Filmtipp

Unter dem Sand – Dänisches Kriegsdrama, 2016

| 14.01.2017 - 18:45 Uhr

Dänemark, kurz nach dem 2. Weltkrieg. Ein deutscher Junge, vielleicht 16 oder 17 Jahre alt, hat eine Aufgabe zu erledigen, die gefährlicher und zynischer nicht sein könnte. Zusammen mit einer Gruppe anderer Kriegsgefangener muss er auf einem dänischen Strandabschnitt Tausende Landminen entschärfen. Sechs bis acht Sprengsätze die Stunde, bei jedem das Ende vor Augen – ein Höllenjob.

Die Sonne lacht vom Himmel, als ein Teil der Gruppe einen Laster mit bereits entschärften Minen belädt. Es ist einer der wenigen halbwegs entspannten Momente im Leben der Jugendlichen. Man spricht über Ziele, die Zukunft, man lacht, als der Junge in einem kurzen Moment der Unachtsamkeit einen Hauch zu viel Schwung aufwendet, um die nächste Mine auf die bereits völlig überfüllte Ladefläche zu befördern. Was folgt, ist eine gewaltige Detonation. Aus und vorbei. Hitlers letzte Reserve ist einfach nicht für den Heldentod bestimmt.

Wochen zuvor schleppt sich ein nicht enden wollender Tross deutscher Soldaten über einen staubigen Weg in die Gefangenschaft, tief gezeichnet von Erschöpfung und Schuld. Niemand spricht, keine Ziele, keine Zukunft. Voller Hass und Verachtung nimmt sich der dänische Soldat Carl Rasmussen einen Deutschen aus dem Tross zur Brust. Er schlägt ihn blutig, völlig willkürlich, dann den nächsten. Rasmussen wütet: “Raus aus meinem Land! Raus aus meinem Land! Ihr habt hier nichts verloren!“ Wie recht er hat.

Aber auch Rasmussen hat eine Aufgabe zu erfüllen: Er soll einen Trupp deutscher Gefangener beaufsichtigen, der Dänemarks Strand von Sprengminen säubern muss. „Ihr habt die Dinger hier im Sand vergraben, also macht sie auch wieder weg!“, brüllt er tags darauf eine Handvoll verschüchterter Jungs in Wehrmachtsuniform an. Er lässt sie spüren, was er von ihnen, den Söhnen Deutschlands, hält. Nichts! Gar nichts! Sterben sollt ihr!

Der Tod ereilt den Trupp dann bereits am selben Tag, als eine detonierende Übungsmine einen der Jungs in Stücke reißt. Rasmussens Wut schmälert das nicht, es war ja ein Scheißdeutscher. Doch mit der Zeit – und mit jedem weiteren Toten – beginnt auch Rasmussen, an sich und seinem Gefühlsboykott zu zweifeln. Denn hier, am Strand von Dänemark, ist es auf einmal er selbst, der blutjunge und vom System verführte Menschen in den fast sicheren Tod kommandiert. Schließlich kann er nicht mehr anders und sucht sein Heil in Nahbarkeit. Doch auch das misslingt in dieser völlig missratenen Zeit – zunächst jedenfalls.

Regisseur Martin Zandvliets Film „Unter dem Sand“ schildert in sehr intensiven Bildern und Momenten, was Krieg aus Menschen macht. Zwar mag es formal Sieger und Besiegte geben, emotional aber sind alle Beteiligten verloren – genau das unterstreicht dieser Film. Im Gegensatz zu den häufig mit viel Aufwand inszenierten Produktionen des Genres kommt Zandvliets Stoff mit erstaunlich überschaubaren Mitteln aus. Ihm reichen letztlich ein paar Fakten, um Krieg als genau den hundsgemeinen Mörder und Räuber darzustellen, der er schlichtweg ist. Wer das so meisterlich löst wie Zandvliet, kann sich sogar ein klitzekleines Happy End leisten, ohne dabei in Verdacht zu geraten, historisch unangemessen oder gar verklärend zu sein. Ein wirklich sehenswerter, ein harter Film.

 

sh

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