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Kurische Nehrung

Nida: Am schönsten Ende der Welt

Die Meeresluft und der Kieferngeruch zogen bedeutende Persönlichkeiten wie Thomas Mann einst nach Nida. Heute noch gilt der kleine Ort an der litauischen Ostseeküste als abgelegener Sehnsuchtsort. Hier am Ende der kurischen Nehrung liegt ein kleines Paradies. Ein Tag in Nida.

Kurische Nehrung Nida Düne
Die Sahara des Nordens: Die Sandformationen der Parnidis-Düne sehen bei jedem Besuch anders aus. (Foto: Rolandas S.)
Die Kiefernäste streifen das Dach, als sich der Bus durch den Wald schiebt. Trotz des grauen Himmels dringt das Licht am frühen Morgen zwischen den dünnen Stämmen hervor. Als es auf die feuchte Straße trifft steigt etwas Nebel auf. Auf seiner Reise lässt der graue Bus Fischerdörfer hinter sich und ebenso verlassene Holzhütten im dichten Wald.

Am Hafen von Smiltynė hatte der Bus die Passagiere eingesammelt, die mit der Fähre aus Klaipėda übergesetzt sind. Knapp eine Stunde braucht er für die fünfzig Kilometer bis zum abgelegensten Ort Litauens – bis ans Ende dieses Teils der kurischen Nehrung.

Auf dem Weg ziehen haushohe Dünen an den Busfenstern vorbei, ebenso dunkle Nadelwälder und karge Heiden. Auf der kurischen Nehrung, so scheint es an schauerreichen Sommermorgen, läuft die Zeit langsamer.

Als der Bus in Nida ankommt, kurz vor der russischen Grenze, scheint die Sonne schon mutiger zwischen den Kiefern und über den Holzhäusern hervor. Möwen streifen im Tiefflug das ruhige Wasser des Haffs. Der Wind, der von der Meerseite her auf die dünne Landzunge trifft, beugt die Bäume etwas in Richtung des stilleren Gewässers. Da es ruhig ist, hört man ihr Knarren überall im kleinen Ort.

Nidas Tourismus spürt den Krieg in der Ukraine

Haff Haffpromenade
Auch bei starkem Wind ist das Haff meist ruhig. Mit Ausflugsschiffen kann man von unterschiedlichen Häfen bis nach Nida übersetzen. (Foto: Marcel Knorn / Nordisch.info)
Unweit vom Busbahnhof herrscht Hochbetrieb in der Bäckerei Gardumėlis, der einzigen des Orts. Im Schaufenster türmen sich dunkles Brot, süßes Gebäck und goldgelbe Kibinai – fleischgefüllte Teigtaschen. Es riecht nach starkem Kaffee und süßem Teig. Obwohl es gerade mal kurz nach neun Uhr ist, reicht die Schlange der Kunden bis auf den Parkplatz.

„Die Bäckerei gibt es erst seit wenigen Jahren. Schön zu sehen, dass der Plan aufging“, sagt Kristina.

Sie nimmt zwei Tassen Kaffee von der Theke und setzt sich an einen freien Tisch. Die junge, dunkelhaarige Frau hatte vorher in einer Großstadt gelebt. Dann entschied sie sich, nach Nida zu kommen, um im Tourismussektor zu arbeiten. Man spüre, dass der Ort nach der Pandemie wieder zum Leben erwacht ist, sagt sie. Das Niveau vor der Krise habe man aber leider noch nicht erreicht.

Das liege aber nicht nur an der Pandemie, sondern auch am Krieg gegen die Ukraine. Einerseits blieben die Gäste aus dem nahegelegenen Kaliningrad aus. Andererseits mache die Grenznähe vielen mehrheitlich deutschen Gästen Angst. Das akzeptiere sie zwar, Grund zur Sorge sieht Kristina aber nicht: „Wir sind sicher hier“, sagt sie und lächelt.

Die Sahara des Nordens

Nida Leuchtturm
Bei gutem Wetter sieht man vom Leuchtturm bis zu 44 Kilometern weit. Ungeeignet für Menschen mit Höhen- oder Platzangst. (Foto: Marcel Knorn / Nordisch.info)
Wie nah die Grenze zur russischen Exklave Kaliningrad liegt, zeigt ein Blick vom nahegelegenen Leuchtturm.

Von dem 29 Meter hohen Turm hat man eine fantastische Aussicht auf beide Seiten der Nehrung. Hinter den gigantischen Dünen kann man den Kontrollposten der Grenze ausmachen. Hinter den Wipfeln der Bäume und den Hügeln der Dünen ist er fast nicht zu erkennen.

Mehr Aufmerksamkeit zieht die Parnidis-Düne auf sich, eine der höchsten Europas. An einigen Stellen erhebt sie sich mehr als 50 Meter über die Ostsee. Auch wenn sie heute als eine Attraktion des Ortes gilt, so mahnt sie auch menschliche Kühnheit. Massive Rodungen hatten einst dazu geführt, dass sich der Sand ungehindert auftürmte. Im Laufe der Zeit verschlang die menschengemachte „Sahara des Nordens“ zweimal das Dorf unter sich. Das heutige Nida ist also der dritte Ort an dieser Stelle. Erst, als wieder Bäume angepflanzt wurden, konnte dem Hunger des Sandes Einhalt geboten werden.

