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Experteninterview: Reisen in und nach der Pandemie

„Estland bringt alles mit, um nach Corona touristisch zu profitieren“

Anna und Lucas haben einen ziemlich klaren Plan vom Leben. Einen guten Plan. Was die beiden machen? Sie bereisen die Welt und lassen andere an ihren abenteuerlichen Expeditionen teilhaben: in Form von teils millionenfach geklickten Videos, von Blog- und Gastbeiträgen. Oder aber in Form eines „druckfrisch“ erschienenen digitalen Reiseführers über Estland.

Anna Riedel-Jahn und Lucas T. Jahn
Anna Riedel-Jahn und Lucas T. Jahn, Filmemacher, Reisejournalisten und Autoren des neuesten Reiseführers „Estland“. (Foto: privat)
Das hat uns natürlich neugierig gemacht. Wer sind die beiden? Was treibt sie an? Was sind ihre Ziele? Kurzum: Ein Interview musste her, und wir haben es bekommen. Dabei hat uns sicherlich in die Karten gespielt, dass Lucas und Anna Ende Februar in ihrer Heimat Dresden im Corona-Lockdown festsaßen.

Umso mehr Zeit blieb uns für ein Videogespräch mit erstaunlich weitem Bogen. Über Estland natürlich, den Vorrang der Natur, die Zukunft des Reisens und nicht weniger als den Wunsch nach völliger Unabhängigkeit.

Hallo Anna, hallo Lucas. Schön, dass das mit dem Interview geklappt hat. Wie geht es euch gerade, was macht Ihr?

Anna: „Uns geht es soweit gut. Wir sind wegen des Corona-Lockdowns natürlich viel daheim, haben aber die Reisetaschen schon gepackt. Momentan sind wir in freiwilliger Quarantäne, denn wir stecken gerade in den Vorbereitungen für unser nächstes Projekt.“

Wie fühlt sich das für euch an, ein neues Reiseprojekt mitten in der Pandemie?

Lucas: „Uns ist völlig klar, dass im Moment die Pandemie das alles überstrahlende Thema ist. Wir nehmen das sehr ernst. Trotz der angespannten Lage sind wir aber guter Dinge, weil wir mit den Malediven ein für uns ungewöhnliches, momentan aber ‚sicheres‘ Reiseziel gefunden zu haben. Natürlich treffen wir alle erdenklichen Vorkehrungen, die empfohlen und möglich sind. Außerdem stehen uns noch zwei PCR-Tests bevor. Und dann ist auf den Malediven jede Insel eine Welt für sich – die Resorts sind in ihren Hygiene-Maßnahmen sehr streng.“

Ihr pflegt auch einen speziellen Reisestil, der euch – jedenfalls von außen betrachtet – bei Corona klar in die Hände spielt. Oder täuscht der Eindruck?

Vilsandi
Lucas auf dem unter dem Wasser der Ostsee liegenden Wanderweg auf die Insel Vilsandi.
(Foto: privat)
Lucas: „Das stimmt absolut. Wir reisen aus Prinzip so, dass die Natur im Mittelpunkt steht. Das hat den für Corona angenehmen Begleiteffekt, dass wir zum Erkunden und Filmen fast nur draußen sind – und Treffen mit Menschen so aufs absolute Minimum reduziert werden.“
 
Anna: „Wir sind außerdem passionierte Camper, versorgen uns weitgehend selbst. Das macht unseren Reisestil derzeit Corona-tauglich. Und klar, unsere Naturbegeisterung ist derzeit von Vorteil. Wären für uns Städtereisen von Interesse, hätten wir auf absehbare Zeit ein echtes Problem.“

Aufmerksam geworden sind wir auf Lucas und Anna schon vor einigen Monaten bei Artikelrecherchen. Und zwar durch eine absolut ausgezeichnete Reisedokumentation, die die beiden im letzten Jahr über eine dreiwöchige Tour quer durch Estland veröffentlicht haben.

Bilderwelt und transportierte Stimmung, Kameraführung und Plot – es gibt nichts zu meckern. Umso erstaunlicher ist, dass die fast 60-minütige Reisedoku mit einem Minimum an Logistik und finanziellen Mitteln entstanden ist, wie wir im Interview erfahren haben.

