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Glosse: Der Unabhängigkeitstag am 24. Februar ist der wichtigste Feiertag für viele Esten

Estland feiert heute Geburtstag

Nach langen Kämpfen gegen das russische Reich, bei dem viele Menschen ihr Leben ließen, errang Estland im Februar 1918 seine nationale Unabhängigkeit. Der 24. Februar gilt seitdem als der Geburtstag des estnischen Nationalstaates. Der Unabhängigkeitstag (Eesti Vabariigi aastapäev) ist Estlands wichtigster Feiertag überhaupt, der normalerweise mit Feuerwerk, Konzerten, Militärparade und einem Empfang bei der Präsidentin, sowie vielen offiziellen und inoffiziellen Feiern in Rathäusern der Städte und Gemeinden begangen wird.

24. Februar 1990
24. Februar 1990. „Besatzer raus aus Estland“ lautet eine der Losungen der Kundgebung am 72. Jahrestag der Republik Estland. Organisiert von der estnischen Volksfront, Vabaduse-Platz in Tallinn. (Foto: Viktor Rudko, Estnisches Filmarchiv)
Im Corona-Jahr 2021 fallen Parade, der Empfang, mit Händeschütteln und Küsschen, weg. Konzerte und Hissen der Flagge auf dem Langen Herrmann, der Teil des Sitzes des estnischen Parlaments in Tallinn ist, werden diesmal nur im Fernsehen übertragen.

Das mindert nicht den Stolz und die Hebung der inneren Haltung, die die Esten empfinden, wenn sie an den 24. Februar denken. Das wundert kaum, wenn man bedenkt, dass das kulturelle Bewusstsein und Zusammengehörigkeitsgefühl der Esten in Jahrhunderten der Fremdherrschaft unter großem Druck gehärtet worden sind.

Die Unabhängigkeit Estlands ließ generationenlang auf sich warten, zuweilen schien es, als käme sie nie.

Tag der Unabhängigkeit Estland
Menschenmassen am Tag der Unabhängigkeitserklärung in Pärnu, 23. Februar 1918. (Foto: gemeinfrei)
Schließlich, am 23. Februar 1918 wurde das „Manifest an alle Völker Estlands“ (Manifest kõigile Eestimaa rahvastele) vom Balkon des Endla-Theaters in Pärnu verkündet. Dieses proklamierte Estland als souveräne Nation. Die Menschen jubelten und stimmten die Nationalhymne Mu isamaa, mu õnn ja rõõm an. Am nächsten Tag, dem 24. Februar, erreichte das Manifest auch Tallinn und wurde dort veröffentlicht. Die Republik Estland war geboren.

„Für mich ist dieser Tag von ganz besonderer Bedeutung“, sagt Eino-Jüri Laarmann (85), Mitglied des Stadtrates von Pärnu. „Zu wissen, dass Estland unabhängig ist, ist ein gutes Gefühl.“

„Der 24. Februar ist auch der Tag, um der im Freiheitskrieg gefallenen Soldaten zu gedenken,“ so Eino Laarmann weiter gegenüber Nordisch.

Für viele Esten, die die Besatzung durch die Sowjetunion noch ganz bewusst erlebt haben, ist das der wichtigste Feiertag im Kalender eines jeden Jahres. Wichtiger noch als Weihnachten und Jaanipäev, das groß gefeierte Mitsommerfest Estlands.

„Es ist der Tag an dem der Grundstein für Estland gelegt wurde,“ sagt Laarmann, „Für mich ist das der wichtigste Feiertag Estlands.“

Doch auch die jüngere Generation in Estland teilt die Meinung eines alten Haudegens, wenn auch die Begründung leicht abweichend ist.

„Es ist der wichtigste Feiertag, weil die Feierlichkeit so groß ist“, sagt Maarja Laos (36), Academic Affairs Specialist aus Tallinn. „Esten sind nicht religiös, es gibt nur wenige gesetzliche Feiertage, da freut man sich natürlich, wenn der 24. Februar ansteht.“

Als die Unabhängigkeit zum ersten Mal verwirklicht wurde, währte sie nicht lang. 1940 besetzte Sowjetrussland gewaltsam das kleine Land, im Versuch, es zu assimilieren. Ein Gefühl, als sei das gemeinsame Kind der Esten, ihre Unabhängigkeit, sterbenskrank. Trotz redlicher Bemühungen der sowjetischen Ärzte, verstarb das Kind nicht. Im Gegenteil, es erholte sich ganz. Am 20. August 1991 genas die Unabhängigkeit zur neuen Stärke. Wiederum erkämpft durch die friedliche Revolution, die auch die singende genannt wird.

Was machen die Esten? Sie feiern ihren Nationalfeiertag als wäre er der persönliche Geburtstag eines jeden Esten. Können Bürger großer Staaten, die ihre Souveränität nie bedroht sahen, das nachvollziehen? Kaum.

Das prägt auch den Patriotismus der Esten. Nationalbewusstsein ist in Estland eine Selbstverständlichkeit. Doch der estnische Patriotismus unterscheidet sich sehr vom Patriotismus, wie er in traditionell expansionistischen Staaten gelebt wird oder gelebt wurde. Nicht Ehre, Gehorsam und Überlegenheitsfantasien sind Leitmotiv des Nationalgefühls, sondern Glücksempfinden über die nationale Unabhängigkeit, die ein Garant der persönlichen Freiheit ist.

Ein Gemeinschaftsgefühl und -gefüge, das den Individualismus der Esten ermöglicht. Eigentlich benötigt dieser Patriotismus eine eigene Bezeichnung, die uns leider gerade nicht einfallen will.

Wie begeht Herr Laarmann diesen Tag?

„Der Tag beginnt damit, dass ich mir beim Sonnenaufgang das Hissen der Fahne anschauen gehe. Gefolgt von einem feierlichen Frühstück (statt Haferbrei gibt es Omelett).“

„Wenn das Wetter es zulässt, mache ich einen kleinen Spaziergang durch die Stadt, falls nicht, dann eben eine Autofahrt“, erzählt uns Eino-Jüri Laarmann. „Zum abendlichen Tee genehmige ich mir einen kleinen Schnaps und schaue mir das feierliche Abendprogramm im Fernsehen an.“

„Ich fühle mich schon ein wenig patriotisch an diesem Tag“, sagt Maarja Laos, „Bei mir wird es wahrscheinlich Kiluvõileib geben, ein typisch estnisches Sprotten-Butterbrot mit Ei und Zwiebeln, das besonders gern am Unabhängigkeitstag serviert wird.“

Eino-Jüri Laarmann und viele andere heute beim Fahnehissen beim Sonnenaufgang in Pärnu

In diesem Sinne: Head vabariigi aastapäeva!

ap

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