Reisebericht Isle of Skye

Roadtrip durch Schottland III: Wundervolle Isle of Skye

| 30.01.2017 - 19:26 Uhr

Trotz zweier schöner Tage in Edinburgh freuten wir uns, den urbanen Teil unserer Reise hinter uns zu lassen. Die Streckenplanung mit Ziel Isle of Skye sah zunächst vor, der schottischen Hauptstadt über die Autobahn M8 in nordwestliche Richtung die Rücklichter zu zeigen. Zeit hatten wir für die rund 250 Kilometer auf die Hebrideninsel massig eingeplant. Einziges Muss: das rechtzeitige Erreichen einer Fähre von Mallaig nach Armadale auf Skye am späten Nachmittag.

 Loch Lubnaig Highlands

Loch Lubnaig am Tor zu den Highlands.

Es war eine Route, für die wir uns bereits im Vorfeld der Reise entschieden hatten, ohne uns mit allzu vielen Details zu befassen. Der Plan war vielmehr, alles möglichst planlos auf uns zukommen zu lassen. Und so viel sei verraten: Unser Vertrauen in die viel beschworene Schönheit der südwestlichen Highlands sollte an diesem Oktobertag alles andere als enttäuscht werden.

Raus aus der Stadt, rein in die Highlands

Wie schon die Tage zuvor war das Wetter prima, Sonne satt bei erstaunlich wärmenden 18 bis 19 Grad. Nach dem Ende der Schnellstraße bei Stirling ging es weiter über die A84 Richtung Oban, wobei sich in unserem Auto ob des nachlassenden Verkehrs und der sich schlagartig ändernden Straßenverhältnisse echte Erkundungsfreude breitmachte. Keine Frage: Wir näherten uns jenem naturgewaltigen Teil von Schottland, von dem man sich immer wünscht, dass das subjektive Empfinden den Hochglanz-Darstellungen vieler Reiseführer und Prospekte doch bitte, bitte standhalten möge.

Kilchurn Castle am Loch Awe

Kilchurn Castle am Loch Awe.

Den ersten Stopp des Tages legten wir an einem See namens Loch Lubnaig ein. Was zunächst als kurze Pinkelpause geplant war, entwickelte sich zu einer anderthalbstündigen Spontanwanderung durch das verschlungene Wegenetz des angrenzenden Waldes. Mehrfach querten wir einen Bachlauf, der idyllischer kaum hätte sein können, dazu ein satter Moosgeruch. Noch heute erinnere ich mich mit Freude an diese ersten, im Grunde völlig unspektakulären Eindrücke aus den Highlands.

Je weiter wir fuhren, desto klarer wurde uns, dass Zeitnot an diesem Tag der völlig falsche Impulsgeber gewesen wäre. Wir genossen es, mit dem Auto durch die Gegend zu gondeln, weil jede Kurve, jede Anhöhe die Chance bot, dass dahinter wieder etwas Schönes zum Vorschein kam. So steuerten wir über die A85 auf Kilchurn Castle am Loch Awe zu, unseren nächsten – diesmal fest eingeplanten – Haltepunkt. Man muss ein paar Meter runter von der Straße auf eine Art Landzunge, um an die direkt am See gelegene Ruine zu gelangen. In meiner Erinnerung ist es ein richtig schönes Fleckchen Erde fürs Picknicken bzw. eine längere Pause.

Unbeschreiblich: Saint Conan’s Kirk am Loch Awe

Danach wurde es surreal. Gut gesättigt und energiebetankt saßen wir keine fünf Minuten wieder im Auto, als wir linkerhand und mitten im Gespräch für den Bruchteil einer Sekunde ein Gebäude wahrnahmen. Was war das denn gerade, fragten wir uns. Laut Karte konnte hier keine Sehenswürdigkeit sein, nichts dergleichen war vermerkt. Dennoch beschlossen wir zu wenden, um der Sache auf den Grund zu gehen – nicht unsere schlechteste Idee an diesem Tag.

Saint Conan’s Kirk

Am Wegesrand: Saint Conan’s Kirk.