Bei YouTube wird viel Reisemist versendet, man muss es so sagen. Aber euer Estland-Video ist absolut beeindruckend. Erzählt doch mal, wie es zu der Reise und dem Dreh gekommen ist.

Lucas: „Der Bezug zu Estland kam beruflich zustande. Ich arbeite abseits unserer Reisen für die internationale Kommunikationsagentur Redhill und bin für einige Projekte mehrfach in Tallinn gewesen. Die Stadt ist wirklich beeindruckend und hinzu kommt das wunderbare Umland, weshalb aus anfänglichem Interesse schnell der Wunsch wurde, das Land ausgiebiger zu bereisen und darüber zu berichten.“

Hattet Ihr dabei Unterstützung?

Lucas: „Ja, von Visit Estonia, der offiziellen Tourismusbehörde Estlands. Der Kontakt kam über einen unserer Blogbeiträge zustande. Wir waren relativ schnell an dem Punkt, wo wir wegen möglicher Unterstützung für unser Reiseprojekt angefragt haben. Und siehe da, Visit Estonia konnte mit unserem Plan direkt was anfangen.

Dabei half sicherlich, dass wir durch unsere Filmprojekte in anderen Ländern gut vorgearbeitet hatten. Unser Ansatz, die Natur in den Mittelpunkt zu stellen, passte auch perfekt zu Estland. Konkret hat man uns dann bei den Flügen, beim Mietwagen und bei der Organisation von Touren unter die Arme gegriffen.“

Hört sich nach Klasse-Unterstützung an, aber hat man euch inhaltlich auch freie Hand gelassen?

Tallinn Raekoja plats
Anna auf dem Raekoja plats in Tallinn. Hinter ihr das alte Rathaus, das dem Platz
seinen Namen gab. (Foto: privat)
Anna: „Zu 100 Prozent, ja. Sonst wären wir die Kooperation auch nicht eingegangen. Die Frage nach Mitsprache hat sich bei Visit Estonia nie gestellt. Man hat uns vertraut und uns machen lassen, wofür wir sehr dankbar sind.“

Ihr sagtet es bereits: Im Estland-Video dreht sich – abgesehen vielleicht vom Intro über Tallinn – so gut wie alles um die Natur. Woher kommt bei euch der starke Naturbezug?

Lucas: „Weil wir etwas misanthropisch veranlagt sind. (lacht) Wir lieben die Ruhe, die Einsamkeit, die Stille der Natur. In großen Menschenmengen fühlen wir uns schnell erschlagen. Daher reisen wir vor allem durch Länder mit niedriger Bevölkerungsdichte und weiten Landschaften. Wir hoffen, mit unseren Beiträgen auch für Nachhaltigkeit und Umweltschutz sensibilisieren zu können – aber ohne den mahnenden Zeigefinger.“

Wie konsequent Ihr das Natur-Ding durchzieht, zeigt auch euer aktuell erschienener Reiseführer über Estland. Ist euch Städtetourismus ein Dorn im Auge?

Anna: „Nein, ganz sicher nicht. Wir fühlen uns aber in unserer Natur-Nische am wohlsten und machen um Städte in der Regel einen Bogen, so auch in Estland. Klar, Städtefans kommen bei uns nicht immer auf ihre Kosten. Für Tallinn und Tartu haben wir aber gerne eine Ausnahme gemacht. Beide Städte haben ihr eigenes Kapitel erhalten.“

Die Natur als eine Art redaktionelles Alleinstellungsmerkmal?

Lucas: „Ich würde es anders ausdrücken. Wir wollten einfach nicht noch einen dieser Reiseführer herausgeben, in denen auf 400 Seiten 200-mal Städte und Dörfer beschrieben werden, die teilweise nicht mal nennenswerte Sehenswürdigkeiten bieten. Unser Ziel war es, vor allem Infos zu vermitteln, die Bestand haben.

