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Reisebericht einer Schottin im dänischen Limfjord

Hallo Dänemark, ein Mal Hygge zum Mitnehmen, bitte

Im Februar schlug ich meinen Kindern vor, in den Pfingstferien einmal komplett durch ganz Deutschland zu fahren, bis wir an einem Fjord ankämen, wo man niemanden verstehen würde und in einem Haus am Meer zu wohnen, wo es keine Nachbarn gäbe aber dafür Krebse und viele Vögel.

Reisebericht Dänemark
An der Nordsee in Dänemark. Unserem Steg am Haus. (Foto Nicola Kelly)
Es gäbe auch einen Kamin und viel Kuchen und Gebäck. Wir würden schwimmen, wenn es warm genug wäre und wenn nicht, dann würden wir Krebse beobachten und vielleicht sogar einen fangen, aber wieder freilassen. Am Abend würden wir Lagerfeuer machen, Kakao trinken und ich würde eine Geschichte vorlesen. Es würde nie richtig dunkel werden und die Kinder dürften so lange auf bleiben, bis sie schlafend umfielen, nur um zu sehen, dass es wirklich nie richtig dunkel werden würde.

Während meines bunten und Herz erwärmenden Monologs, welches Ähnlichkeit mit einem gut geölten Verkaufspitch eines Kultur-Repräsentanten namens Knud Nielsen hatte, wurden die Augen meiner Kinder größer und, schwupps, waren beide an Bord auf meinem fantastischen Roadtrip durch Deutschland mit dem Ziel Abenteuer in einem kleinen Häuschen am dänischen Meer wo wir niemanden verstehen würden. Um dem Ganzen eine gewisse Würze zu verleihen und weil ich eine gute Tochter bin, luden wir meine Mutter, die Oma Nona, auf unsere Quest in den Norden ein.

Erster Halt, Hamburg

So geschah es, wir vier fuhren um 4 Uhr in der Früh an einem lauen Pfingstmorgen gen Hamburg, um dort 2 Tage voller Kultur und nordischem Schalk zu inhalieren. Ich war am Steuer, alle anderen pennten die ersten vier Stunden.

Strandperle Hamburg
An der Strandperle in Hamburg. (Foto Nicola Kelly)
Aber es ging gut und schnell. Sechs Stunden später waren wir in Hamburg. Jeder war entspannt und frohen Mutes. Wir quartierten uns in ein Familienzimmer in einer Jugendherberge ein.

Die Jugendherberge war ein Bunker mit ca. 700 Zimmern. Es war sauber und es war alles da, was man brauchen könnte und dazu alles in einem Zeitgemäßen Industrial Design. Von mehr Wärme kann ich hier leider nicht berichten. Alles da, außer Liebe. Ein Bunker. Zweckgemäß abgefertigt. Danke. Top-Preis. Adresse bekommt ihr von mir; fragt in den Kommentaren danach.

Hamburg, was für eine glorreich schöne und entspannte Stadt. Wir nahmen so viel mit, wie wir in zwei Tagen konnten. Der Klassiker „Open Air Double Decker Bus“ ist immer eine schöne Art, eine Stadt zu erkunden, sowie eine Hafenrundfahrt mit äußerst charmanten Bootsführern. Wir aßen Fischbrötchen, marschierten zur Strandperle, tranken Wein. Die Kinder lernten andere Kinder kennen und schleppten kleine tote Krebse an, die sie dann in Soldatenformation beerdigten. Jeder hatte seinen Spaß.

Nach dem 2. Bunkerfrühstück, bei dem alles da war, was man von einem Bunker-Jugendherbergsfrühstück erwarten kann, bestiegen wir unser Mega-Automobil, hörten das komplette Buch der Unendlichen Geschichte von Michael Ende und waren dann auch schon in Dänemark. Haha. Ich lache ob der Leichtigkeit der letzten Zeilen.

In Wahrheit war die Fahrt eine einzige graue Zone zwischen Elend und Prekariat. Es dauerte noch ungefähr sieben zehrende, verregnete Stunden von Hamburg bis wir am Ort waren, wo unser Häuschen stand. In Dänemark darf man ja auch nicht so schnell fahren. Voll nervig. Es regnete. Es fiel uns kaum auf. Wir sind Schotten. Wir können das mit dem Zweckoptimismus sehr gut. Wir erwarten nichts. Außer gutes Wetter, wenn wir außerhalb Schottlands sind.