Ich will es kurz machen: Kein Bauwerk hat mich jemals so gefesselt, so ergriffen, so sprachlos gemacht wie Saint Conan’s Kirk am Nordufer des Loch Awe. Nicht falsch verstehen, das ist jetzt kein Glaubensding, sondern es war einfach die schiere Präsenz dieser außergewöhnlichen, fast märchenhaften Kirche, die unser Empfinden in diesen unverhofften Momenten voll und ganz vereinnahmte.

Innenansicht Saint Conan’s Kirk

In der Saint Conan’s Kirk.

Noch vor Ort hätte ich aus reiner Sensationsverblödung wahrscheinlich Drehgenehmigungen für kitschige Filme über Saint Conan’s Kirk unterschrieben. Oder sonstigen PR-Quatsch, auf dass jeder, wirklich jeder Mensch auf der Erde bald wüsste, dass sich die Lösung hier, am Loch Awe in Schottland befindet. Gut, dass es genau anders ist, sage ich bei Sinnen, denn wenn Saint Conan’s Kirk eines nicht braucht, um seinen kleinen Zauber zu versprühen, dann sind es Kassenhäuschen, Kioske und Busparkplätze.

Zugfahrt mit Harry Potter, Fährfahrt auf Skye

Weiter ging es bis kurz vor Oban und von hier aus die A828 hoch über Fort William in Richtung Mallaig und Fähre. Ein mögliches Ziel wäre auf diesem Abschnitt noch Ben Nevis gewesen, der mit 1340 Metern höchste Berg auf der Insel. Aber die Zeit hatten wir dann doch nicht mehr. Also entschieden wir uns für einen kurzen und letztlich wenig spektakulären Abstecher zum Glenfinnan Viaduct, einer unter Harry-Potter-Fans bestens bekannten Eisenbahnbrücke.

Jacobite Dampflok

Jacobite, die Dampflok.

Unbedingt in Aktion sehen wollten wir aber noch den Jacobite, einen uralten Dampfzug, der das Viadukt auf seinem Weg von Fort William nach Mallaig mehrmals am Tag überfährt. Da wir ihn hier scheinbar knapp verpasst hatten, versuchten wir ein Stück weiter nochmal, den Zug beim Fahren zu fotografieren, diesmal von einer über die Gleise führenden Autobrücke aus. Geschafft, dabei kurz im Dampf gestanden, abgehakt, weiter zur Fähre.

Das Übersetzen von Mallaig auf Skye dauerte etwa 45 Minuten und bescherte mir, da ich die meiste Zeit des Tages mit Fahren beschäftigt war, den entspanntest möglichen Blick auf das vor und hinter uns liegende Naturspektakel. Bekanntermaßen gibt es bei Kyle of Lochalsh auch die Möglichkeit, mit dem Auto nach Skye zu kommen. Von dieser Option wollten wir aber erst Tage später beim Verlassen der Insel Gebrauch machen.

Kurz vor Mallaig, Blick Loch Hourn

Kurz vor Mallaig, Blick auf Loch Hourn.

Gebucht hatten wir in einem B&B in Portree, wobei wir da noch nicht wussten, mit welch schönem Ausblick auf Bucht und Hafen uns das Zimmer verwöhnen würde. Die Vermieterin, eine ältere Dame, war vielleicht einen Tick reserviert, dafür aber sehr auf Sauberkeit und ein leckeres Frühstück bedacht. Besser als andersrum, denke ich gerade.

Da unser Tatendrang noch nicht vollends gestillt war, nutzten wir das letzte Tageslicht für die Erkundung des nördlich von Portree gelegenen Lealt-Wasserfalls. Dort angekommen, kletterten wir die imposante Steilküste über einen Pfad hinunter, der jeden TÜV-Prüfer direkt in den Wahnsinn getrieben hätte. In Schottland jedoch, und speziell auf Skye, scheint man mit Gefahrenregulierung nicht viel anfangen zu können – eine Beobachtung, die sich ein wenig wie ein roter Faden durch die nächsten Tage ziehen sollte.

Überfahrt nach Skye

Überfahrt nach Skye.

Skye ist wunderbar – und eine Spur gefährlich

Bitte nicht falsch verstehen, auf der Insel finden keine dramatischen Versäumnisse statt, das nicht, aber weit mehr als in Deutschland setzt man augenscheinlich auf Eigenverantwortung und vielleicht auch eine Portion Glück, dass nichts passieren möge. Ich denke da an Verbindungsstraßen, die teils so eng sind, dass lediglich kleine Ausbuchtungen alle paar hundert Meter Verkehr und Gegenverkehr überhaupt ermöglichen.