Sich ständig ändernde Speisekarten, Hotelpreise oder Öffnungszeiten ergeben für uns weder digital noch auf gedrucktem Papier Sinn. Dann lieber das Moor in den Fokus rücken, welches Besucher immer zum Nulltarif verzaubert. Und natürlich Camping, unsere Leidenschaft.“

Anna: „Im Grunde haben wir den Reiseführer geschrieben, den wir gerne für unsere Reise gehabt hätten.“ (lacht)

Apropos „Leidenschaft“: Lucas und Anna haben abseits ihrer Reisen ein ganz normales Berufsleben. Sie (28) als freiberufliche Grafikdesignerin, er (29) Angestellter einer Kommunikationsagentur. Der Langzeitplan ist jedoch ein anderer, denn die beiden Filmemacher und Autoren wollen sich Schritt für Schritt professionalisieren, um – wer weiß – eines Tages voll davon leben zu können.

Dass der Stufenplan realisierbar scheint, zeigen erste vielversprechende Kooperationen. So konnten die beiden erst kürzlich mit einem Unternehmen aus dem bayerischen Markt Bibart eine für beide Seiten vielversprechende Zusammenarbeit klarmachen. Der Partner rüstet Geländeautos für lange Touren um, weshalb Anna und Lucas in Zukunft eine ziemlich coole Homebase auf vier Rädern zur Verfügung stehen wird.

Mit dem Geländewagen sollen dann (gleich nach Corona) große Teile Nordeuropas in Angriff genommen werden. Norwegen, Island und Schweden stehen dabei ganz weit oben auf dem Programm, auch Dänemark, wie Anna sagt. „Die Vorfreude ist schon riesig!“

Was denkt Ihr: Haben die nordischen und die baltischen Länder in der Zeit, die wir alle sehnsüchtig „nach Corona“ nennen, einen Vorteil?

Anna: „Grundsätzlich glaube ich, dass die Reiselust ’nach Corona‘ enorm groß sein wird. Aber es wird auch Änderungen geben, davon bin ich überzeugt. Plausibel ist für mich, dass sich der Fokus – zumindest im Bereich von ein paar Prozent – weg von Pauschalreisen oder Cluburlaub hin zu mehr Individualtourismus verschieben wird. Das spricht dann schon für Nordeuropa und das Baltikum.“

Die großen Trends, die Ihr daraus ableitet?

Lucas: „Ich tippe anfangs auf weniger Fernreisen, mehr Regionalurlaub. Weniger Flüge, mehr Auto oder Caravan. Wahrscheinlich mehr Natururlaub und Camping, dafür weniger Andrang am Frühstücksbuffet. Kurz gesagt: Alles könnte etwas mehr Bezug zur Natur bekommen, was wir natürlich prima fänden. Daher bringt für mich Estland alles mit, um nach Corona touristisch aufzublühen.“

Wir danken euch sehr für das Gespräch. Und hoffen, bald wieder von euch zu hören und zu sehen. Eure Reisen durch den hohen Norden Europas werden wir definitiv mit Interesse verfolgen.  

Hintergrundinfos:

Anna Riedel-Jahn und Lucas T. Jahn sind passionierte Dokumentarfilmer und Reiseautoren – ein junges Ehepaar aus Dresden mit ausgeprägter Abenteuerlust und Vorliebe für Offroad-Camping-Reisen in entlegene Gebiete.

Ihre Leidenschaft für Abenteuerreisen erwachte während eines gemeinsamen Auslandsjahres in Australien, wo es mit einem treuen Mitsubishi Challenger 35.000 Kilometer kreuz und quer durch den Kontinent ging. Einmal auf den Geschmack gekommen, ging es gleich weiter mit einem abwechslungsreichen Reisejahr in Kanada.

Es folgten Roadtrips durch Namibia, Botswana, Costa Rica und im letzten Sommer Estland. Die Reisedokumentationen von Anna und Lucas erreichen ein Millionenpublikum auf YouTube. Artikel über die Touren erscheinen in Reisemagazinen, Zeitungen und auf Blogs. Ziel der beiden ist es, auch anderen die Lust aufs Abenteuer zu vermitteln – und gleichzeitig ein Gefühl für Naturschutz und Nachhaltigkeit zu wecken.

Das im bayerischen Markt Bibart ansässige Unternehmen Tom’s Fahrzeugtechnik macht Abenteuerreisen auf vier Rädern möglich. Die Experten für 4×4-Offroadreisen sind spezialisiert auf den Um- und Ausbau von Fahrzeugen. Das Ziel: absolute Weltreise- und Expeditionstauglichkeit.

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sh 

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