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Reisebericht aus Enontekiö, Lappland

Auf der Suche nach dem Polarlicht

Es ist halb acht abends: wir starten in die Nacht.

Die Wetterprognosen sind nicht gerade gut, aber auch nicht ganz schlecht. Über uns eine geschlossene Wolkendecke. Wir fahren Richtung Norden. Genauer: Richtung Norwegen.

Fünfmal leichtes Bauchkribbeln.
Fünfmal dicke Winterkleidung.
Fünfmal Kameraausrüstung mit Stativ.
Und alle Gedanken kreisen um Polarlichter.

Wir hoffen, irgendwo in Lappland ein Wolkenloch zu finden. Eine Aufgabe, die zunächst schier unmöglich scheint – zumindest, wenn man dem finnischen Wetterdienst Glauben schenken darf.

Polarlicht Aurora borealis
Je nachdem, in welcher Luftschicht die Polarlichter auftreten, erscheinen sie grün oder rot.
Auf der Straße begegnet uns die längste Zeit niemand. Alle 20 Minuten ein entgegenkommender Autofahrer, der dann sein Fernlicht kurz abschaltet. Endlose Wälder säumen unseren Weg. Mehr und mehr sind nur ihre Silhouetten erkennbar. Bis sie schließlich ganz mit der Dunkelheit verschmelzen. Die Nacht umarmt sie alle.

Zurück bleiben nur ein paar gelbe Striche auf der Straße.

Wir beugen uns der Dunkelheit.

Musik von den Hügeln

Aufkommende Polarlichter
Zunächst nur zaghaft zeigt sich das Polarlicht.
Im Radio läuft samische Musik, eine Frau mit glockenheller Stimme joikt, als würde sie auf einem der sanften Hügel stehen, die wir überqueren. Als würden ihre Töne über die kleinen Birken fliegen, zusammen mit den Schneehühnern emporsteigen und sich dann mit den Trommelschlägen vereinen zu einem Klanggebilde, das seine Schwingen erhebt und durch die Nacht gleitet wie eine Schneeeule. Töne mit sich ziehend, einer Rentierherde gleich, die einem auf einer unsichtbaren Landkarte eingezeichneten Weg folgt.

Und ich verstehe nur la-la-la-lee.

Aber ich sehe sie, in ihrer roten Sami-Tracht, dem silbernen verzierten Gürtel, mit bunten Bändern, die im Wind wehen. Ihre porzellandünne Haut, stolz das Gesicht Richtung Sonne gereckt. Mit ihren Fellschuhen mit der Heimat in Verbindung und energisch durchgestreckten Beinen, dass kein Herbstwind sie davonwehen kann.

Im Bus ist es still geworden. Das aufgeregte Reden ist verstummt. Jeder blickt in die Nacht hinaus – jeder mit seinen Gedanken allein, ein wenig versunken. Und immer noch in der Vorfreude und Hoffnung auf nächtliche Lichter am Horizont.

Nordlichter Polarlichtfotografie
Geduld ist die wichtigste Voraussetzung bei der Polarlichtfotografie.
Magische Lichter, die einen die Sorgen daheim vergessen lassen, die die eigene Perspektive verändern, manches gerade rücken und anderes verschwinden lassen. Ängste werden kleiner, unbegründeter – angesichts dieses mächtigen Schauspiels, das keinen Schauspieler, keinen Regisseur und keine Zuschauer braucht. Seine Bühne ist der Himmel mit seinen tausend Sternen, die sich gerade hier in Lappland noch zu vervielfachen scheinen.

Lady Aurora nennt man die Polarlichter auch, weil sie manchmal regelrecht über das Firmament tanzen. Ich bin so gespannt und träume mich weg in eine samische Welt, wo die Ahnen anwesend und ein Bär herbeigesungen werden kann.

Obwohl ich weiter im Kleinbus sitze, der uns durch die Nacht und hoffentlich zu Polarlichtern führen wird, fühle ich mich seltsam verbunden mit den Kräften der Natur.

