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Auf „Nummer sicher“ gehen und Deutsche werden

Ein Mal Brexit, bitte. Ohne Rückflug.

Der 23. Juni 2016 war für viele Briten, Europäer und alle anderen, die es interessierte, ein schallender Schlag in die Fresse. Schnell, unerwartet, siffig und pulsierend schmerzhaft. 51,89% der Bevölkerung des Vereinigten Königreichs stimmte für einen Austritt aus der Europäischen Union und ließ die restlichen 48,11% wie verlorene Kinder im Regen stehen. Triumphal wurde dieser niederschmetternde Sieg von den 51,89% gefeiert und die 48,11% trauerten oder erstarrten im Schock.

Brexit Schottland
„Der Brexit ist ein zivilisatorischer Rückschritt, unter dem Großbritannien und die EU leiden werden.“, sagt unsere Autorin und Schottland-Expertin Nicola.
(Grafik Pete Linforth)

Fassungslosigkeit. Heute immer noch. Nach der zweijährigen Verhandlungsperiode ist am 29. März 2019 um 23 Uhr der Austritt rechtskräftig, und jedes mal, wenn ich daran denke, überkommt mich Übelkeit. Ich spüre tiefen Weltschmerz.

Unwahrheiten, unklare Fakten und die Unfähigkeit eines Premierministers, der einen irreparablen Fehler gemacht hatte – David Cameron setzte damals auf eine negative, auf Angst basierende Pro-EU Kampagne, die den Austritt als Horrorszenario für Großbritannien propagierte, anstatt die EU mit positiver Konnotation zu belegen – spalten nicht nur die Briten, nicht nur ein Königreich und Europa, sondern nehmen auch vielen die Hoffnung auf die mittlerweile im Nebel liegende Zukunft.

„Ich gehe auf Nummer sicher und werde Deutsche!“, sagte Mutter zu mir und wir sahen uns ein paar Sekunden einfach nur an. Was sollte ich sagen? Ich konnte nicht mal, ob der prekären Sachlage auf unserer Insel, widersprechen. Wie geht es weiter? Was machen die Schotten? Wie um Himmelswillen geht es nur mit meinen geliebten Schotten weiter? 47% der Schotten sind für die Loslösung von Großbritannien. 43% dagegen und 10% sind sich noch unklar oder dümpeln im Ministry of Magic rum.

Meine Mutter zog 1972 mit meinem Vater, einem Österreicher, nach München und lebte 25 Jahre in Deutschland, bis sie 1997 wieder nach Schottland zog und im Jahr 2009 zurück nach Deutschland kam, um mit ihren Enkelkindern zu sein. Und wenn wir ehrlich sind, kotzte sie das Wetter in Schottland einfach an.

Ihre Nationalität ist für meine Mutter eine Herzensangelegenheit. In ihrem Leben verbrachte sie viel Zeit damit, zu erklären, dass sie nicht Engländerin, sondern Schottin ist, allerdings generell als Britin bezeichnet werden möchte, denn es ist schließlich ein vereinigtes Königreich.

Sie prägte damit auch meine Liebe zur Insel, die sechs Jahre lang meine Heimat war. Und jetzt? Jetzt wird sie Deutsche.

Versteht mich nicht falsch, deutsch zu sein ist ok. Aber deutsch sein ist nicht schottisch sein. Meine Mutter gibt ihre Identität unter Zwang ab. Unsicherheit, absolute Ahnungslosigkeit in Bezug auf die zukünftigen Ereignisse in diesem Debakel, zwingen sie zu diesem Schritt.

„Auf Nummer sicher gegangen“ sind bereits um die 7.000 Briten, die in Deutschland seit mehr als acht Jahren zuhause sind.

Da muss man schon kurz innehalten und sein Oberstübchen durchlüften. Die Unsicherheit, die von denen, die uns durch uns regieren, geschürt wird, und uns dazu zwingt, „auf Nummer sicher zu gehen“. Für mich persönlich eine erbärmliche Schande. Ein unangenehmer Griff ins Private, die die Brexiteers und ihre, bestenfalls, mediokren Leader, sich erlauben. Die Zurschaustellung einer grausamen Kompetenzüberschreitung. Pfui!

Ich bereite mir und meinem Weltschmerz eine Tasse Scottish Blend zu und harre griesgrämig der Dinge.

Slainte!

Ein Kommentar von Nicola Kelly

Über die Autorin
Nicola, aufgewachsen in Edinburgh und München, studierte Schottische Geschichte und arbeitete bei The Witchery Tours als offizielle Geschichtenerzählerin und Erschreckerin (als erste und einzige Frau), wo sie viele Touristen in Angst und schreckliches Vergnügen versetzte.

Ihre Familie ist weiterhin in Edinburgh und erschrickt sich nicht mehr.

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