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Serlachius Museum Mänttä

Der Papierteufel und das Museum im Nirgendwo

Ein Museum – hochklassige Kunst – alte Meister mitten im Wald? In the middle of nowhere? Wem fällt sowas verrücktes ein? Den Finnen! Besser gesagt: dem Papierteufel.

Museum Serlachius Reisebericht
Der Erweiterungsbau des Museums Serlachius.

Man muss sich schon aus der Hauptstadt weg bewegen, raus aus der Zivilisation, weg vom Trubel. Flugplatz – Fehlanzeige. Bahnhof – ebenso. Der Bus ist das Transportmittel der Wahl.

Rund 1,5 Stunden braucht der Museumsbus von Tampere. Es ist auch kein großer Bus, der einen in dieses merkwürdig verheißungsvolle Museumsquartier bringt. Dass die Straßen vereist sind, scheint den Busfahrer nicht weiter zu kümmern. Braust mit 80 Sachen über die eisgeglätteten Straßen. Ungezählte Kiefern, Birken, Föhren fliegen an uns vorbei. Die Häuser werden immer weniger. Irgendwann schwinden sie ganz aus dem Landschaftsbild. Niemandsland-Gefühle machen sich breit.

Schließlich stoppt der Bus und lässt mich raus. Ich bin gespannt, was mich erwartet. Nicht viel. Zunächst. Der Ort ist überschaubar. Um nicht zu sagen: winzig. Alles geschlossen. Zusätzlich verhindert der Schnee erfolgreich, dass man gleich bis auf den Grund der Dinge kommt. Nach der Anreise wünsche ich mir erst mal nur ein Bett. Und dann: das Museum im Nirgendwo.

Gustafs Vision: eine neue Gesellschaft

Museum Geschichte Serlachius
Im Museum Gustaf wird die Geschichte Serlachius anschaulich gemacht.

Gustaf Adolph Serlachius hatte einen Traum. Ein Imperium schaffen. Nicht nur eine Mühle mit neuester Technik bauen, sondern eine neue Gesellschaft errichten. Ein Utopia im Norden Europas.

In Mänttä fand der ehemalige Apotheker aus Tampere den idealen Platz. Das Problem: keinerlei Infrastruktur. Nur Wald und Wasser. Und Wasser und Wald. Nicht mal auf dem Landweg war sein Traumland erreichbar.

Mänttä liegt zwischen zwei Seen. Die Stromschnellen Mäntänkoski hatten es Gustaf angetan. Er erwirbt das Westufer und kauft Rechte an der Wasserkraft. In den folgenden Jahren entstehen unter großen Risiken und Schuldenbergen zwei Holzschleifereien, zwei dampfbetriebene Sägewerke, eine Papierfabrik, eine Kartonfabrik und eine Tütenfabrik.

Gustaf (1830-1901) baute nicht nur Fabriken, sondern auch Wohnungen, eine Schule für die Arbeiterkinder, eine Bücherei, Läden und eine Apotheke. Später auch eine Kirche. Er ist es auch, der in den 1890-er Jahren die ersten Eisbrecher nach Finnland holt und unermüdlich für eine Eisenbahn nach Mänttä wirbt.

Eine ideale Gesellschaft wollte Gustaf schaffen. Queen Elisabeth, der König von Schweden und 1957 der erste Premierminister Indiens Jawaharlal Neru aus Indien kamen. Neugierig und angesteckt von dieser Idee. Der erste funktionierende, kleine Sozialstaat. In alter Manier, mit vielen Arbeitern und einem Grand Chef.

„Vielleicht lag es in seinem Charakter,“ erzählt Rebekka Tolonen, die im Museum arbeitet. „Er war wie ein Patron, ein Vater für die Menschen.“

Die Liebe zur Kunst

Rebekka Tolonen
Rebekka Tolonen erklärt das Werk von Eero Järnefelt.

Der Papierteufel wird zum bedeutendsten Papierfabrikanten Finnlands. Und er liebt Kunst.