Ich verstehe nichts von der samischen Musik und doch nimmt sie mich an der Hand und führt mich fort. Ich lasse mich treiben. Und verspüre leises Glück in dieser dunklen Nacht im Oktober.

Auf der Suche nach Polarlichtern

Polarlicht Lappland
Polarlichter mit schnell wandernden Wolken am Himmel.
Wir stapfen hinaus in die Nacht. An einem See machen wir mit der Kamera Probeaufnahmen vom Himmel. Die leise Hoffnung, dass die Kamera etwas sieht, was unser menschliches Auge nicht wahrnimmt, schwingt mit. Doch der Himmel ist komplett wolkenverhangen. Unsere einzige Hoffnung ist der Wind, der einen zwar extrem schnell auskühlt, doch für vereinzelte Wolkenlücken sorgen könnte. Wieder und wieder Probeaufnahmen. Doch: nichts los am Himmel. Die Hoffnungen sinken gegen den Gefrierpunkt.

Stattdessen suchen wir Sterne am Himmel. Doch nicht ein einziger ist auszumachen. Wenn man nicht einmal Sterne sehen kann, wie sollte man dann ein Polarlicht sehen können? Dicke Suppe am Firmament. Das ist wie Novembernebel, wie durch einen Tunnel fahren – dann sieht man den Himmel auch nicht. Unsere Hoffnungen sinken in den Minusbereich. Enttäuschung macht sich bei allen breit.

Kurz nach Mitternacht sitzen wir wieder im Bus auf dem Weg ins Hotel.

Meine Finger schmerzen, meine Füße sind Eisklötze, mein Gesicht ist ausgekühlt, die Mimik eingefroren. Dabei haben wir erst Oktober; die Temperaturen liegen um den Nullpunkt. Der richtig kalte Winter kommt ja erst noch.

Aber das alles war es wert – denn das Gefühl ist wie Weihnachten, Ostern, Mittsommer und Geburtstag in einem – mit allem, was eine Polarlichtsuche zu einem unvergesslichen Erlebnis macht.

Im Radio läuft “Don’t stop me now“ von Queen und ein bisschen fühle ich mich so; der Körper voll mit Adrenalin wie nach dem Eisschwimmen. Lady Aurora kam diesmal zaghaft, nur ein kleiner Strich am Himmel. Doch mit Geduld und Geduld und zum Dritten: Geduld verpassten wir nicht den Moment, als die Aurora anfing zu wachsen, zu wandern, sich zu erheben und auszudehnen.

Der Himmel brennt

Nordlicht
Jeder kann etwas anders in den Polarlichtern sehen.
Als der Himmel brannte, Spitzen in rot hinauf ragten, konnte ich nicht anders als laut in die Nacht zu schreien vor Glück, vor Freude, am letzten Abend in Lappland so reich beschenkt zu werden.

Das Grün am Himmel nahm zu und spiegelte sich in dem Wasser, das vom Wind aufgepeitscht wurde. Der Wind toste, tobte und wirbelte die Bäume umher. Mit dem Ergebnis – aber das nur nebenbei – dass die hin- und herwackelnden Bäume auf den Fotos natürlich nicht scharf sind.

Ich probierte herum – änderte Kelvinzahl, ISO, Belichtungszeit, Blende solange, bis die Kamera ein Bild lieferte, das dem entsprach, was ich gerade mit eigenen Augen zu sehen bekam.

Ich sah Bänder, aber auch Gesichter am Himmel. Überdimensionale Elfen mit spitzen Hüten und ernste Fratzen mit langen Bärten, die vom Firmament zu mir herab blickten. Kein Wunder, dass die Menschen im Norden in alter Zeit großen Respekt und Furcht vor diesen Lichtern hatten. Klein fühlt man sich in diesem Moment. Und zugleich eins mit den Elementen der Natur.

Polarlichter sind noch gar nicht so lange ein Thema für die Fotografie. Denn erst die Digitalfotografie hat es eigentlich möglich gemacht, sie einzufangen. Natürlich sind auch analoge Kameras mit Film dazu in der Lage, nur erhält man das Ergebnis eben erst eine Woche später nach der Entwicklung der Fotos, ob Ausschnitt, Motiv, Belichtungszeit etc. gestimmt haben. Und wenn nicht, lässt es sich nicht mehr korrigieren, so wie man es innerhalb von Sekunden an der Digitalkamera ändern und steuern kann.

