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Kleine Geschichte Estlands und Lettlands VI

Magnus: Der erste und letzte König von Livland

Mit dem Angriff des russischen Zaren Iwan IV. auf Livland 1558 begann ein Krieg, der nicht nur ein Vierteljahrhundert andauern, sondern auch die alte staatliche Ordnung im Land hinwegfegen sollte. Seit der Eroberung durch die Kreuzritter und Kaufleute aus Deutschland dreieinhalb Jahrhunderte zuvor hatten hier der Deutsche Orden, der Erzbischof von Riga und die Bischöfe von Dorpat, Ösel-Wiek und Kurland geherrscht.

Karte Livland Frühneuzeit
Karte von Livland in der Frühneuzeit. (Urheber Dr. Martin Pabst)

Dass geistliche Herren (wie Bischöfe) auch politische Macht haben können, das war im Mittelalter ganz normal. Mit der Reformation änderte sich dies: Martin Luther lehrte, dass die geistliche und weltliche Herrschaft getrennt werden sollen. Und die Einwohner Livlands hatten sich sehr schnell – erst in den Städten und dann immer mehr auch auf dem Land – Luthers Lehren angeschlossen.

Es ist ein Leichtes zu sagen „Bischöfe sollen nicht weltlich herrschen“. Doch was sollte an die Stelle der alten Ordnung treten? Der Hochmeister des Deutschen Ordens hatte es vorgemacht, als er 1525 seinen direkten Herrschaftsbereich Preußen in ein Herzogtum unter polnischer Hoheit umwandelte. Auch in Livland hatte es immer wieder Versuche gegeben, das Land nach preußischem Vorbild zu säkularisieren. Aber hier gab es nicht ein straff organisiertes Territorium wie in Preußen, hier stritten seit jeher Erzbischof und Ordensmeister um die Vorherrschaft. Als dann der russische Angriff zeigte, wie zerbrechlich dieses einst mächtige Livland geworden war, begann der Verkauf einzelner Herrschaftsbereiche.

Wenn das nicht passiert wäre – wer weiß, ob unser tragischer Held je nach Livland gekommen wäre? Denn Magnus stammte eigentlich vom anderen Ende der Ostsee, wo er 1540 als Sohn des dänischen Königs Christian III. geboren wurde.

Er hatte einen älteren Bruder, Friedrich, der als Kronprinz die Krone erben sollte. Jüngere Söhne aus Adelsfamilien hatten traditionell in der Kirche Karriere gemacht, waren Äbte oder Bischöfe geworden. Doch überall, wo sich die Reformation durchsetzte – in Dänemark hatte Magnus Vater dafür gesorgt – wurden die eigenständigen kirchlichen Institutionen zu einem Teil der staatlichen Verwaltung, die Klöster nach und nach aufgelöst.

Als Christian III. von Dänemark starb, und Friedrich II. König wurde, griff er aber auf genau diese alte Strategie zurück, um seinen jüngeren Bruder zu versorgen – und für seine etwaigen Ansprüche auf das väterliche Erbe in Dänemark, Schleswig und Holstein abzufinden. Für 30.000 Taler kaufte Friedrich II. 1560 dem Bischof von Ösel-Wiek sein Bistum ab. Magnus machte sich umgehend auf den Weg und traf in Livland zu dem Zeitpunkt ein, als der Zerfall der alten Strukturen ihren Höhepunkt erreichte. Er sah die Chance, griff zu und kaufte das Bistum Kurland und die Verwaltung des Bistums Reval, das keinen eigenen Herrschaftsbereich (Stift) hatte.

Dass der neue Herrscher von Ösel-Wiek und Kurland der Bruder des dänischen Königs war, ließ all diejenigen Morgenluft wittern, die schon zuvor auf Dänemark als Schutzmacht gesetzt hatten. Der alte Christian III. hatte sich aus dem Konflikt bekanntlich herausgehalten. Aber seine Söhne? Sie sollten wieder enttäuscht werden, denn Friedrich II. hatte Ösel-Wiek gekauft, um seinen Bruder zu versorgen, nicht, weil er in den Konflikt mit Russland einsteigen wollte. Als Magnus ihn dann auch noch um weitere finanzielle Unterstützung bat, verbot er ihm, irgendwelche Verträge mit auswärtigen Mächten abzuschließen, und setzte ihm bis 1566 einen königlichen Statthalter vor die Nase.

Was sollte Magnus also tun? Seit Mitte der 1560er war der größte Teil seines Besitzes von schwedischen Truppen besetzt. Selbst, wenn er sich aus dem Krieg hätte heraushalten wollen: dafür war es schon zu spät. Aber für einen dänischen Prinzen – auch für einen nachgeborenen – wäre das nicht unbedingt standesgemäß gewesen. Was allen Menschen in Livland klargeworden war: Die alte Ordnung zerfiel.

Wie das Livland von morgen aussehen würde, war hingegen völlig offen. Für Menschen wie Magnus die Gelegenheit, diese Zukunft aktiv mitzugestalten. Mit Ösel-Wiek und dem Stift Kurland hatte er schon eine eigene Basis. Wenn für ihn etwas dabei herausspringen sollte, brauchte er aber Verbündete. Doch an wen sollte er sich anlehnen? Sein Bruder, der nicht nur über Dänemark, sondern auch Norwegen und weite Teile Südwest-Schwedens (Schonen) herrschte, hatte klargemacht, dass er für ein livländisches Abenteuer nicht zu haben war.