„Mit der Kunst wollte er auch die Einzigartigkeit Finnlands zeigen,“ sagt Rebekka. Akseli Gallen Kallela war oft in Mänttä. Serlachius unterstützte ihn, kaufte seine Kunst und gab ihm Kost und Logie.

Mänttä war 1850 das künstlerische Zentrum des authentischen Binnen-Finnlands, erzählt Rebekka. Erst später sei es nach Karelien gewandert.

Sein Neffe Gösta (1876-1942) liebte alles Schöne. Er steigt ins Geschäft ein, das gerade anfängt zu boomen. Auch er sammelt fleißig Kunst.

Selbst in den Häusern der Farmer soll Kunst an den Wänden hängen, davon ist er überzeugt. Kunst sollte nicht nur in der Hauptstadt Helsinki, sondern auch auf dem Land gezeigt werden.

Zusammen mit führenden finnischen Persönlichkeiten verfasst er 1938 einen Appell zur Förderung der Kunst. Wirtschaftsbosse sollten die öffentlich zugänglichen Teile ihrer Unternehmen von Künstlern dekorieren lassen. Auf diese Weise würde Kunst noch mehr Menschen erreichen.

So entstand die bedeutendste private Kunstsammlung in den nordischen Ländern. Über 13.000 Werke umfasst sie heute.

Das achte Museum in Finnland

Göstas größter Traum war es, ein Kunstmuseum in Mänttä zu errichten. Die Pläne dafür waren bereits fertig. Doch dann kam der Zweite Weltkrieg dazwischen. Sein Traum blieb unvollendet. Er starb 1942.

Göstas zweite Ehefrau Ruth wusste um seine Leidenschaft und öffnete wenige Jahre später im Herrenhaus zwei Räume für die Öffentlichkeit, in denen Kunst gezeigt wurde. Es wird das achte Museum in Finnland. 1980 wurde dann das gesamte Gebäude als Museum der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Der einzige Monet

Der einzige Monet, der in Finnland zu sehen ist, hängt in Mänttä: „Heuhaufen in der Abendsonne“.

Seine Authentizität wurde manchmal angezweifelt. Also untersuchte ein Forscherteam der Universität Jyväskylä das Bild und fand unter den Farbschichten in der rechten Ecke die Signatur von Claude Monet sowie das Jahr 1891.

Ruth entwickelt nicht nur die Region, sondern sorgt auch dafür, dass Mänttä ein Kulturleben bekommt, das den Namen auch verdient.

Es gibt Theatergruppen, Jazzclubs, Musikvereine, Tanzclubs. „Die Arbeiter waren hin- und hergerissen“, meint Rebekka. Einerseits stolz auf den Erfolg ihres Unternehmens, andererseits litten sie teilweise auch unter der strengen Hierarchie. Das Leben teilte sich in Arbeiter und die anderen.

„Gustaf, der Papierteufel, war keine umgängliche Person. Er hatte eben diese Vision. Und das hatte nicht nur sehr viel Leidenschaftliches, auch etwas Hartnäckiges, vielleicht sogar Zwanghaftes.“ Und Utopia war noch fern.

Das unübersehbare Museum im Nirgendwo

Architektur des Museums
Die Architektur lässt Innen und Außen verschwimmen.

Das Serlachius Museum verwaltet das Erbe der Familie Serlachius. „Wir glauben, dass Kunst Diskussionen auf andere Art in Gang setzen kann, auch die schwierigen Probleme,“ sagt Rebekka. „Durch Kunst kannst du deine Wünsche, Hoffnungen und Träume ausdrücken.“

Die Kunstschätze sind sagenhaft. Die Architektur auch. Wie vor einer gigantischen grünen Leinwand steht da ein monolithischer Baukörper: das Joenniemi Herrenhaus. 2011 hat das MX-SI architectural studio aus Barcelona unter fast 600 Bewerbern den Wettbewerb für den Museums-Erweiterungsbau gewonnen. Sie schaffen mit einem modernen Neubau den Dialog zwischen Alt und Neu, in dem das Herrenhaus immer noch das Zentrum bleibt und nicht von der beeindruckenden Holz- und Glasarchitektur mitten im Wald geschluckt wird.

