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Zu Gast an der russischen Grenze

Narva: Die Grenzstadt mit dem Langen Hermann

Offensichtlich wenig feinsinnige Architekten haben dem Stadtbild Narvas im Verlauf der Sowjetbesatzung wahre Bärendienste erwiesen. „Grau” ist die deutlich dominierende Gebäudefarbe vieler Wohngegenden. Tristesse als Regelfall.

narva nowgorod festung
Was ein Ausblick! Die Festung Iwangorod am russischen Ufer des Flusses (Foto: Makalu)
Besonders schonungslos wird dem Betrachter die Problematik der sowjettypischen Schnellbauweise vor allem am Beispiel des „modernen” Rathauses vor Augen geführt – auf seine unverkennbare Art fast schon wieder ein Erlebnis.

Anders ausgedrückt muss man in Narva eben häufig ein wenig genauer hinsehen, um etwas vom rustikalen Charme einer mittelalterlichen Befestigungsstadt zu erkennen.

Dass es in Narva auch anders geht, kommt heute vor allem dort positiv zum Tragen, wo nach Ende des 2. Weltkriegs gar nicht erst „nachgebessert“ werden musste.

So sind Teile der mächtigen Hermannsfeste (Hermanni linnus) offenbar vor größeren Zerstörungen verschont geblieben.

Sie thront noch immer bedrohlich über der Stadt, unmittelbar gegenüber der nicht minder sehenswerten Festung Ivangorod gelegen.

Der „Lange Hermann“ überragt alles

Am beeindruckendsten präsentiert sich der ca. 50 Meter hohe „Lange Hermann“ (Pikk Hermann), der mächtige Wehrturm der Festungsanlage. Verteilt über die Etagen des Gebäudes befinden sich eine Reihe öffentlich zugänglicher Kunst-Sammlungen zur bewegten Stadtgeschichte.

Der ursprüngliche Charakter Narvas wird anhand von Fotos und Gemälden sehr anschaulich dokumentiert.

In nördlicher Richtung erstrecken sich entlang der Narva mehrere ehemalige Bastionen, von denen jedoch nur wenig übriggeblieben ist.

Einst war die gesamte Altstadt von derartigen Bauwerken umzäunt – schließlich war „Schutz“ in Narva über Jahrhunderte hinweg stets ein Schlüsselbegriff des alltäglichen Lebens.

Ein Mittelpunkt der Altstadt ist das wiedererrichtete Barockrathaus, das ursprünglich 1671 fertiggestellt und im Geschichtsverlauf schwer beschädigt wurde.

Angesichts der sonst eher schmucklosen Umgebung scheint es jedoch ein wenig fehl am Platz.

Im Grunde ist es schade: Fast überall in Narva sind Historie und Stadttradition deutlich zu erahnen, ohne jedoch als Einheit sichtbar zu sein.

Letztlich zeugt – für jedermann in Estland deutlich erkennbar – allenfalls der inzwischen ausgediente 5-Kronen-Schein mit seiner Abbildung der sich beiderseits des Flusses belauernden Festungsanlagen ein wenig von der „guten” alten Zeit.

Hermannsfeste Narva
Die Hermannsfeste in Narva mit ihrem „Highlight“ – dem Langen Hermann. (Foto Nordisch.info)

Und am anderen Ufer ist Russland

Narva grenzt im Nordosten Estlands direkt an russisches Staatsgebiet. Dabei ist es eigentlich nur der Existenz des gleichnamigen Flusses zu verdanken, dass die so ungeliebte Besatzungsmacht vergangener Tage zumindest einen Steinwurf weit von estnischem Grund und Boden entfernt liegt.

Mit rund 55.000 Einwohnern ist Narva für estnische Verhältnisse zwar eine Großstadt, bleibt aus touristischer Sicht jedoch ohne größeres Gewicht. Zu gravierend sind vielerorts die architektonischen Verfehlungen der Sowjet-Ära.

Der Grund: Narva wurde im Verlauf des 2. Weltkriegs großflächig zerstört. Für einen optisch ansprechenden Neuaufbau fehlte es in der Folgezeit offensichtlich an Geld und Inspiration.

Heute sind es daher lediglich vereinzelte Bauten und Monumente, die mittelalterliche Ursprünge erkennen oder Vergleichbares zumindest erahnen lassen.

Überhaupt schien städtebauliche Ästhetik in Narva nie ein Thema gewesen zu sein. Warum auch? Die Festungsstadt hatte zeit ihres Bestehens andere Aufgaben zu erfüllen, sie musste vor allem stark sein und ihren Bewohnern Schutz gewähren.

Gute Stunde bis Sankt Petersburg

Man würde es sich jedoch zu einfach machen, Narva schlicht als das Opfer seiner geografischen Lage zu bezeichnen.

Einerseits gibt es auch hier – obwohl lediglich selektiv – eine Reihe sehenswerter Details zu entdecken.

Andererseits ist die Stadt – Schönheit hin oder her – einer der wichtigsten überregionalen Verbindungsarme nach Russland.

Beispielsweise beträgt die Entfernung von hier aus in die russische Weltmetropole Sankt Petersburg gerade einmal 100 Kilometer. Sehr gut erreichbar über die in Tallinn beginnende Autobahn Nr. 1 beziehungsweise die E20, wobei an der Grenze natürlich ein Visum Pflicht wäre.

Weiterführende Informationen zur Stadt Narva:

  • Stadtportal Narva: Die offizielle Webseite zu Narva lässt ihre Besucher am kulturellen und kulinarischen Leben der Stadt und der Region teilhaben. Aktuelle Events werden ebenfalls gelistet und kurz vorgestellt. Zudem gibt eine Stadtkarte „Tourist Map“ einen guten Überblick über die Lage der einzelnen Sehenswürdigkeiten im Stadtbereich. Mehr Infos finden sich unter dem folgenden Link.

  • Webseite: www.narva.ee (auf Englisch)

  • Burg zu Narva: Wie bereits beschrieben, ist die Burg DIE Hauptattraktion der Stadt. Sie wurde im 13. Jahrhundert errichtet und gilt als eine der am besten erhaltenen Verteidigungsanlagen in ganz Estland.

    Ihr höchster Punkt ist der 51 Meter hohe Hermannsturm. Im innenliegenden Museum wird die Geschichte der Anlage mithilfe von Displays sehr anschaulich dargestellt. Zudem gibt es im nördlichen Innenhof ein paar Anlaufstellen, wo man sich im traditionellen estnischen Handwerk ausprobieren kann. Dass das Zielpublikum (noch) in erster Linie russisch ist, zeigt auch die Tatsache, dass die Webseite der Anlage nur in estnischer und russischer Sprache vorliegt. Für einen Eindruck reicht es aber…

  • Webseite: www.narvamuuseum.ee (nur auf Russisch und Estnisch)

sh

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