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Urlaubseindrücke von der estnischen Westküste

Insel Muhu – weit mehr als nur ein Zwischenstopp

Muhu nimmt in der Rangfolge der größten estnischen Inseln mit fast 200 Quadratkilometern die dritte Position ein. Sie liegt rund zehn Kilometer vor der Westküste des Festlandes und ist Saaremaa, der größten Insel Estlands, in nordöstlicher Position vorgelagert.

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Wunderbare Urlaubsinsel: Muhu geizt wahrlich nicht mit seinen Reizen. (Foto: J. Bopp)
Muhu, im Deutschen auch Mohn genannt, ist für den regionalen Fremdenverkehr schon alleine deshalb von entscheidender Bedeutung, weil es Besuchern über einen 1900 fertiggestellten Verbindungsdamm den bequemen Landweg nach Saaremaa ebnet.

Es wäre jedoch falsch, Muhu aufgrund seiner Lage auf den Status einer reinen „Übergangsstation“ zur riesigen Nachbarinsel zu reduzieren.

Denn zu Recht gehört neben Saaremaa, Hiiumaa und Vormsi auch Muhu einem rund 15.000 Quadratkilometer umfassenden Naturreservat an, das sich unmittelbar vor der Westküste Estlands in die Ostsee erstreckt.

Muhu ist Teil eines Naturreservats

Der Grund hierfür ist denkbar einfach: Muhu ist schön, wunderschön sogar, um die sich bietenden Eindrücke kurz beim Namen zu nennen.

Üppige Wälder, von Wacholder und Moosen bewachsene Küstenstreifen und die schier allgegenwärtigen Findlinge prägen das allgemeine Bild der Insel in besonderer Weise; vom Meer ganz zu schweigen.

Hinzu kommen kleine Ansiedlungen und Gehöfte, die sich der prächtigen Natur auf idyllische Art und Weise unterordnen. Ansonsten ist Muhu nahezu unbewohnt.

Es leben gerade einmal 2200 Menschen auf der Insel, wobei sich ihre Bevölkerungsdichte im Sommer durch den Tourismus regelmäßig erhöht. Tendenz weiter steigend.

Dem leicht wachsenden touristischen Interesse begegnet man auf Muhu indes mit Ruhe und Gelassenheit. Zwar hat der Fremdenverkehr den Fischfang längst als Haupterwerb abgelöst. Jedoch bleiben Beschaulichkeit und Naturverbundenheit wesentliche Merkmale des alltäglichen Lebens.

Offensichtlich gelingt es den Bewohnern bestens, die Schnittstellen zwischen Tradition und Moderne gewinnbringend zu nutzen. So dienen einige der über die Insel verstreuten Reiterhöfe und die oftmals zu urigen Pensionen umgebauten Bauernhäuser schon heute als beliebte Übernachtungsmöglichkeiten.

Für Muhu und seine Bevölkerung sicherlich ein zukunftsweisendes Geschäftsmodell.

Windig-warmes Inselklima

Das Klima auf der Insel ist zwangsläufig windig, aber auch trocken und sonnig. Zudem sorgen die Insulaner mit ihrem freundlichen, offenherzigen Wesen für eine erwärmende Urlaubsatmosphäre.

Im Gegenzug erwarten sie von ihren Besuchern Interesse und Respekt für die lokalen kulturellen Gepflogenheiten.

Muhus Bewohner sind seit jeher gute Handwerker, wovon nicht zuletzt die per Frauenhand gefertigten Insel-Trachten zeugen. Dank kunstvoller Verarbeitung und farbenfroher Erscheinung sind sie für jedermann in Estland unverwechselbar und ein Bestandteil gelebter Tradition.

Die Männer hingegen beweisen ihr handwerkliches Geschick beim Schnitzen von Wacholderhölzern, durch die Fertigung traditioneller Reetdächer oder im Boots- und Hausbau allgemein.

Holz, Stein und Metall sind auf Muhu seit Jahrhunderten Werkstoffe des Alltags. Aus ihnen wurden mit viel Mühe und Geschick sämtliche Gehöfte erbaut. Sie bilden die Lebensgrundlage vergangener und (hoffentlich auch) kommender Generationen.

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Und ja, der Wind spielt auf Muhu seit jeher eine nicht ganz unwichtige Rolle. (Foto: Makalu)

Schönes Fischerdorf Koguva

Der wohl imposanteste Beleg des handwerklichen Könnens findet sich im Westen Muhus. Es handelt sich um das historische Fischerdorf Koguva, welches heute eher einem bewohnten Freilichtmuseum ähnelt.