Ausblick über die Bucht von Portree

Ausblick vom B&B aus über die Bucht von Portree.

Umzäunte Schaf- oder Kuhweiden? Meist Fehlanzeige, weshalb ich für mich auf Skye das Bremsen auf Verdacht als echte Alternative zur roten Ampel entdeckt habe. Absperrungen für übermütige Fotografen an den zum Teil turmhohen Steilküsten? Fehlanzeige! Doch das schier unerschütterliche Sicherheitsgefühl der hiesigen Bevölkerung hat auch eine extrem charmante Seite: den Glauben nämlich an das Gute im Menschen. Nie vergessen werde ich das allein stehende Haus im Nordwesten der Insel, wo draußen – für jedermann sichtbar – ein kleines Regal mit selbstgemachter Erdbeermarmelade und frischen Eiern angebracht war. Bitte legen Sie das Geld in die Schachtel an der Tür, stand da. Ohne Worte.

Steilküste in der Nähe des Lealt-Wasserfalls

Steilküste in der Nähe des Lealt-Wasserfalls.

Tag zwei auf Skye war vollgepackt mit Sehenswürdigkeiten, entsprechend viele Kilometer im Auto lagen wieder einmal vor uns. Zunächst führte uns die Route erneut in nördliche Richtung zum Mealt-Wasserfall bei Staffin, der sich über die Steilküste direkt hinab ins Meer ergießt. Diesmal gab es nichts zu erklimmen, vielleicht besser so. Ein Stück weiter bei Brogaig verließen wir die Küstenstraße, um über eine traumhafte Gebirgspassage langsam, aber sicher in den Westteil von Skye zu gelangen, wo unsere eigentlichen Tagesziele lagen: ein ganz und gar außergewöhnlicher Strand bei Claigan, der Neist-Point-Leuchtturm und Dunvegan Castle.

Der Mealt-Wasserfall bei Staffin

Der Mealt-Wasserfall bei Staffin.

Entspannung an Coral Beaches, Kopfkino an Neist Point

Die Coral Beaches bei Claigan sind nur über einen Pfad am Meer zu erreichen, der alleine schon eine Wanderung wert wäre: Ruhe satt bei bester Sicht über die Bucht mit Namen Loch Dunvegan. Während einige Kilometer weiter östlich noch turmhohe Steilklippen das Land jäh vom Meer trennen, ist der Übergang hier deutlich weicher, um nicht zu sagen freundlicher – im Grunde ein „Spaziergang“.

Am Ziel angekommen, traut man erstmal seinen Augen nicht. Was ist das hier? Wie kann es sein, dass auf einer rauen Insel wie Skye auf einmal ein paar hundert Meter Sandstrand warten, die eine Leuchtkraft haben wie in der Südsee? So richtig konnten sich dieses Phänomen eine Zeitlang wohl auch die Fachleute nicht erklären, weshalb sich der (geologisch nicht ganz richtige) Begriff Coral Beach einbürgerte. Optisch jedoch passt er voll und ganz – ein schönes Ausflugsziel.

Bleibt die Kuh stehen, ist alles gut

Bleibt die Kuh stehen, ist alles gut.

Der nächst Tagesabschnitt führte uns zu einem Leuchtturm am westlichsten Punkt von Skye: Point Neist. Und auch hier war es so, dass die Autostraße in gebührendem Abstand von der Sehenswürdigkeit endete, weshalb für uns der nächste Fußmarsch anstand. Das Wetter war schon wie die Tage zuvor unser Freund, viel Sonne, kein Sturm. Alles bestens.

Das Beeindruckende an dem Leuchtturm ist, dass er sich auf einer kleinen Landzunge befindet, die der leicht stufenförmig abfallenden Steilküste vorgelagert ist. Von oben hat man einen derart wundervollen Blick auf die Hebridensee, dass man sich den Weg runter zum Leuchtturm fast schenken kann. Im Vergleich zu Coral Beach ist es hier wieder die raue, die urgewaltige Seite von Skye, die einem fast den Atem nimmt.

Kleiner Friedhof im Zentrum von Skye

Von Küste zu Küste – kleiner Friedhof im Zentrum von Skye.