Thomas Manns Italienblick

Thomas Mann Haus Nidden Nida
Im ehemaligen Sommerhaus informiert eine Ausstellung über das Leben des Ehepaars Mann in Nida. (Foto: Marcel Knorn / Nordisch.info)
Wer die Küstenseite entlanggeht, erlebt ein wahres Naturspektakel: Der feine Sand knirscht unter den Füßen, hohe Wellen peitschen an den Strand. Die saftigen Nadelwälder wiegen sich im Wind. Am Haff auf der anderen Seite der schmalen Landzunge ist davon kaum etwas zu spüren. Schon Wilhelm von Humboldt schrieb, die Kurische Nehrung sei „so merkwürdig, dass man sie eigentlich ebenso gut als Spanien und Italien gesehen haben muss“.

Die Ruhe und Abgeschiedenheit zog im Laufe der Geschichte auch deutschsprachige Künstler in die Künstlerkolonie Nidden, wie der preußische Küstenort damals hieß. Viele der klassischen Holzhäuser und die protestantische Kirche mit den deutschen Grabkreuzen erinnern an diese Zeit. Literaturnobelpreisträger Thomas Mann gefiel es am Ufer des Haffs so sehr, dass er sich hier ein Sommerhaus bauen ließ.

Drei Sommer (1930 bis 1932) verbrachte er hier, bevor er vor den Nationalsozialisten fliehen musste. Ende der Achtziger Jahre wurde das Sommerhaus zum Thomas-Mann-Museum erklärt. Nach der Besichtigung können Besucher auf der Terrasse bei einem Kaffee Manns geliebten Italienblick genießen.

Weltklasse für das Gold der Ostsee

Bernstein Nida
In diesem Bernstein steckt Sosybius Mizgirisi. Die Spinne wurde bislang nur im Bernstein aus dem Mizgiris-Museum gesichtet und somit nach dessen Gründer benannt.
(Foto: Marcel Knorn / Nordisch.info)
Noch heute gilt Nida als ein wichtiger Sehnsuchtsort für Künstler aus der ganzen Welt. Einer der bedeutendsten Kreativen, die momentan in Nida wirken, ist Kazimieras Mizgiris. Der Fotograf wurde im Lauf seiner Karriere mit zahlreichen nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet. In Litauen ist Mizgiris vor allem für sein liebstes Arbeitsmaterial bekannt: den Bernstein.

In einer alten Jugendherberge entstand unter der Federführung des Ehepaars Mizgiris eines der modernsten Museen Litauens. Ihre Mission: den lokalen Rohstoff vom Image des Großmutterschmucks befreien. Dafür holten sie eine der renommiertesten Designbüros für Museumsarchitektur nach Litauen: Die Firma Ralph Appelbaum Associates designte vorher etwa Ausstellungen für das New Yorker Naturkundemuseum oder das schottische Nationalmuseum.

Im Ausstellungsraum leitet eine Videoinstallation die Besucher an einem optischen Flussbett vorbei durch die Geschichte des Bernsteins. Multimediale Simulationen erzählen von der Entstehung des Bernsteins und den faszinierenden Millionen Jahre alten Einschlüssen. Anschließend können Besucher den Stein selbst kennenlernen, ihn anfassen und hochheben, an ihm riechen und ihm sogar zuhören.

Ein Sehnsuchtsort

Parnidis-Düne
Wer einmal Nidas Luft geatmet, die Kiefern gerochen und dem Wellengang gelauscht hat, findet hier seinen ganz eigenen Sehnsuchtsort. (Foto: Marcel Knorn / Nordisch.info)
Als der Tag auf der kurischen Nehrung zu Ende geht, taucht die untergehende Sonne den Kiefernwald in ein sattes Gold. An der Haffpromenade riecht es nach Räucherfisch und Holzöfen. Aus den Gaststätten klingen gedämpft Gespräche und klirrende Gläser. Der letzte Bus bringt Tagesgäste zurück zur Fähre nach Klaipėda. Die müden, aber glücklichen Besucher brechen langsam zu ihren Unterkünften auf.

Ob für einen Tag oder einen Sommer: Wer Nida einmal besucht hat, versteht, was Humboldt und Mann gefühlt haben. Wer einmal Nidas Luft geatmet, die Kiefern gerochen und den Wellen beim Schlagen zugehört hat, findet hier seinen ganz eigenen, ruhigen Sehnsuchtsort. Diese Erfahrungen laden zum Wiederkommen ein. Am besten gleich für einen Sommer.

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Grießmann Stefan
Grießmann Stefan
2. September 2022 5:20

Das Bild von Rolandas S. ist meines Erachtens nicht von der Parnidis- Düne aufgenommen (ich hatte Sie schon darauf hingewiesen)und der Leuchtturm von Nida ist weder 79 Meter noch 51 Meter hoch. Mit freundlichen Grüßen, Stefan Grießman