Die erste urkundliche Erwähnung der Siedlung datiert aus dem Jahr 1532, als ein gewisser Wolter von Plettenberg (1450-1535), seines Zeichens Livländischer Ordensmeister, Bauer Hanske einen Freibrief erteilte.

Den Bewohnern Koguvas kam diese Episode über Generationen hinweg zugute. Die hier ansässigen Fischer und Bauern vermochten ihren „freien“ Status jahrhundertelang zu wahren, was dem Dorf zu überdurchschnittlichem Wohlstand verhalf.

Verwinkelte Sträßchen, aus mehreren Gebäuden bestehende Gehöfte und dicke Natursteinmauern lassen erahnen, dass die Uhren in Koguva zu stehen scheinen.

Das Dorf ruht sprichwörtlich in sich selbst. Nicht umsonst wurde die ehemalige Fährstation bereits 1968 unter Denkmalschutz gestellt. Ein lohnendes Ziel für jeden Inselbesucher.

Altehrwürdiges Herrenhaus Pädeste

Doch auch der Adel hat sich auf Muhu eindrucksvoll verewigt. Das spätmittelalterliche Anwesen Pädeste beispielsweise liegt an der Großen Meerenge (Suur vain) im Süden der Insel und verweist auf eines der längsten Kapitel in der estnischen Geschichte.

Ab 1566 gaben sich auf Pädeste stets Abkömmlinge des privilegierten deutschen Adels die Klinke in die Hand. Zunächst Lehnsherr Johannes Knorr, dann folgten die Rosens, die Vietinghofs, die Aderkas, die Buxhoevedens, die Stackelbergs und die Bocks.

In seiner heutigen Form existiert das Herrenhaus jedoch erst seit 1875. Das an der Fassade angebrachte Wappen derer von Buxhoeveden klärt die Frage nach den Erbauern quasi im Vorübergehen.

Ansonsten verrät ein erster kurzer Blick über das Anwesen: Pädeste wurde geschaffen, um es sich gut gehen zu lassen.

Entsprechend verfügt das Haupthaus über stattliche fünf Nebenbauten, darunter ein Pferdestall, ein Kutschhaus und eine Käseküche, in der sich heute Hotelzimmer der gehobenen Klasse befinden. Unglaublich romantisch zwar, aber eben auch teuer.

Selbst im hauseigenen Restaurant, das qualitativ über jeden Zweifel erhaben ist, lässt ein Blick auf die Preise kurz schlucken.

Ein wenig entschädigend wirkt da schon die Lage des Komplexes. Pädeste ist als das „meernächste“ Gut des gesamten Baltikums bekannt. Analog dazu kann man abends von der Restaurantterrasse aus den Sonnenuntergang in die Ostsee bestaunen.

Zu gut, dass auf Pädeste nicht nur betuchte Hotelgäste, sondern auch einfache Tagestouristen, Wanderer etc. in diesen Genuss kommen können. Die Parkanlagen sind für jedermann frei zugänglich.

Auch sorgen diverse, über das Jahr verteilte Kultur- bzw. Abendveranstaltungen für zusätzlichen Fremdenverkehr und Bekanntheitsgrad. Lediglich zwei Bereiche des Anwesens bleiben den Hotelgästen vorbehalten: Ein abgegrenztes Strandbad und das Gelände des privaten Ferienhauses.

Spektakuläre Steilküste von Üügu

Im Norden der Insel – nahe Kallaste – befindet sich die spektakuläre Steilküste von Üügu. Sie besteht aus Dolomitgestein und fällt bis zu 10 Meter ab.

An ihrem Fuß hat das Meer über die Jahrtausende zwei Höhlen ausgespült, dem Volksmund als Kitsekamber (Ziegenkammer) und Sokutuba (Bockstube) auch überregional bekannt. Weitere Steilküsten finden sich südöstlich von Kallaste. Sie heißen Kautliku, Rannaniidi und Püssina.

Verwunderlich ist hingegen, dass bis auf das Püssina-Kliff alle genannten Steilküsten teils deutlich vom eigentlichen Ostsee-Ufer entfernt liegen – eiszeitliche Spätfolgen.

Der Grund: Mit dem Rückzug der schweren Eismassen Richtung Norden schwand sprichwörtlich aller Druck von den Schultern des Landes, und ein noch immer nicht abgeschlossener Prozess gigantischer Bodenerhebungen setzte ein. Hierdurch trotzt der Norden Europas der See Jahr für Jahr einige Millimeter ab.

