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„Menschen würden auf die Straße gehen“

Estland: Sowjetisches Panzerdenkmal in Narva bleibt erhalten – aus Sorge um sozialen Frieden

Wie umgehen mit sowjetischen Kriegsdenkmälern? Diese Frage ist in den baltischen Staaten akut wie nie, nachdem Russland seinen furchtbaren Angriffskrieg in der Ukraine entfesselt hat. Vor fast genau drei Monaten war das, am 24. Februar. Nebenbei, nicht nur der Tag des russischen Angriffs der Ukraine, sondern auch der estnische Tag der Unabhängigkeit.

Panzer Denkmal Narva
Das nachgebaute T-34-dient als Denkmal. Nördlich von Narva, Kreis Ida-Viru.
(Archivbild: Mark Vegas / CC BY-SA 2.0)
Verständlicherweise stehen überall in Estland, Lettland und Litauen seit Beginn der Kampfhandlungen Gedenkstätten oder die Namen von Plätzen und Straßen mit heroisierendem Sowjet-Bezug auf dem Prüfstand.

Manche Beseitigung ist bereits beschlossen, vieles ist in der Mache – wie zuletzt berichtet am Beispiel des Raadi-Parks in Tartu. Doch es gibt eben auch die andere Sichtweise, die besagt, dass es gerade jetzt nicht an der Zeit sei, den ohnehin weit fortgeschrittenen Bruch mit der Sowjet-Ära quasi im Galopp zu finalisieren.

So jedenfalls sieht es die Führung der Stadt Narva ganz im Osten Estlands, wo es bis nach Russland tatsächlich nur ein Steinwurf ist. Im Falle der 57.000-Einwohner-Stadt geht es um ein sowjetisches Panzerdenkmal, das seit Ende der 60er Jahre vor den Toren des Zentrums wacht.

Die hoch auf einem Steinsockel thronende Nachbildung eines T-34-Panzers enthält eine Gedenktafel, die an die „Befreiung“ der Stadt von den Nazis durch die Rote Armee erinnert. Militärhistorisch ist das korrekt, das fand so statt, wenngleich es 1944 in der „Schlacht um Narva“ natürlich nie um das Wohl Estlands ging, sondern um den Austausch einer Besetzung durch eine andere.

Daher auch wurden die Folgejahrzehnte der Unterdrückung Estlands durch das Sowjetregime in das Gedenken bewusst nie mit einbezogen. Das macht die Geschichte von der Befreiung so ambivalent.

Hinzu kommt im Speziellen, dass Narva aufgrund seiner geografischen Lage ganz anders tickt als weiter westlich gelegene Städte in Estland. Zum Ausdruck kommt dies vor allem im hohen Anteil an russischstämmigen Bürgerinnen und Bürgern.

Über 90 Prozent der Menschen in der Stadt sprechen laut ERR.ee nicht primär Estnisch, sondern Russisch, weshalb man Bürgermeisterin Katri Raik eines absolut abkaufen kann: dass es derzeit alles andere als einfach ist, den Laden in Narva beisammenzuhalten.

Auf die mögliche Entfernung des Panzerdenkmals angesprochen, teilte sie diese Woche Medienvertretern gegenüber mit: „Ich sage es direkt und deutlich. Ich halte es für nicht sinnvoll, den Panzer zum jetzigen Zeitpunkt zu entfernen.“ Andernfalls sei sie in Sorge um den sozialen Frieden in der Stadt.

„Die Menschen würden auf die Straße gehen“, ist sich die Bürgermeisterin sicher und bringt zum Ausdruck, wie schwierig und emotional aufgeladen die Situation für sie und ihre Mitentscheider aktuell zu sein scheint.

„Ich verstehe alle, die Sowjet-Denkmäler abreißen wollen. Aber in der gegenwärtigen Situation ist der Preis für das Wohlergehen in Narva so hoch, dass man das Kriegsdenkmal einfach so lassen sollte, wie es ist“, fuhr sie in dem Interview fort.

Damit geht Narva quasi in Frontalopposition zur estnischen Regierungschefin Kaja Kallas, die die Kommunen erst letzte Woche eindringlich gebeten hat, rote Denkmäler systematisch entfernen zu lassen. Der Krieg in der Ukraine lasse ihr keine andere Wahl, ließ Kallas wissen.

Aber: Vor allem dort, wo solche Denkmäler nicht von den Gräbern Gefallener aus dem Zweiten Weltkrieg umgeben sind, liege die Entscheidung über Verbleib oder Entfernung laut Kallas voll und ganz bei den lokalen Autoritäten.

Der T-34 in Narva ist ein solcher Fall, hier gibt es keine Gräber, nur den Panzer auf seinem Sockel. Er wird bleiben – vorerst jedenfalls.

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