Die neue Architektur spielt mit unserer Wahrnehmung. Innen und Außen verschwimmen, fließen ineinander und sind manchmal nicht mehr voneinander zu trennen. Die Landschaft fließt ins Museum und umgekehrt.

Innen begegnet man den Kunstwerken der wichtigsten und berühmtesten finnischen Künstler. Daneben französische Impressionisten, Porträts, Landschaftsstudien, Lichtmalerei.

Museum Gustaf Reisebericht Erfahrung
Entwicklungsdirektorin Päivi Viherkoski in einer nachempfundenen Apotheke im Museum Gustaf.

Weitere Räume sind der Gegenwart gewidmet: wechselnde Ausstellungen zeitgenössischer Künstler aus aller Welt. Man kann gut und gerne einen Tag damit verbringen, durch die Räume zu streifen und sich ganz der Kunst hinzugeben. Päivi Viherkoski, Entwicklungsdirektorin des Serlachius Museums, führt mich herum und erzählt von den Kunstwerken und den Begegnungen mit den Künstlern. Zwischendurch grüßt sie Mitarbeiter des Museums oder hält einen kurzen Schwatz.

Riikka Lenkkeri Die Schlafenden
Riikka Lenkkeri: Aus der Serie „Die Schlafenden“.

Zur Zeit sind Werke des Künstlerehepaars Ehrström zu sehen. Eric O. W. Ehrström (1881–1934) und Olga Gummerus-Ehrstöm (1876–1938) wurden von der offiziellen finnischen Kunstgeschichte lange vernachlässigt. Die meisten der in Mänttä gezeigten Werke und Entwürfe wurden nie zuvor öffentlich ausgestellt.

So treten die Menschen und Macher des Museums in Mänttä in die Fußstapfen von Serlachius. Sie bieten zudem kostenlose Führungen an bestimmten Abenden im Monat, machen Lesungen, Erwachsenenbildung, Vorträge, Familientage, spezielle Angebote für Senioren.

100.000 Euro spendieren sie über 5 Jahre, damit Schulen im ganzen Land sich den Transport für einen Ausflug nach Mänttä leisten können.

Das Weiße Haus von Mänttä

Museum Gustaf White House
Im „White House“ – heute das Museum Gustaf.

Das Hauptquartier des Industriekomplexes sollte nach den Wünschen von Gösta funktionalistisch und modern sein. Die Visitenkarte des Unternehmens. Und so erinnert die Eingangshalle aus den 1930-er Jahren an ein herrschaftliches Haus oder den Eingang eines Museums, nicht einer Fabrik. Noch mehr erinnerte es die Menschen in Mänttä an den Sitz des amerikanischen Präsidenten, weshalb es sehr bald den Spitznamen „White House“ bekam.

Ein umlaufendes Wandgemälde im Foyer erzählt die Geschichte des Papiergiganten. Wie etwa das Papier mit Booten nach St. Petersburg geschifft wurde. Und im Winter mit Pferden über das Eis.

Träume das Unmögliche

Serlachius Oy Darstellung
Serlachius Oy in einer frühen Darstellung.

Hier wird heute die Geschichte des Unternehmens erzählt. Wie Serlachius, von dessen sieben Kindern nur drei überlebt hatten, von der Idee getrieben loszieht, eine Papiermühle in the middle of nowhere zu bauen. Nur über das Wasser gelangte man damals nach Mänttä. Doch Serlachius hatte die Idee, eine Eisenbahn zu bauen. „Träume das Unmögliche“, schmettert er in der audiovisuellen Ausstellung, in der er selbst sein Leben erzählt. Als Pappmaché-Figur einen Eindruck von der damals schwierigen Zeit vermittelt. Angefeindet von Konkurrenten, über seine Kräfte arbeitend und die Hoffnung nie aufgebend.

