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Edna O’Brien, Irlands große Schriftstellerin

„Die Fünfzehnjährigen“ – Ein unerhörter Roman aus dem Irland der 50er Jahre

„Ich schreckte aus dem Schlaf hoch und setzte mich auf. Ich wache normalerweise nicht so leicht auf, nur wenn ich mir Sorgen mache, und für einen Moment wusste ich nicht, warum mein Herz schneller klopfte als sonst. Dann fiel es mir wieder ein. Der alte Grund. Er war nicht nach Hause gekommen.“

Die Fünfzehnjährigen Edna O'Brien Roman
Cait und Baba suchen Freiheit und Selbstbestimmung.
(Atlantik Verlag / Sean Griffin, Road to Dublin)
Schon der erste Abschnitt von Edna O’Briens Roman zieht den Leser ins Vertrauen und damit in die Geschichte hinein. Im Orginal „The Country Girls“ genannt, durchlebt man mit der Hauptfigur Caithleen, Cait genannt, das erzkatholische und frauenfeindliche Leben auf dem irischen Dorf in der Mitte des letzten Jahrhunderts.

Cait, ein Teenager, lebt mit ihren Eltern auf einem kleinen Hof mit einer Aushilfskraft. Der Vater, der gleich zu Beginn wieder mal abwesend ist, versäuft regelmäßig das durch landwirtschaftlichen Erwerb verdiente Geld, so dass für die Mutter und die Tochter kaum etwas übrig bleibt. Väterliche Gewalt oder Abwesenheit gibt es dagegen zu hauf. Finanziell steht die Familie mit dem Rücken zur Wand.

Zusammen mit ihrer vorwitzigen Freundin Baba wandelt Cait im ersten Band durch pubertäre Träume, verliert die Mutter durch einen tödlichen Unfall, kommt mit Baba in ein von Nonnen betriebenes Internat, wo sie todunglücklich sind.

Irgendwann schaffen sie es gemeinsam, von der Schule zu fliegen, um aus dem Irrsinn der Nonnenschule auszubrechen. Daraufhin gehen sie nach Dublin, wo sie erstmals Selbstbestimmung und Freiheit erleben.

Doch auch das Leben in der Großstadt bleibt beengend. Denn man musste Frauen seinerzeit nicht einsperren, damit sie Gefangene rigider, gesellschaftlicher Erwartungen waren. Letztlich waren es doch immer die Väter, Geliebten, Chefs und die Kirche, die den engen Spielraum für die weibliche Freiheit diktierten.

Wie unerhört das Buch „Die Fünfzehnjährigen“ bei seiner Veröffentlichung war, bewiesen die damaligen die Reaktionen in Irland. Im Ausland hochgelobt, wurde sowohl O’Briens Erstling, als auch die folgenden zwei Romane der Trilogie, verboten, wegen seines expliziten sexuellen Gehalts.

Liest man die Werke heute, so muss man sich arg wundern. Denn was als explizit galt im Irland der 50er Jahre, wirkte auf mich beim Lesen unschuldig wie die Hauptfiguren selbst. Ein Priester soll sogar nach einem Nachtgottesdienst das Buch öffentlich verbrannt haben. Wie bigott das war, erschließt sich vor allem im Rückblick. Gab es doch in Irland zu jener Zeit massiven Missbrauch durch die Kirchenvertreter, vertuscht von allen, die darum wussten.

Wenn Frauen da plötzlich aufbegehrten oder sich sogar trauten, über ihre Wünsche, Träume und Sehnsüchte jenseits des Beichtstuhls zu berichten, dann war das eine Gefahr. Diese zog die harschen Reaktionen von Geistlichen und von männlichen Autorenkollegen wie Frank O’Connor und L.P. Hartley nach sich.

Die bei der Entstehung des Buches 27-jährige Autorin O’Brien soll ihr Erstlingswerk in atemberaubenden drei Wochen niedergeschrieben haben. Heute gilt sie als eine der wichtigsten Autorinnen Irlands. Ihr bisheriges Werk, das schon mit seinem Debüt wie eine Bombe einschlug, hat bis heute Bedeutung für viele jüngere Autorinnen auf der Insel. So beschrieb die Schriftstellerin Eimear McBride die Trilogie „The Country Girls“ als „einen der berühmtesten, berüchtigtsten, beliebtesten und einflussreichsten irischen Romane des 20. Jahrhunderts“.

Im Jahr 2018 im Atlantik Verlag neu aufgelegt, soll der Klassiker auch bei uns eine neue Generation von Lesern erreichen. Mich hat der Auftakt der Trilogie ebenso gefesselt und berührt, wie das Ende von „Die Fünfzehnjährigen“. So viel sei verraten: ich muss mir jetzt den zweiten Teil bestellen.

Schlimme Helena

Die Fünfzehnjährigen Edna O'Brien Die Fünfzehnjährigen (Country Girls Trilogie)*
Atlantik Verlag
Erschienen am 5. November 2018
288 Seiten
Taschenbuch, 10,00 Euro

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