2

Lihula, my Love – Auf der EuroVelo 10 in Estland

| 27.10.2018 - 11:13 Uhr

Unser Autor, Jens Bemme, hat sich entschlossen, die Aktualität des Radtourenbuches von Estland aus dem Jahre 1897 einer praktischen Prüfung zu unterziehen. Mit seinem Fahrrad fuhr er alte Strecken ab, suchte nach Bierbuden von damals und landete am Ende seiner Reise in Lettland. Im zweiten Teil seines Reiseberichts geht es Richtung Westen; durch Nõva nach Haapsalu, Lihula und schließlich auf die Inseln Muhu und Saaremaa.

Die Idee, ab Tallinn möglichst dicht entlang der Küste zu fahren, verwerfe ich schnell. Auf den ersten fünfzig Kilometern westlich Tallinns liegen die Hausstrecken hiesiger Rennradler. Allein bin ich hier nicht unterwegs. Die Radwege der großen Straßen am Rande Helsinkis waren morgens auch so beliebt.

Eurovelo 10

EuroVelo 10 nach Haapsalu. (Foto Jens Bemme)


Dass der zweite Tag in Estland schon in Nõva ganz im Westen des Festlands in einer kleinen roten Hütte endet, hat einen einfachen Grund. Ich meide den Abzweig der Landstraße, der direkt nach Haapsalu weist, und orientiere mich an EuroVelo 10, einer der baltischen Routen europäischer Radfernwege.

Beim Mittag berichtet ein österreichisches Paar von kilometerlangen Baustellen in südlicher Richtung. Die beiden sind schon länger mit dem Zelt unterwegs und halten auf ihrer Reise seit Wien fast an jedem Café. Nachdem sie Riga hinter sich gelassen haben, führt sie ein Rahmenbruch beinahe zu einer lettischen Vertragswerkstatt – in Riga. Geschweißt wurde der Rahmen dann doch unterwegs. „Es sind Begegnungen, die das Reisen ausmachen“, meint Frank, der während der großen Überfahrt im estnischen Tourenbuch Gustav Bauers Illustrationen fand. Das stimmt.

Estnische Schaukel Radtour Estland: Camping-Hütte

In Nõva vermittelt die kleine Tourismusinformation am Ortseingang kurz vor Vier die rote Hütte im Wald – und ein Stück Kuchen. Im Garten der familiären Feriensiedlung steht eine dieser reisengroßen Schaukeln aus Holz, wie wir sie aus Lettland kennen. Die Sauna ist gerade noch heiß und WiFi funktioniert hier im Garten.

Lihula, my Love

Die Fahrt führt zu einem nahen Landwirtschaftsmuseum – in den Wäldern bei Nõva gelegen, die Sonne ist gegen sieben am Morgen noch schwach. Schilder am Weg beschreiben die wilden Beeren im Wald, aber das Museum öffnet erst am späteren Vormittag. Haapsalu ist das nächste Ziel.

Bischofsburg Haapsalu Radtour

Bischofsburg von Haapsalu. (Foto Nordisch.info)


Radfahrergeschichte ist nicht alles! Im Tourenbuch wird Hapsal 1897 so beschrieben:

„1228 erbaute Bischofsburg und einer alten, neuerdings restaurierten Kirche, eine Kur- und Badeanstalt für See- u. Schlammbad und zählt ca. 3500 Ew. (…) 1279 vom Bischöfe Hermann von Oesel gegründet, ging 1559 an Dänemark und 1710 an Russland über. Sehenswert: das Schloss, die Schlossruine, die von weiten Ringmauern eingefassten Gräben und Wälle des alten Schlosses, welche in reizende Parkanlagen verwandelt worden sind, und die gr. Strandpromenade.“

Deutsche Namen stehen auf den Gräbern aus der Zeit um 1900, wenn man in Haapsalu den Friedhof besucht, der direkt an der Straße in die Innenstadt liegt. Auf einer Plane an einem großen Baugerüst im Zentrum wird die Geschichte des ersten estnischen Infanterieregiments erzählt, das ab 1917 in Haapsalu stationiert war.

