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Fahrradfahren in Klaipėda

Litauen: Auf zwei Rädern im Land des Regens

Von Norwegen zum Schwarzen Meer oder rund um die Ostsee: Einige der bedeutendsten Radwanderwege Europas führen durch Litauen. Die Strecke über die kurische Nehrung ist so einzigartig, dass sie sich auch für einen gezielten Radurlaub eignet. Immer im Zentrum: die Küstenstadt Klaipėda.

Tagestour auf der kurischen Nehrung: Eine Überfahrt von Klaipėda nach Smiltynė
Tagestour auf der kurischen Nehrung: Eine Überfahrt von Klaipėda nach Smiltynė kostet nur wenige Euro. Das Ticket gilt für Hin- und Rückfahrt. (Foto: Marcel Knorn / Nordisch.info)
Manchmal ist das Wort Regen zu schwach. Es klingt nach Wasser, das die Scheibe herunterläuft, während man selbst im Trockenen sitzt. An diesem Tag waren die fallenden Tropfen im litauischen Klaipėda aber so dick, dass sie Blasen auf dem Fluss warfen. Der Regen hatte so plötzlich eingesetzt, dass eine Handvoll Radfahrer unter einer Autobrücke Schutz suchen mussten.

Litauen, so die landläufige Meinung, hat seinen Namen vom Regen (lit. Lietus). Auch wenn der Ursprung dieses Mythos zumindest umstritten ist, wird an regenreichen Tagen wie diesem klar, warum diese Geschichte immer wieder erzählt wird. Und ebenso, dass eine Regenjacke in Litauen definitiv in jedes Fahrradgepäck gehört.

Alle Wege führen nach Klaipėda

Radwanderkarte
Egal ob Tagestour oder Radurlaub: Geeignetes Kartenmaterial gibt es unter anderem in der Touristeninformation. (Foto: Marcel Knorn / Nordisch.info)
Einige Stunden zuvor war wenige Kilometer weiter im Stadtzentrum noch nichts vom Sturzregen zu ahnen. Wer an der litauischen Ostseeküste Fahrrad fahren möchte, kommt an Klaipėda nicht vorbei: Die Stadt ist nicht nur das logistische Zentrum der Region, sondern auch ein Fahrradknotenpunkt, an dem mehrere Routen aufeinandertreffen.

Vor dem Radverleih von Saulius Ružinskas stehen an diesem Morgen Räder in allen möglichen Größen und Farben: Mountainbikes für längere Touren und Stadträder für Kurzausflüge.

Der kleine Laden hatte gerade erst seine Türen geöffnet, als dort schon Hochbetrieb herrscht. Während eine Familie die verschiedenen Kinderfahrräder durchprobiert, lässt sich ein junges Pärchen derweil den Weg auf die kurische Nehrung erklären: die Mole herunter bis zur Passagierfähre, dann in fünf Minuten ans andere Ufer übersetzen.

Seit 12 Jahren verleiht Saulius Ružinskas‘ familiengeführter Betrieb Baltic Bike Travel Räder an Touristen und Einheimische. Die Firma rühmt sich damit, Litauens wohl erfahrenster Anbieter für Radreisen zu sein. Ob auf eigene Faust oder bei geführten Touren – hier hätte noch jeder Gast den passenden Sattel gefunden.

Entlang der Spuren des kalten Kriegs

Radwanderweg kurischen Nehrung
Mitten durch die Natur: Die Strecken nördlich von Klaipėda und auf der kurischen Nehrung sind gut ausgebaut. (Foto: Marcel Knorn / Nordisch.info)
In Klaipėda wählen Radreisende meist eine von drei Routen: Der Küstenweg in Richtung Norden bringt sie in etwa 55 Kilometern bis an die lettische Grenze. Die Strecke passiert weiße Strände und verschlafene Badeorte. In Richtung Süden führt die Radstrecke am Haff vorbei durch üppige Natur. Diese etwa 120 Kilometer lange Strecke ist die wohl idyllischste, allerdings auch die bislang am wenigsten ausgebaute.

Die meisten Touristen entscheiden sich allerdings für Option Nummer drei – die Fährüberfahrt auf die kurische Nehrung. Der UNESCO-geschützte Nationalpark lockt mit gut ausgebauten Radstrecken durch endlose Wälder und Heiden, vorbei an ruhigen Fischerdörfern, idyllischen Stränden und haushohen Dünen. Die Reise von Klaipėda nach Nida beträgt gut 50 Kilometer, sodass Reisende dafür mindestens einen Tag einplanen sollten. Doch auch kürzere Routen sind auf der Nehrung gut möglich.

Im Sommer machen jeden Tag viele Langstreckenreisende Station in Klaipėda. Gleich zwei transeuropäische Radwege verlaufen durch den Ort: Der Weg E10 führt die gesamte Ostseeküste entlang. Auf der knapp 8.000 Kilometer langen Route fahren Radtouristen durch alle Ostsee-Anrainer.

In Litauen reicht der Weg von Nida bis zur lettischen Grenze nördlich des Küstenorts Palanga. Auf der gleichen Strecke verläuft auch der litauische Teil des Europaradwegs 13, des Iron Curtain Trail. Der fast 10.000 Kilometer lange Weg erstreckt sich von der Barentssee bis an die bulgarische Schwarzmeerküste entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs.

Die Stadt auf dem Rad entdecken

Auch innerhalb der Stadt stellt das Fahrrad eines der bequemsten Fortbewegungsmittel dar. Neben Hotels und Verleihen bieten auch viele mobile Leihstationen seit einigen Jahren ihre Dienste an. Eine der beliebtesten Fahrradtrassen führt Einheimische und Gäste vom städtischen Hafen schnell am Fluss Dangė entlang in die ruhige Natur.

Auf ihrem Weg bis in den Badeort Giruliai passiert sie wichtige Sehenswürdigkeiten wie das Segelschiff Meridianas und den botanischen Garten. Viele Campingtouristen, die nördlich von Klaipėda ihr Lager aufschlagen, nutzen diesen Weg für ihre Ausflüge in die Stadt.

Holländerhut Olando kepurė
Holländerhut bei Karklė, einem Badeort zwischen Palanga und Klaipėda.
(Foto: depositphotos.com)
Auch die Radfahrer, die am regnerischen Vormittag Anfang Juli unter einer Brücke Zuflucht suchten, hatten sich auf den Weg nach Giruliai gemacht, als der Regen sie überraschte. Ihr Ziel war der Holländerhut, Olando Kepurė. Die Klippen an der Ostsee erhielten ihren Namen der Legende nach von holländischen Seeleuten, die in der Form der Klippen einen Seefahrerhut sahen.

Eine halbe Stunde später ließ der Regen schließlich nach, sodass die Radfahrer ihre Tour fortsetzen konnten. Der Asphaltweg schlängelte sich unter den Pfützen her. Vereinzelt fielen noch Tropfen von den Baumkronen auf den Weg. Als die Sonne schließlich die Wolken an einzelnen Stellen durchbrach, tauchte ein schmaler Dunststreifen den Wald in einen süßlichen Geruch von Regen und Kiefern.

Am Holländerhut angekommen herrscht trotz des Regenwetters Hochbetrieb. Die Litauerinnen und Litauer, so scheint es, sind das wechselhafte Wetter gewöhnt. Eine Floskel sagt bekanntlich, es gäbe kein schlechtes Wetter, nur unpassende Kleidung. Vielleicht ist dieser Spruch ja nirgendwo so wahr, wie in Litauen.

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