Klassenfahrt nach Stockholm, sechzehn und verliebt – Eine Buchbesprechung

Wikmans Zöglinge – Keine Feuerzangenbowle

| 13.11.2018 - 10:56 Uhr

„Zum Kuckuck, warum sollte man über das einst so berühmte und jetzt so vergessene Wikmansche Gymnasium nicht einen Roman schreiben sollen?!“ So beginnt der große Autor Estlands diesen Roman, in dem er seiner eigenen Schulzeit ein leicht verfremdetes Denkmal setzt.

Wikmans Zöglinge Buchrezension Jaan Kross

„Wikmans Zöglinge“ von Jaan Kross, 574 Seiten. (Foto Nordisch.info)


Doch schreibt er nicht über die Schule und ihren namensgebenden Direktor („Nicht als Haupthelden, nein, nein. [..] Als Nebenfigur kommt uns Herr Wikman jedoch nicht ungelegen“ (S.8.)), sondern über die letzten zwei Schuljahre des Abiturjahrgangs von 1939. Den zwei – den Jahren entsprechenden – Teilen (Zehnte Klasse, Kapitel 1 bis 14, und Elfte Klasse, Kapitel 15 bis 26) folgen noch zwei Kapitel, die um das fünfjährige Jubiläum 1944 angesiedelt sind.

Doch zunächst beginnt die Geschichte damit, dass Schuldirektor Wikman den Zehntklässler Juss Pukspuu der Schule verweist. Wegen eines im Unterricht des Herrn Tooder explodierten Mülleimers, dessen Religionsunterricht die zehnte Klasse, deren letzten zwei Schuljahre der Roman behandelt, nicht sonderlich zu begeistern vermag:

„Aber in der Art Tooders, sie [die Schüler] zu traktieren, zogen die Herrschaften in den weißen Engelsuniformen, Polykarpos, Tertullianus, Augustinus und wie sie alle hießen, die Blicke der Jungen schier gewaltsam zum Fenster hinaus, das ungewöhnliche Märzwetter zu betrachten und ungewöhnliche Dinge auszubrüten. Oder in den hinteren Bänken rasch die bei Inspektor Ambel benötigten Mathematikhausaufgaben zu lösen, das heißt, sie von Kalle Penter oder Enno Rumma oder, am sichersten, aus dem Heft des kleinen Laasik abzupinseln. Denn aufgrund des gestrigen Schulfestes bei der Reiterarmee (der Spitzname des Ersten Städtischen Töchtergymnasiums wegen seiner Schulmützen, die gewisse Ähnlichkeiten mit den Kopfbedeckungen irgendwelcher Kavallerie-Einheiten aufwiesen) beziehungsweise der Kommerz- beziehungsweise der Bürgerschen Mädchenschule sowie aufgrund des Begleitens der Mädchen und Gott weiß aus welchem Grunde noch, hatte man diese verdammten Hausaufgaben weder erledigen können noch wollen.“ (S.14)

Der Stil Kross‘ wirkt aus der Zeit gefallen, wie schon die Kapitelüberschriften zeigen: „Zweites Kapitel, in dem der Leser über Tatsachen unterrichtet wird, die der zehnten Klasse längst bekannt sind“. Es ist der typische „Sound“ der seine Werke auszeichnet: Niemals reißerisch oder dramatisierend, aber auch nie betulich. Kein Thriller wie ein reißender Gebirgsbach, der einen atemlos zur nächsten Seite eilen lässt. Vielmehr wie ein großer Strom, der ganz gemächlich zu fließen scheint. Unter der Oberfläche aber eine Strömung, ein Sog, der den Schwimmer resp. Leser mit Kraft davonzieht, sodass er gar nicht merkt, wie er Seite um Seite verschlingt.

Man vergisst beim Lesen leicht die Zeit, weil Kross seine Leser in die Zeit der Handlung hineinzieht, indem er die Welt und Weltsicht sechzehnjähriger Gymnasiasten im Estland der späten 1930er mit einer geradezu beiläufigen Selbstverständlichkeit schildert, die dem Leser vertraut werden lässt. Mit der Zeit der Geschichte, aber noch viel mehr mit den Protagonisten. Mit dem relegierten Pukspuu, der um wieder in die Schule aufgenommen zu werden, nach den Ferien in jedem Fach ein Examen ablegen muss.

Mit dem Klassenprimus – heimlichen Helden und alter ego des Autors – Jaak Sirkel, der zusammen mit dem – sich seiner Armut schämenden – Riks Laasik den wenig motivierten Pukspuu auf Beschluss des Klassenrates mit Nachhilfestunden durch das Examen hieven soll.