Also musste Magnus zwischen einer der drei Konfliktparteien wählen: Schweden, das auch Finnland beherrschte, Moskau, dessen Großfürst Iwan IV. sich 1547 zum Zaren hatte krönen lassen und Polen-Litauen, das von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer auch das heutige Weißrussland und weite Teile der späteren Ukraine umfasste.

Geschichte wird von Siegern geschrieben, heißt es. Auch wenn das heute nicht (mehr) so ganz stimmt, so wird sie aber stets von denen geschrieben, die wissen, wie es ausging. Unser Magnus, Herzog von Holstein, musste seine Wahl treffen, ohne in die Zukunft blicken zu können. Und er wählte eine Option, die späteren Generationen zumindest sehr zweifelhaft erscheinen sollte, in seiner Situation aber durchaus vielversprechend war.

Zehn Jahre nach seiner Ankunft auf Ösel finden wir ihn nämlich als Heerführer der russischen Armee, die Reval belagert. Zar Iwan IV. hatte – bevor er in Livland einmarschiert war – die Tatarenkhanate von Kasan und Astrachan erobert und dort zunächst Herrscher von seinen Gnaden, Marionettenherrscher, eingesetzt.

Den selben Plan verfolgte er nun mit Livland. Und obwohl Magnus als Feldherr versagt hatte, ernannte Ivan ihn zum „König von Livland“ – dem ersten und einzigen der Geschichte. Drei Jahre später, 1573, wurde die Verbindung zum Zaren noch verstärkt, als Magnus dessen Großnichte Maria Wladimirowna heiratete.

Schloss Pilten
Überbleibsel des Schlosses Pilten. Hier starb Magnus, Herzog von Holstein, König von Livland 1583. (Foto Simka, CC BY-SA 3.0)

Der Krieg wogte hin und her, ohne dass sich für eine Seite ein klarer Sieg abzeichnete. Im Frühjahr 1577 plante Magnus daher den Seitenwechsel und nahm Kontakt zum polnischen König auf. Als der Zar davon erfuhr, zitierte er ihn nach Pleskau – doch statt ihn wegen Verrats hinzurichten, gab es nur eine Aussprache zwischen den beiden. Und wo sie dabei waren, teilten sie Livland unter sich auf – auch die Städte, Dörfer und Festungen, die sie noch nicht einmal erobert hatten.

Es dauerte nicht lange, bis Magnus wieder den Zorn des Zaren auf sich zog, indem er auch Kapitulationen von Orten annahm, die in Iwans Anteil lagen. Als Iwan im Sommer erfuhr, dass der König von seinen Gnaden wieder mit Polen und dessen Stellvertreter, Gotthard Kettler, dem Herzog von Kurland, verhandelte, ließ er ihn verhaften.

Und wieder kam Magnus ohne Prozess, aber mit dem Leben davon. Kaum, dass man ihn wieder freigelassen hatte, floh er über die Düna in seine Besitztümer in Kurland. Dort lebte er bis zu seinem Tod 1583 in Pilten, stets in Geldnot und gar nicht wie ein König.

Was bleibt also von Livlands einzigem König? Der Historiker Dennis Hormuth fasste es so zusammen: „Als König von Livland scheiterte Magnus vor allem, weil er in den Kämpfen auf die Verliererseite gesetzt hatte, aber auch, weil er keine ausreichende eigene Hausmacht mit in die Waagschale werfen konnte, als militärischer Führer erfolglos agierte und seinen Lehnsherrn immer wieder brüskierte.“

Eine kleine Anmerkung zu den Namen: Die Geschichte Est- und Lettlands bringt es mit sich, dass im Laufe der Jahrhunderte dort Menschen ganz verschiedener Muttersprachen neben- und miteinander lebten. Dies führt – neben der politischen Geschichte – dazu, dass jede Stadt, fast jedes Dorf bis zu kleinen Inseln und Gutshäusern mehrere Namen tragen. Einen deutschen, einen estnischen und einen lettischen, oft auch noch einen schwedischen und einen russischen. Je nachdem, welche Sprache man gerade sprach oder schrieb, benutzt(e) man diesen oder jenen Namen für ein und denselben Ort. Was sich gelegentlich änderte, war die Amtssprache, nicht der Name der Stadt, wie estnischer Historiker zu sagen pflegte.

Dieser Beitrag folgt der Konvention, die von Historikern im Baltikum wie in Deutschland verwendet wird: Für die Zeit vor 1918 wird der deutsche Ortsname verwendet, für die Zeit nach 1918 der estnische/lettische.

Text und Karte von Dr. Martin Pabst

Über den Autor
Dr. Martin Pabst studierte Geschichte und Theologie und wurde mit einer Arbeit zur Reformationsgeschichte Rigas promoviert. Er arbeitet als Wissenschaftlicher Leiter zweier Stiftungen sowie freiberuflich als Autor, Studienleiter und Vortragsredner.
dr-martin-pabst.de // twitter.com/Dr_Martin_Pabst
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