1890 halten Telefon und Elektrizität Einzug in Mänttä. Aber weit schlimmer: die Fabrik brennt ab. Sein Lebenswerk zerstört. Seine Existenz ruiniert. Doch seine Reaktion ist überaus überraschend: „Lasst uns eine neue, bessere Fabrik bauen,“ soll er nach dem Brand ausgerufen haben. Der Papierteufel: Ein Stehaufmännchen, das sich von nichts und niemand aufhalten lässt.

Gösta, sein Neffe, heiratet seine Tochter Sissi, steigt in die Firma ein und führt Mänttä in die große Welt. Das Industrieunternehmen wird umstrukturiert, mit neuester Technik ausgestattet und macht Millionen. Millionen, die Gösta am liebsten in Kunst investiert.

Später übernimmt sein Sohn Ralph Erik die Firma. Die Welt dreht sich schneller, als man im abgelegenen finnischen Wald reagieren kann: Recycling wird wichtiger, die Ölkrise zwingt in die Knie. Das Unternehmen wird zunehmend unrentabel, 1986 übernimmt Metsä Oy das Industrieunternehmen Serlachius.

Aus der idealen Gesellschaft, die der Papierteufel Serlachius erschaffen wollte, ist nichts geworden. Zumindest nicht dauerhaft. Dafür beglückt er uns bis heute mit Kunstschätzen und einem Museum, das seinesgleichen sucht.

Heute wird in Mänttä immer noch Papier produziert. Das bekannteste in Finnland: Toilettenpapier.

Text und Fotos von Tarja Prüss

Serlachius Museum Gustaf und Gösta:

  • Zweitbeste Attraktion in Finnland 2017 (Lonely Planet)
  • Das Museum des Jahres in Finnland 2015
  • Ca. 80.000 Besucher pro Jahr
  • Eintritt: Erwachsene: 10 Euro, Alle unter 18 Jahren: freier Eintritt
Reisepakete für Gruppen und Einzelreisende:
www.serlachius.fi/de/info/reisepakete-fr-einzelreisenden/

Museum Gustaf: R. Erik Serlachiuksen katu 2 | Mänttä
Museum Gösta, Joenniementie 47 | Mänttä

Essen:
Restaurant Gösta im Kunstmuseum
Eines der besten Museumsrestaurants Europas. Chefkoch Henry Tikkanen schätzt lokale Rohstoffe von hoher Qualität und zaubert wahre Geschmackserlebnisse. Jeden Tag werden frisches Brot und Kuchen gebacken. Geöffnet zu den Öffnungszeiten des Kunstmuseums.
www.serlachius.fi/fi/tervetuloa/ravintolapalvelut/
Übernachten:
Arthotel Honkahovi
Herrenhaus und ehemaliger Sitz des Serlachius Sohnes. Schöne Zimmer mit Blick auf den See. Umfangreiches Frühstücksbuffet.

Johtokunnantie 11 | 35800 Mänttä
www.klubin.fi

Ausflugstipps:
Vuorenmaja
Vuorenmaja ist eine ehemalige Skihütte, die heute eine gemütliche Weinstube ist. Im Herzen des Naturschutzgebietes wurde die Skihütte zum 60-jährigen Firmenjubiläum von Serlachius errichtet.
Hier gibt es europäische Weine und mitteleuropäische Küche.

Die Bedienung spricht sogar deutsch. Denn das kleine Lokal wird von dem finnisch-schweizer Ehepaar Anu und Markus Schuoler geführt.

Vuorentie 70 | 35820 Mänttä
https://vuorenmaja.fi

Anreise:
Der Serlachius-Bus fährt täglich zwischen Mänttä-Vilppula und Tampere. Eine Hin- u. Rückfahrkarte von Tampere kostet 25 €.

Die Bahn bringt Reisende bis Vilppula, das rund sieben Kilometer von Mänttä entfernt liegt.

Mit dem Auto gelangt man über die Landstraße 58 nach Mänttä-Vilppula im Nordteil der Region Pirkanmaa. Die Entfernung nach Tampere beträgt etwa 90 Kilometer, nach Helsinki 260 Kilometer. Die nächsten Flughäfen befinden sich in Tampere und Jyväskylä.

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