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Kommentar

e-Estonia: Gut gerüstet im Kampf gegen Corona?

Das geht die Nachrichten rauf und runter, den ganzen langen Tag. Schlimme Bilder, vage Chancen, Abstandhalten und längst kein Ende in Sicht, und nicht immer ein gutes. Das ist, grob zusammengefasst, Corona.

e-Estonia Digitalisierung
„Sie betreten gerade e-Estonia.“ (Foto: Jelena Rudi)
Wie unkompliziert die Welt trotz all ihrer wachsenden Komplikationen noch vor sechs, acht, zehn Wochen schien. Jedenfalls vom heutigen Standpunkt, im Rückspiegel betrachtet.

Und dann stellt man fest, dass ein Gutteil des Denkens bereits voll im Corona-Modus stattfindet. Selbst dann, wenn man eigentlich nur den Plan hat, einen Artikel über die Digitalisierung in Estland zu verfassen.

Man liest hier und da, endlich mal ein anderes Thema, und dann beißen die Synapsen doch wieder zu. Denn bereits ein kurzes Eintauchen in die Materie schreit nach der Theorie, dass Corona und Estland sich zumindest in Teilen abstoßen müssten. Weil, ja weil in Estland schon längst zentrale Bereiche des öffentlichen Lebens digital – und damit kontaktlos – funktionieren.

Schauen wir mal rein in die Liste (Corona dabei immer im Hinterkopf):

Wer in Estland einen e-Personalausweise besitzt, kann damit problemlos …

… digitale Rezepte vom Arzt anfordern, ohne einen Fuß in die Praxis zu setzen.
… Verträge online abschließen und signieren, vom Sofa aus.
… Tickets für den öffentlichen Nahverkehr bezahlen (ganz ohne Automat und Wechselgeld in Bus und Bahn).
… übers Handy Parkgebühren bezahlen.
… online wählen (ganz ohne Wahlzettel und Kreuz mit Kuli).
… in weniger als 20 Minuten ein Unternehmen gründen (kein Besuch beim Notar nötig).
… Fördergelder wie beispielsweise das Elterngeld beantragen (ohne Weg zum Amt).

Und dann ist zu lesen, dass in Estland letztlich auch der komplette Schulunterricht digital stattfinden kann. Bei Bedarf über einen langen Zeitraum hinweg. Alles etabliert, alles eingeübt und von Experten für gut befunden. Holla, die Waldfee, kein schöner Land in dieser Zeit. Die Liste ließe sich übrigens fortsetzen.

Modell für die Zeit nach Corona? Zumindest das?

Nun wird man natürlich auch in Estland noch zum Einkaufen in den Supermarkt müssen und sein neues Auto vor der Online-Abwicklung aller Vertragsangelegenheiten live im Laden inspizieren.

Corona-mäßig geht es in Estland gerade so gut oder schlecht ab, wie in anderen vor der Krise offenen Ländern. 1.108 registrierte Fälle, 19 Tode, 62 Genesungen. Das soll jetzt aber ausnahmsweise nicht das Thema sein.

Bleiben wir vielmehr kurz bei der Theorie und dem, was man in diesen Tagen von Virologen und Politikern aus dem Fernsehen zugerufen bekommt: dass nämlich alle Hebel in Bewegung gesetzt werden müssen, um – Schritt 1 – die Kurve zu glätten und – Schritt 2 – dafür zu sorgen, dass der Bürger schnellstmöglich sein Recht auf den Biergarten, die Kinder ihre Schule und die Wirtschaft ihr Wachstum zurückbekommen. Und zwar mit weiterhin ordentlich Corona in der Atmosphäre, das bleibt uns ja erhalten.

Legt man über diesen Plan nun ein paar der Möglichkeiten, die Estland dank seiner e-Governance anzubieten hat, kann man zumindest den Eindruck erhalten, dass hier etliche Prozentpunkte an Nicht-Ansteckungspotenzial schlummern, die das „System“ in den nächsten Monaten, vor allem aber Jahren sehr gut wird brauchen können.

Mangel an Vorbereitungszeit wird als Argument jedenfalls nicht mehr ziehen, wenn in Zukunft weitere Pandemien drohen. Das wissen alle Staatenlenker schon jetzt. Ganz gleich, was sie dann daraus machen werden.

Oder anders gesagt: War es vor dieser Krise noch „spannend“, was die Esten digital so alles getrieben haben, könnte Corona nun der ultimative Beschleuniger werden, um auch weniger innovative Staaten aus dem Schlaf zu wecken. Auch Deutschland ist so ein Kandidat, dafür braucht es kein Expertenwissen.

In Deutschland ist es bislang politisch unerwünscht gewesen, die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung voranzutreiben. Das Land ist groß, irgendwo müssen die Beamten und Angestellten ja arbeiten. Und die Verwaltung funktioniert auch so, aufwändig, teuer, aber es läuft. – Wird man den „Papierstaat mit E-Mail gestützter Kommunikation“ nach der Coronakrise noch aufrecht erhalten können?

Eigentlich nicht, aber es wird vermutlich eine weitere Pandemie brauchen, bis Deutschland sich bewegt.

Sowjet-Zusammenbruch ein digitaler Segen

Doch wie ist Estland überhaupt dazu gekommen, in Sachen Digitalisierung derart Vorreiter zu werden? Teil der Antwort ist, und das ist jetzt keine Theorie, dass der Staat Anfang der 90er schon einmal so etwas wie einen Shutdown hatte. Damals keinen pandemischen, sondern einen politischen. Das System war in Form der Sowjetunion gerade zusammengebrochen.

Bei allen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Schmerzen, die der Neuanfang mit sich brachte: Aus bürokratischer Sicht war es ein kleiner Glücksfall, da man wirklich bei Null anfangen und so auf den langsam, aber kraftvoll anfahrenden Zug namens Internet aufspringen konnte.

In der Folge entwickelte sich „das kleine Estland“ zu einer der erfolgreichsten eGesellschaften der Welt. Zugang zum Internet ist ein Grundrecht, Funklöcher gibt es genau keine. Die Gründerszene ist extrem gut aufgestellt. Und der Staat bietet seinen Bürgern inzwischen über 500 und seinen Unternehmen mehr als 2000 e-Dienste an. Im Kleinen wie im Großen, es läuft.

Und zwar so gut, dass bereits etliche Staaten auf die Fortschritte in Estland aufmerksam geworden sind. Wohlgemerkt: vor Corona. Bald dürften es viele, sehr viele sein. „e-Governance made in Estonia“ könnte ein ziemlich großes Ding werden, wenn das Schlimmste erstmal überwunden ist.

sh

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