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„Demografische Dividende“

Irlands Bevölkerungswachstum: Beispiellos in der EU – aber auch Garant für wirtschaftlichen Erfolg?

Es ist schon sehr speziell, was Irland in demografischer Hinsicht vorzuweisen hat. Da ist zum Beispiel folgende Zahl: Es gibt nur ein europäisches Land, in dem die Bevölkerung heute fast 80 Prozent größer ist als noch vor 60 Jahren. Nämlich Irland.

Irland Einwohnerzahl
Die Daten des Statistischen Amtes Irlands für 2021 deuten auf eine deutliche Verlangsamung des Bevölkerungswachstums hin. (Symbolbild: Rudy and Peter Skitterians)
Im Gegensatz dazu gibt es aber auch nur ein europäisches Land, das heute eine geringere Bevölkerungszahl als vor 170 Jahren hat. Genau, wieder ist es Irland. Das zeigt bereits, welch gewaltige Brüche die Insel und ihre Bevölkerung in der jüngeren Geschichte erlebt haben müssen.

Die demografische Bruchkante schlechthin stellte für die Insel die große Hungersnot (Great Famine) der Jahre 1845 bis 1849 dar, ausgelöst durch eine damals neuartige Kartoffelfäule.

Allein dieser Periode fielen etwa eine Million Menschen zum Opfer – über 10 Prozent der damaligen Bevölkerung. Damit nicht genug, denn weitere zwei Millionen wanderten in den Folgejahren aus, sodass Irlands Population (als Ganzes) zwischen 1840 und 1855 von rund 8 Millionen auf unter 5 Millionen fiel.

Seinen historischen Tiefststand erreichte Irland (als Republik) dann im Jahr 1961 mit etwa 2,8 Millionen. Die langanhaltende Auswanderungsgeschichte – vieles davon in Richtung Nordamerika – und eine Verkettung gravierender wirtschaftlicher Misserfolge hatten die Insel fast in die demografische Bedeutungslosigkeit katapultiert.

Demografische Entwicklung, bezogen auf das Territorium der heutigen Republik Irland

Jahr Bevölkerung
1841: 6.528.799
1851: 5.111.557
1861: 4.402.111
1871: 4.053.187
1881: 3.870.020
1901: 3.221.823
1911: 3.139.688
1926: 2.971.992
1936: 2.968.420
1946: 2.955.107
1951: 2.960.593
1961: 2.818.341
1971: 2.978.248
1981: 3.443.405
1991: 3.525.719
2002: 3.917.203
2011: 4.588.252
2016: 4.761.865
2019: 4.941.000
2021: 5.010.000

Dann irgendwann kam die Trendwende, die der Insel heute vergleichsweise glänzende Kennziffern beschert. Laut aktueller Zahlen des Statistischen Zentralamts (CSO) lag die Bevölkerungszahl im Frühjahr 2021 wieder bei ziemlich genau 5 Millionen Menschen, was letztmals um 1850 der Fall war.

Und mehr noch: Irland hat heute die höchste Geburten- und die niedrigste Sterberate innerhalb der Europäischen Union, in der viele andere Staaten mit einer dramatischen Alterung zu kämpfen haben.

Da rollt richtig was zu auf den Kontinent, Thema Rente und so, weshalb die Politik das Thema in der Regel meidet wie der Teufel das Weihwasser. Gerade Deutschland ist so ein Kandidat. Zuletzt was davon gehört?

Irland hingegen bringt nach den demografischen Verwerfungen der Vergangenheit heute etwas mit, was Fachleute wie folgt benennen: Eine demografische Dividende, die der Insel potenziell glänzende Jahrzehnte bescheren könnte. Rein wirtschaftlich und auch sonst gesehen.

Zwar deuten die jüngsten CSO-Daten auch für Irland auf eine deutliche Verlangsamung des Bevölkerungswachstums hin. Aber da sich demografische Trendwenden im Schneckentempo vollziehen, jedenfalls in Friedenszeiten, stünde nun erstmal die Ernte an. Potenziell.

Austin Hughes, ein Wirtschaftsexperte der KBC Bank Ireland, sagte dazu der Irish Times: „Der vergleichsweise rasche Anstieg der irischen Bevölkerung bietet beträchtliche wirtschaftliche Chancen in Form einer wachsenden Erwerbsbevölkerung und eines weniger unmittelbaren Überalterungsdrucks.“ Dies sei eine insgesamt günstigere Basis als die, mit der viele EU-Länder derzeit zu kämpfen hätten.

Natürlich haben auch die Iren so ihre Themen, die die Aussichten perspektivisch trüben können. Die galaktischen Immobilienpreise auf der Insel sind so eines – und der daran hängende Rattenschwanz von privater Überschuldung etc. Daher gesteht auch Hughes:

„Es besteht zwar kein automatischer Zusammenhang zwischen Bevölkerung und Wohlstandszuwachs, aber Irlands anhaltende demografische Dividende dürfte der Wirtschaftstätigkeit in den kommenden Jahren positive Impulse verleihen“, so der Experte.

Er beruft sich dabei auf zwei entscheidende Aspekte der demografischen Forschung: Auf das noch anhaltende, natürliche Wachstum der irischen Bevölkerung, was zu einer tendenziell jungen, gut ausgebildeten Erwerbsbevölkerung führt und schon geführt hat.

Und auf den Aspekt der Zuwanderung, die im Falle Irlands in der Summe eher wirtschaftliche als humanistische Grundzüge hat. Laut Hughes habe dies den Bestand an „Humankapital“ im Land so deutlich erhöht, dass gerade multinationale Unternehmen darin einen Grund für die Ansiedlung neuer Zweige sehen dürften.

Zwar können sich auch Experten irren, aber erstmal klingt es plausibel, was Herr Hughes von der KBC zu berichten hat. Irland sollte man auf dem Schirm haben.

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sh

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