Willkommen im Düsterwald

Ich wollte mich einfach nur zehn Minuten ins Klo einsperren. Fernab von Mutters erschütterndem Smalltalk, Michael Endes fucking Schlaumeier-Wise-Ass-Drachen Fuchur und meinen Kindern, die richtig genervt von der langen Fahrt waren und keine Scheu hatten, mir dies mitzuteilen.

Reisebericht hin oder her, es ist wie es ist: Von München zu einem Am-Arsch-der-Welt-Fjord in Dänemark, ist eine echt verdammt lange Reise. Wir waren klug, wir stoppten in Hamburg, um durchzuatmen, aber Autofahren in Dänemark ist ungefähr so spannend wie Golf. Amateur Golf. Stundenlang Amateur Golf.

Aber, Huzzah!, wir kam ja gut an und hatten Tonnenweise Alkohol und Nutella an Bord. Tonnen! Es war ’ne Wucht.

Ich schmiss das Feuer im Kamin an und wir packten, jeder für sich, die vollen Taschen aus. Oma Nona machte Tee. Man richtete sich in diesem kleinen 3 Schlafzimmer Holzhäuschen ein.

Eigentlich bestand das Haus nur aus Fenstern, was echt chic war, aber um uns herum war Wald, und der Wald wurde irgendwann dunkel, nur wir waren hell. Ab 23 Uhr rollte ich Rollos runter. Ausdauernd. Ich fühlte mich verletzlich. So als Familien-Überwacher und um mich Wald und Meer.

Ich weiß nicht, ob ich jemals so der Natur ausgesetzt war. Blödsinn. Natürlich war ich das. Ich hab schon mal in ein Open Air Klo in den Ligurischen Bergen mit Blick aufs Meer geschissen. Das war schon ziemlich viel nature. Vielleicht waren es die Fenster. Vielleicht war es, dass es nie dunkel wurde. Ich weiß es nicht.

Drei Tage dauerte es, dann war ich adaptiert. Ausgewildert. Hatte Kontakt mit den Einheimischen gemacht und eine Angel gekauft. Was für eine Begegnung, was für ein spektaktulärer Einkauf. Stellt euch Captain Hook vor, der einen Unfall mit Mad Max hatte, woraufhin diese eine irrkomische Symbiose eingingen, und dann einen Jagd- und Angel-Laden in Öster Assels, Dänemark, eröffneten.

Seit 1973 ist der Gute, vom Leben gekennzeichnete Inhaber, lets call him „Mad Hook“, in seinem Laden und versorgt die Umgebung mit Gummistiefeln, Messern und Angeln. Cooler Dude. Keine Ahnung, was er gesagt hat. Absolut keinen Schimmer. Dänisch ist etwas, wie soll ich sagen, grob?

Man kann es überhaupt nicht ableiten. Ich konnte nichts anknüpfen, verknüpfen oder abknöpfen. Sehr schwierig. Irgendwann lächelte ich nur und nickte überzeugend und immer zustimmend. Ich hab auch keine Ahnung, was die Angel kostete, die ich meinem Sohn da kaufte, aber es war es mir wert. Das alles. Der gekennzeichnete Mad Dude mit seiner ausgeprägten Arthrose und jugendlichem Blitzen in seinem Blick, der immer zu meiner Mutter wanderte.

Seine dänischen undefinierbaren Laute und mein debiles Nicken. Meine Mutter, die zu allem „Oh, this is lovely Dear, isnt it?“ sagte, meine Tochter, die alle Angelkurbeln kurbelte und dabei „Material Girl“ sang und mein Sohn, der einfach nur einen Fisch fangen wollte. Nur einen einzigen Fisch. Mehr nicht. Es hat so viel Spaß gemacht. Um das Ganze zu feiern, kaufte ich glatt noch 6 Dosen Würmer.

Die ersten Tage verbrachten wir auf unserem Steg, im Haus oder im Garten umringt von Bäumen, oder auch wie ich es betrachtete: den düsteren, düsteren Wald. Ab 23 Uhr bis ca. 2:38Uhr wirkte der Wald bedrohlich, dann war „Sonnenaufgang“ und alles erwachte wieder zu seiner dänischen Lieblichkeit.

Keine Ahnung was für einen verkorksten Rhythmus der ganze Organismus da haben muss, aber rein logisch gesehen, muss alles, Flora und Fauna, lediglich zwei Stunden Schlaf bekommen. Dieses helle Hell hat mich echt mitgenommen. Ich hatte Ohropax dabei, was in hindsight auf Hamburg und den Bunker sehr klug war, aber ’ne Augenbinde wäre noch die Kirsche auf dem Milkshake gewesen. Pro-Tipp!