Somit sind Polarlichter als touristische Attraktion natürlich auch erst relativ spät erkannt worden. Dafür hält der Boom unvermindert an und nimmt sogar noch zu.

An bis zu 200 Nächten sind Polarlichter in Enontekiö zu sehen. Damit rühmt sich die Region. Es gibt wohl kaum einen besseren Platz dafür.

Polarlichter – schwierig vorhersagbar

Thomas Kast
Der Polarlichtjäger Thomas Kast veranstaltet Spezialreisen in kleinen Gruppen. Er wohnt in Oulu, nur 200 Kilometer vom Polarkreis entfernt.
Polarlichter – schon das Wort löst bei vielen Fotografen eine merkwürdige Erwartung aus. So viele Umstände müssen zusammenkommen und abgestimmt aufeinander passen, damit wir mit eigenen Augen diese Lichter zu sehen bekommen.

Vorhersagen, wie man sie mit Hilfe von Apps studieren kann, sind häufig vage, manchmal komplett daneben und häufig nicht zu trauen.

Es braucht schon eine Menge Erfahrung, um aus all den Informationen über Sonnenwind, Wetter, Wind, KP-Wert und der Dynamik der Polarteilchen eine halbwegs haltbare Prognose aufzustellen.

Insbesondere bei heiklen Wettersituationen wie in den vergangenen Tagen. „Das war diesmal wirklich eine schwierige Situation,“ sagt der studierte Fotograf Thomas Kast, der für ambitionierte Fotografen Polarlichtreisen in Finnland anbietet. „In einer Wolkendecke, die über ganz Lappland hängt, das eine Wolkenloch zu finden, damit die Reisenden nicht ohne Polarlichtfotos im Gepäck wieder abreisen müssen, das war dieses Mal wirklich knifflig.“

Neben der Erfahrung braucht es auch Routine, eine gute Intuition und ein Bauchgefühl der besonderen Art. Thomas Kast hat all das.

Seit Jahren beschäftigt er sich mit dem Thema.

Lesen Sie auch: Kann man Polarlichter hören?

Hat ungezählte Nächte draußen in der Kälte verbracht und tausende Fotos von Polarlichtern geschossen. So viele, dass er damit vermutlich eine ganze Bibliothek füllen könnte.

Auch Thomas spürt die stärkere Nachfrage nach Polarlichtreisen. Er hat seine frühere Tätigkeit bei einem finnischen Telekommunikationsunternehmen an den Nagel gehängt und seine Polarlichtpassion zum Beruf gemacht.

„Lange Zeit habe ich beides parallel gemacht, tagsüber gearbeitet, nachts Polarlichter fotografiert. Aber irgendwann muss man sich einfach entscheiden,“ sagt Thomas.

„Die Idee, dass diese Minipartikel von der Sonne Millionen Kilometer unterwegs sind im All, dann in die Atmosphäre rauschen, auf andere kleine Teilchen treffen und uns dadurch das Polarlicht schenken – das kann ich nicht greifen, das ist so unglaublich,“ erklärt Thomas seine nicht enden wollende Faszination. „Und die Idee dahinter ist die gleiche, egal, ob es ein großes oder kleines Polarlicht ist.“

Auch wenn er nicht im Norden, sondern in Karlsruhe aufgewachsen ist, hat er sich mittlerweile an die Kälte im Winter gewöhnt. Doch wie schützt man sich am besten gegen die Kälte, will ich von ihm wissen. Augenzwinkernd antwortet er: Drinnen bleiben. Aber das ist nicht wirklich eine Option.

Text und Fotos Tarja Prüss

INFOS
Thomas Kast: salamapaja.fi
Polarlichtvorhersagen: salamapaja.fi/aurora-realtime-forecast/
Region Enontekiö: tosilappi.fi
Unterbringung: hetan-majatalo.fi
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