Zeit also für ein paar unvergessliche Fotos, wird sich meine Freundin noch gedacht haben, als sie ein paar Meter hinab auf einen Felsvorsprung mit Top-Blick auf den Leuchtturm kletterte. Ich selbst hatte gleich ein mulmiges Gefühl bei der Aktion, wollte aber auch nicht übervorsichtig sein – so wie eben üblich auf Skye. Ein paar Meter weiter sah die Sache für mich schon ganz anders aus. Denn von hier, quasi im Panorama, konnte ich genau erkennen, auf was für einem Felsvorsprung meine Freundin da gelandet war.

Auf gar keinem Felsvorsprung nämlich, sondern eigentlich hockte sie auf nicht mehr als einer ziemlich dünnen Steinplatte, die gut einen Meter über den Abgrund hinausragte. Ich war so in Panik, dass ich es selbst jetzt beim Schreiben dieser Zeilen noch spüre: ein echter Scheißmoment auf Skye. Zum Glück hielt der Fels (wie wahrscheinlich 3 Millionen Jahre davor auch schon), und es ist beim Kopfkino geblieben. Dennoch brauchte es neben einer innigen Umarmung noch eine kräftige Standpauke, um meinen Seelenzustand wieder halbwegs auf Urlaub zu stellen.

Reisebericht Skye: Fußweg zu Coral Beaches

Fußweg zu Coral Beaches – fast erreicht.

Für Dunvegan Castle reichte es nur noch bis zum Parkplatz

Da der Tag nach diesem emotionalen Ritt über Skye schon wieder fortgeschritten war, blieb nicht mehr viel Zeit für unser drittes und letztes Ziel: Dunvegan Castle. Wenn ich mich recht erinnere, hätten wir mit Erreichen des Parkplatzes gerade mal eine gute Dreiviertelstunde Zeit gehabt, um für 13 Pfund pro Person durch das historische Gemäuer zu hetzen. Wir haben uns dann dagegen entschieden, wobei ich in diesem Moment den zuvor erlebten Stress am Felsen gerne gegen eine gemütliche Burgführung mitsamt Parkbesichtigung getauscht hätte. Hoffentlich ein andermal, sagten wir uns beim Verlassen des Parkplatzes in Richtung B&B.

Im Nachhinein muss ich gestehen, dass wir Skye mit unserer Zeitplanung schweres Unrecht zugefügt haben. Die Insel ist es definitiv wert, länger als nur zwei Nächte besucht zu werden. So soll es tolle Wanderrouten durch das zerklüftete und gänzlich unbewohnte Hochgebirge im Südwesten der Insel geben (Richtung Loch Coruisk). Und auch den äußersten Norden – Duntulum Castle etc. – haben wir aus Zeitgründen nicht mehr erkunden können.

Gefährliches Foto: Der Point-Neist-Leuchtturm

Gefährliches Foto: Der Point-Neist-Leuchtturm.

Bewusst verzichtet haben wir hingegen auf einen Besuch der bekannten Talisker-Destillerie, da ich hier bereits Jahre zuvor bei einem Trip mit Schulfreunden ein wenig enttäuscht worden war. Denn leider ist es so, dass die hochmodernen Produktionsstätten des schottischen Whiskys heute jegliche Eichenholzromantik vermissen lassen. Hätte man sich angesichts der Milliardenumsätze des Metiers sicherlich denken können. Schade ist es trotzdem. Am nächsten Morgen ging es für uns über die Brücke nach Kyle of Lochalsh zurück auf die schottische Hauptinsel: Auftakt zum letzten Teil unseres Roadtrips.

 
sh
 

Lesen Sie die anderen Teile des Reiseberichts

Teil 1 unserer Schottland-Reise-Serie

Teil 2 unserer kleinen Schottland-Serie dreht sich um das großartige Edinburgh und die nicht minder reizvolle Weiterfahrt in Richtung Isle of Skye.

Teil 3 gehört einzig und alleine Isle of Skye. Drei tolle Tage auf der Insel – und trotzdem längst nicht alles gesehen.

Teil 4 widmet sich dem einzig wahren Highlander-Schloss, Whisky-Hochburgen, Dunnottar-Castle und einem Tal, das großartiger nicht sein könnte. Ach ja, und die Sintflut war auch noch am Start.

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