Hygge Reisebericht
Wir spielten, legten Holz ins Feuer nach, spielten noch mehr und aßen vom Kuchen. Einfach hyggelig. (Foto Nicola Kelly)
Irgendwann packte mein Sohn und mich der Forscherdrang und wir wagten uns mit dem Auto in die nächst größere Stadt, Thisted. Ich suchte einen Fischladen am Hafen. Den fanden wir dann auch und kauften Fischfrikadellen und Lachs und Shrimps und noch viel mehr von allem, was man heute nicht mehr essen darf, – wir liebten jeden Bissen. Der Kamin loderte, die Kartoffeln dampften und die Remoulade war stückig. Wir aßen, redeten, scherzten, räumten auf, spielten, legten Holz ins Feuer nach, spielten noch mehr und aßen vom Kuchen, den wir jeden Mittag beim Laden am Ende der Straße holten.

Entzückende kleine Stadt namens Lemvig

Lemvig
Das entzückende kleine Lemvig, Limfjord. (Foto Nicola Kelly)
Am 6. Tag packte auch Oma Nona und meiner Tochter der Forscherdrang. Und so fuhren wir etwas länger auf die andere Seite der Insel zu einem Ort namens Lemvig, anschließend an den Strand Thyboron. Der Tag war wohl der schönste. Es war ein glorreicher Tag.

Die Luft war aufgeheizt von der Sonne und wir waren unbesiegbar. Wir fuhren 2 Stunden durch Felder und Ortschaften. Rinder, Schafe, erneuerbare Energien. Überall. Vorbildlich. War ein gutes Bild. Nach Lemvig, einer kleine Hafenstadt fährt man von einem höheren Hügel in das nette Städtchen runter. Mit Blick auf Hafen, Boote und einer entzückenden kleinen Stadt.

Lemvig war schon in der Steinzeit besiedelt. So sehr entzückend ist es. Es hat alles. 2 gute Fischrestaurants, 4 gute Pubs/Bars, 1 höchst anständigen Kaffeeladen, 1 fortschrittliche Apotheke, 1 Kuchen/Gebäck/Brot-Laden der Superlative und den obligatorischen, überall zu findenden Interior Design Laden. Was ’ne Stadt, Leute. Ja, ich hab da viel gekauft. Kaffee vor allem. Schokolade und Kuchen. Vasen und 6 Pflanzen und kleine Figuren aus Draht, die wie Ameisen aussehen … ach, es war so schön.

Am Nachmittag zogen wir weiter an den Strand Thyboron. Wir packten den Kuchen ein und fuhren los. Wir erreichten Thyboron und mussten erst mal 10 Minuten Unfassbarkeit in unendlichen „Wows!“ ausdrücken. Weißer Sandstrand, kristallblaues Wasser und niemand da.

Ein paar Spaziergänger hier und da, aber wir waren alleine. Wir brauchten keine Handtücher. Es war schön, sich im warmen feinen Sand vom Meerwasser zu wärmen. Nach ein paar Stunden fuhren wir, mit Sand in unseren Hintern aber höchst zufrieden, in unser Wald-Häuschen zurück. Mein Sohn machte den Kamin an und jeder ließ den Tag langsam zu Ende gehen, und ab da brauchte ich auch keine Ohropax mehr.

Am nächsten Tag feierte ich meinen 41. Geburtstag. Ich fing den Tag mit Kuchenessen an und dazu bekam ich viele Küsse und einen Tag an unserem Steg mit den Krebsen und den hübschen Muscheln.

Dänisches Frühstück Bericht
Gemütliches Frühstück im Garten. (Foto Nicola Kelly)
Ich wollte Urlaub und bekam Hygge. Anderen Rhythmus, anderen Vibe hat dieser Norden. Einen ganz unbeschreiblich kuscheligen, und kuschelig ist schon eine Degradierung von Hygge. Es ist einfach das Ultimum an Liebe und Gemütlichkeit. Schwer zu beschreiben. Es ist lieblich. Aber was weiß ich schon.

Mein Sohn fing keinen Fisch. Aber er versuchte es Stunde um Stunde. Der Gute.

Danke, Dänemark! Hat mir gefallen. Ich verstehe absolut nichts, aber ich find dich gut.

Nicola Kelly

Über die Autorin
Nicola, aufgewachsen in Edinburgh und München, studierte Schottische Geschichte und arbeitete bei The Witchery Tours als offizielle Geschichtenerzählerin und Erschreckerin (als erste und einzige Frau), wo sie viele Touristen in Angst und schreckliches Vergnügen versetzte.

Ihre Familie ist weiterhin in Edinburgh und erschrickt sich nicht mehr.

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