Nach einer Kaffeepause geht’s zur Lieblingsbank von Tschaikowski an der Strandpromenade – Tonspuren inklusive. Kurhotels und der berühmte historische Bahnhof der Stadt tauchen am Straßenrand auf als ich den Kurort Richtung Lihula verlasse. Ein Rückblick innerhalb von Haapsalu: Am Ortseingang in einer Ecke eines langen Hauses – vielleicht einer alten Kaserne – gleich rechts entlang der Straße, gibt es eine sehr gute kleine Konditorei. Es soll nicht die letzte gewesen sein!

Lihula ist eine Offenbarung. Erst erkennt man an einem Hügel eine alte Mühle, dahinter steht das alte Herrenhaus und daneben eine Frisby-Golf-Anlage – eine der vielen in Estland. Das noch nicht ganz eröffnete Gasthaus Sakste Maja begrüßt schon erste Gäste: „Uns fehlt nur noch eine Unterschrift, kein Problem!“

Das ehemalige Leal war einst Bischofssitz, aber nur kurze Zeit (Tourenbuch, S. 163):

Wie die übrigen Städte Estlands, ist auch Leal unter dem Schutze eines festen Schlosses entstanden und mag unter der Herrschaft der Bischöfe von 1221 bis 1559 keine geringe Bedeutung gehabt haben, als die Stadt ist Leal indes nirgend genannt. In den Kriegen oftmals zerstört, sank L. zu völliger Bedeutungslosigkeit herab, wozu die von den Hauptverkehrswegen entfernte Lage nicht wenig dazu beitrug.

Herrenhaus Lihula Fahrradtour

Das Herrenhaus von Lihula, restaurierungsbedürftig aber mit neuem Dach. Heute ein Museum. (Foto Nordisch.info)


Noch stehen einige Häuser an der Hauptstraße zum Verkauf. Eine Kunstschullehrerin malt in ihrer frisch renovierten Scheune mit Freundinnen: „Das ist mein Sommerprojekt!“ Lihula hat das alles: moderne Straßenkunst, großes Gymnasium, Kneipe, Sommerkonzerte – viele junge Leute seien weggegangen. Doch dieses Lihula im Sommer 2018 hinterlässt bei mir zugleich den diffusen aber starken Eindruck: Der Ort ist oder wird noch ein Hot Spot für Neues – irgendwie. Die Stimmung an diesem Abend: Lihula, my love!

Kunst Lihula Galerie in Lihula

Die erste estnische Baar finde ich am nächsten Tag: JÄÄTIS (Eiscreme) in Tuudi an einer Kreuzung Richtung Virtsu (deutsch hieß der Flecken 1897 „Wirtso“) nahe dem damaligen „Schipkapass“ steht deutlich MÜÜA an der Holzbude dieser Raststätte, die längst nicht mehr bewirtschaftet wird: Zu verkaufen! Von hier sind es noch 17 Kilometer bis zur Fähre in Virtsu. Wer nach Saaremaa will, setzt mit der Fähre auf die kleinere Insel Muhu über.

Die große Querstraße der Insel Muhu pulsiert im Rhythmus der drei Fähren, die ständig zum Festland pendeln. Mitten auf der Insel empfängt Liiva mit Marktständen, Imbissbuden, Brauerei, Supermarkt und Touristeninformation uns Besucher. Die Herausforderung: Für acht blaue Aufkleber von Landwirten und Gastronomen der Inseln gibt’s ein neues T-Shirt: „Olen Saaremaa Söber“. Ich komme darauf zurück.

Der Damm zwischen den Inseln Muhu und Saaremaa ist seit 1896 fertig. Auch die schwedische Königin Kristiina wünschte lückenlose Postwege. Nach dem Damm geht es rechts. Einige Kilometer weiter produziert und verkauft eine deutsche Familie Senf. Ich lerne dort: Zuckerrübensirup ist auf Saaremaa in Vergessenheit geraten. Aber auch das: Die Alten auf Saaremaa kennen Zuckerrüben und den Geschmack des Sirups noch! Für die Süße im Senf wird der Sirup heutzutage aber importiert. Die Fahrt geht weiter.

Siehe auch:

Text und Fotos von Jens Bemme

Über den Autor
Jens Bemme aus Dresden forscht und twittert zu historischem Radfahrerwissen um 1900. Er studierte Verkehrswirtschaft und arbeitet im Bereich Landeskunde und Citizen Science der SLUB Dresden. Das Tourenbuch von Estland führte ihn im Sommer 2018 mit Umwegen von Tallinn nach Riga. // twitter.com/jeb_140 // jensbemme.de
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