Mit Penn, der es liebte „die Sprechweise der Lehrer zu imitieren. Er war darin so gut, so erfolgreich, so anerkannt und demzufolge in die Sache verliebt, dass er eigentlich nichts anderes mehr tat, als fremde Intonationen zu wechseln.“ (S.49)

Und mit Pukspuus Zwillingsschwester Virve, an welche Sirkel wie Laasik ihr Herz verlieren sollen.

Jaan Kross mit Cornelius Hasselblatt

Jaan Kross (l.) mit seinem deutschen Übersetzer Cornelius Hasselblatt, Oktober 1985, auf dem Campus der Universität Hamburg. (Foto Keisrihull, CC BY-SA 4.0)


Das Schuljahr schreitet voran, die Klasse trifft sich zum Kriegsrat bei Limonade und Zigaretten hinter Marias Kiosk auf der Pärnuer Landstraße. Sirkel und Laasik geben dem eher widerwilligen Pukspuu ihre Nachhilfestunden und hoffen auf die Gunst seiner Schwester. Private Sommerfeste mit Grammophon, Punsch und Küssen im Garten. Klassenfahrt nach Stockholm. Sechzehn Jahre und in die Schwester des Klassenkameraden verliebt sein – das ist offenbar in jeder Generation ein zweifelhaftes Vergnügen.

Wie sich die zwei Handlungsstränge – Pukspuus Examensvorbereitung und das Werben Sirkels und Laasiks – weiterentwickeln und wie der – dem wissenden Leser stets am Horizont drohende – Weltkrieg das liebgewonnene Handlungspersonal trifft, soll an dieser Stelle nicht weiter enthüllt werden.

Vielmehr sei berichtet, dass Kross – trotz Erzählperspektive als Rückschau nach langer Zeit und auktorialem Erzählen – ganz ohne die Verklärung und Überzeichnung auskommt, wie sie als Grundtenor vieler Schulromane nicht nur aus der Feuerzangenbowle vertraut ist. Kross nimmt die Jungs jener Jahre in ihrer Lebenswelt ernst. In ihren Interessen: Dem „Eishockeysieg in der vorigen Woche über die Gutis […] oder über den derzeitigen Star des gerade im Kino »Modern« laufenden Films mit dem Namen Danielle Darrieux, oder, der betont humanistischen Richtung des Gymnasiums zum Trotz, über eine technische Neuerung, zum Beispiel das neue »Blaupunkt«-Radio oder den neuen »Kodak«-Fotoapparat an sich“ (S.15). Und in ihrer Unkenntnis, was die Zukunft bringen wird.

Die politische Situation – die erste Unabhängigkeit per se und ihre staatlichen Institutionen – wie auch die innen- oder außenpolitische Entwicklung bleiben im Hinter- ja, eher im Untergrund. Denn sie sind für diese Gymnasiasten eben existent, aber nicht von Bedeutung – warum also die unnötig ex post in die Handlung hineintragen? Auf diese Weise gelingt es Kross statt eines bemüht historischen Romans zu schreiben, seinen Lesern eine Zeitmaschine anzubieten.

Das geübte Auge erkennt – unterstützt vom knappen wie kongenialen Nachwort Cornelius Hasselblatts – aber doch die vielen Informationen zum Estland der ersten Unabhängigkeit, die in vielen kleinen Andeutungen den Hintergrund der Handlungsstränge so lebendig werden lassen.

Für Verehrer des großen estnischen Erzählers ein weiterer wunderbarer Band aus seiner Feder. Für „Erstlinge“ ein guter Weg, verstehen zu lernen, warum Jaan Kross weltweit so begeisterte Leser fand.

Kross, Jaan: Wikmans Zöglinge*, aus dem Estnischen von Irja Grönholm mit einem Nachwort von Cornelius Hasselblatt, Hamburg 2017, 574 Seiten

Diese Buchrezension erschien zuerst im Deutsch-Baltischen Jahrbuch 66 (2018) der Carl-Schirren-Gesellschaft www.carl-schirren-gesellschaft.de

Dr. Martin Pabst

Über den Autor
Dr. Martin Pabst studierte Geschichte und Theologie und wurde mit einer Arbeit zur Reformationsgeschichte Rigas promoviert. Er arbeitet als Wissenschaftlicher Leiter des Deutsch-Baltischen Jugendwerks sowie freiberuflich als Autor, Studienleiter und Vortragsredner.
dr-martin-pabst.de // twitter.com/Dr_Martin_Pabst

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