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Der Konflikt im Inneren

Litauen: Buchläden verbannen russische Literatur

Was die aktuelle Rolle Russlands betrifft, gibt es – erst recht – in den baltischen Regierungen keine zwei Meinungen. Russland, Moskau, der Kreml, Putin und Co. werden nicht nur als militärischer Aggressor in der Ukraine wahrgenommen, sondern als Bedrohung für das eigene Territorium.

Russische Literatur Verbot
Viele litauische Buchhandlungen verkaufen keine russischen Bücher mehr.
Als gewaltige Bedrohung, um die Gefühlslage vielleicht noch etwas konkreter zu zeichnen, wofür es gute Gründe gibt. Putin, so geschwächt oder ungeschwächt er momentan auch sein mag, hat seine mit reichlich Historie vermengte Agenda nämlich längst verfasst. Und diese bezieht das Baltikum explizit mit ein.

Umso entschiedener ist seit Kriegsbeginn in der Ukraine die Abkehr der baltischen Staaten vom übergroßen Nachbarn im Osten. Besonders plastisch geschah und geschieht dies durch die Entfernung alter Sowjet-Monumente, worüber auch wir schon mehrfach berichtet haben.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Abkehr von Russland mittels Abrissbirne unter teils lautstarkem Protest ethnischer Russen im Baltikum geschieht. Dem Protest eben jener Bürgerinnen und Bürger, die einen starken Bezug zu Russland haben. Familiär / per Pass, freundschaftlich oder politisch treu ergeben.

Man muss wissen: In einigen Städten des Baltikums stellen Menschen mit russischem Hintergrund nach wie vor die Mehrheit, gerade in den östlichen Gebieten, womit eines klar ist: Ganz so einfach ist das mit dem Radikalentzug von Russland nicht.

Und das wiederum ist der Zwiespalt, um den der Kreml weiß. Und der dort gehegt und gepflegt wird, weil gelernt nun mal gelernt ist.

Die Fragen zwischen Richtig und Falsch verläuft in Litauen durch den Buchladen

Passend dazu hat LRT.lt diese Woche einen Artikel gebracht, der die alles andere als einfache Gemengelage treffsicher auf den Punkt bringt.

Und zwar verbunden mit der kniffligen Frage: Wie viel Abkehr von Russland muss bzw. darf es denn eigentlich sein, ohne selbst den Kompass zu verlieren? Oder: Wo genau verläuft sie denn nun, die Grenze, ab der man aus absolut guten Gründen anfängt, Fehler zu begehen?

Am Beispiel des Büchermarktes in Litauen wird in dem Artikel schnell klar, dass diese Grenze längst noch nicht gefunden worden ist. Oder anders gefragt: Sucht momentan überhaupt jemand danach?

Als Bestandsaufnahme schildern die Autoren zunächst, dass die großen Buchhandlungen in Vilnius, Kaunas und anderswo im Land als Reaktion auf den Krieg in der Ukraine das Gros der russischsprachigen Literatur längst aus dem Verkauf genommen haben.

Aus dem Blickwinkel von Rita Račkaitė, Generaldirektorin einer Kette von Buchhandlungen, klingt das dann so: „Die Entscheidung, in Russland und Weißrussland erschienene Bücher aus unseren Regalen zu nehmen, fiel schon einen Tag nach dem Einmarsch in die Ukraine.“

„Wir haben das getan, um unsere staatsbürgerliche Haltung und Solidarität mit der Ukraine zum Ausdruck zu bringen. Wir wollen einfach keine Unternehmen unterstützen, die in Russland und Weißrussland tätig sind und damit indirekt den Krieg unterstützen“, so Račkaitė weiter.

Zwar gebe es auf Nachfrage in bestimmten Buchhandlungen noch „russische Bildungsliteratur“, aber das sei es dann auch. „Die Kundinnen und Kunden sind gelegentlich daran interessiert, aber die große Mehrheit versteht und unterstützt unsere Position“, schließt Račkaitė.

Auf der Buchmesse in Vilnius haben russische Autoren keinen Platz mehr

Ein anderes Beispiel: Die Buchmesse Vilnius, bei deren Auflage im Februar 2023 keine russischsprachige Literatur vertreten sein wird. In den letzten Jahren war das noch anders, Verleger aus Russland waren wie selbstverständlich anwesend. Einen gewissen Markt dafür gibt es ja in Litauen. Eigentlich.

„Ich kann Ihnen sagen, dass 2023 keine russischen Autoren unter den Gästen sein werden, es werden auch keine Bücher in russischer Sprache präsentiert. Aber es wird einen ganzen Stand geben, der der Ukraine gewidmet ist“, wird eine leitende Mitarbeiterin der Messe zitiert. Klar, konsequent, kann man so sehen.

Dem Historiker Grigorijus Potašenko von der Universität Vilnius (Fachbereich: russische Litauer, Geschichte und Erinnerung) geht das alles hingegen zu weit. Viel zu weit. Der gegenwärtige Literaturboykott, so sieht er es, ziehe fundamentale Fragen zu den Rechten der in Litauen lebenden Russen nach sich, womit wir wieder bei der Sache mit der Grenze wären.

Zugleich schildert er seine Beobachtung, dass in Litauen kaum noch zwischen einheimischen und ausländischen Russen unterschieden werde. „Das ist besorgniserregend. Wir werfen Russland, die russische Kultur und die einheimischen Russen zu schnell in einen Topf. Das ist nicht richtig.“

Ein Problem dabei sei, dass man in Litauen so gut wie nichts über die im Land lebenden Russen wisse. „Ich denke, das ist nicht normal“, sagt Potašenko, für den andererseits klar ist: „Wenn wir den Aggressor bekämpfen wollen, müssen wir das tun.“

Aber: „Wenn wir dabei zu spezifischen Einschränkungen der kulturellen Rechte der einheimischen Russen übergehen, wirft das große Fragen auf“, wird aus den Worten des Historikers klar, welch schwierigen Weg die baltischen Staaten zu meistern haben. Gerade auch nach innen.

Weil es so gut zum Thema passt: Bei Arte gibt es eine neue Doku über die estnische Stadt Narva, von der es wirklich nur ein Steinwurf bis nach Russland ist. Dort haben 90 Prozent der Einwohner einen direkten russischen Hintergrund, was derzeit natürlich so eine Sache ist: ARTE.tv.

Unser QUIZ zum Thema LITAUEN

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