Andere Sehenswürdigkeiten der Insel Muhu tauchen dagegen fast beiläufig am Wegesrand auf. Bestes Beispiel hierfür ist die Windmühle von Eemu, die, obwohl bereits Ende des 19. Jahrhunderts erbaut, noch immer in Betrieb ist.

Graubrot (leib) ist eines der Haupterzeugnisse des Ungetüms aus Stein und Holz. Angepriesen wird es vom einheimischen Betreiber der Mühle.

Blutspur des Schwertbrüderordens

Weitaus weniger idyllisch mutet die Historie der estnischen Wallburg auf Muhu an. Überlieferungen zufolge wurde mit der Feste Anfang 1227 auch die letzte verbliebene Bastion vom Schwertbrüderorden eingenommen.

Die Kreuzzügler waren offenbar mit einem großen Heer aufmarschiert und bildeten einen undurchdringlichen Belagerungsgürtel, dem die Verteidiger nach rund einer Woche nachgeben mussten.

Laut Überlieferung wurden alle Menschen, die sich zum Zeitpunkt der Eroberung in der Burg aufhielten – d. h. die Mehrheit der estnischen Inselbevölkerung – brutal niedergemetzelt.

Verbliebener Rest der Anlage ist ein zerfurchter, rund 8 Meter hoher Erdwall, in dessen Zentrum schon 1928 ein Mahnmal errichtet wurde.

Heute erblickt man an selbiger Stelle eine restaurierte Form des Gedenksteins samt stolzem Schriftzug: „Zu Ehren der mutigen Kämpfer, die im Kampf gegen die deutschen Eroberer im Jahre 1227 ihr Leben gelassen haben.“

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurden dem Wall Steine entnommen und beim Bau des Dammes in Richtung Saaremaa eingesetzt. Im Zuge der Abtragungen kam ein Silberschatz zum Vorschein, der von den Verteidigern vermutlich erst kurz vor der Erstürmung durch die Kreuzritter vergraben worden war.

Wenn man so will ein kleines Happy End an einem Ort großer (un-)menschlicher Tragik.

Muhu ist definitiv einen Abstecher wert

Zwei weitere Attraktionen – jedoch moderner Prägung – sind ebenfalls einen Besuch wert:

  • Die (1) Straußenfarm mit ihrem kleinen Laden und einem „Anfasszoo“, wo man für wenig Geld diverse Arten des Riesenvogels mit Knabbereien versorgen kann.

  • Das (2) alljährlich Ende Juni stattfindende Future Music Festival, bei dem es für estnische Verhältnisse recht ordentlich zur Sache geht.

Beides zu finden in einem Dorf namens Nautse, nahe der Transitstraße Richtung Damm bzw. Saaremaa gelegen. Abschließend sei gesagt, dass alle aufgeführten Lokalitäten gut ausgeschildert und mit dem Auto, Rad oder zu Fuß leicht zu erreichen sind.

Daher: Obwohl die Insel vergleichsweise übersichtlich erscheint, tut man ihr mit nur einem Tag Aufenthalt im Grunde Unrecht.

Es gibt viel zu erblicken und zu bestaunen. Muhu ist eben mehr als nur eine kleine Insel vor der Küste Estlands.

Weiterführende Infos zur Insel Muhu:

  • Das Herrenhaus Pädeste lässt so gut wie keine Wünsche offen. Das Restaurant ist mehrfach ausgezeichnet, es gibt einen hervorragenden Spa-Bereich, schöne Außenanlagen und wunderbare Zimmer – verteilt auf mehrere Häuser, die sich auf dem Gelände befinden. Kurz: Man darf das Ganze guten Gewissens als Luxus bezeichnen, weshalb auch die Preise für estnische Verhältnisse „luxuriös“ ausfallen. Weitere Infos gibt es auf der offiziellen Homepage des Herrenhauses.

  • Webseite: www.padaste.ee (auf Englisch)

  • Das an der Westküste der Insel Muhu gelegene Dorf Koguva ist ein Paradebeispiel für klassisch estnische Bauernarchitektur. Und mehr noch: Es verkörpert als Freilichtmuseum sprichwörtlich den Freigeist seiner ehemaligen Bewohner. Denn die Bauern von Koguva waren frei – und keine Leibeigenen. Das Dorf lässt seine Besucher unaufdringlich teilhaben am traditionellen Leben der Bauern in Estland. In verschiedenen Ausstellungen wird zudem die Geschichte der Insel beleuchtet. Inklusive Volkstrachten, alter Dorfschule und einem Museumsladen.

  • Webseite: www.muhumuuseum.ee (auf Englisch)

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