Roboter übernehmen den Reaktorkern

Litauen rüstet sich für den weltweit ersten Abbau von Reaktoren des Tschornobyl-Typs

Ignalina atomkraftwerk
Das Kernkraftwerk Ignalina war von 1983 bis 2009 in Betrieb – Block 1 wurde bereits 2004 abgeschaltet. (Archivbild: Petr Štefek / CC BY 3.0 / Juni 2005)
Litauen plant den Abbau der Reaktorkerne des Kernkraftwerks Ignalina – denselben Typ wie im Kernkraftwerk Tschornobyl. Weltweit hat das noch kein Land getan.

Der zweite Block des Kraftwerks beherbergte RBMK-Reaktoren, die zu den leistungsstärksten der Welt zählten. Derzeit bauen Mitarbeiter alles ab, was ohne hochspezialisiertes Fachpersonal sicher demontiert werden kann. Das berichtet der litauische Rundfunk LRT.

Roboter übernehmen den Reaktorkern

Den Reaktorkern selbst sollen Roboter abbauen, die nach Angaben der Kraftwerksleitung mit modernster Technologie ausgestattet sind. Da radioaktive Oberflächen und hochradioaktive Komponenten noch vor Ort sind, gelten dieselben Sicherheitsregeln wie zu Zeiten des laufenden Betriebs – die gefährlichsten Arbeiten übernehmen Roboter.

Obwohl sämtlicher Kernbrennstoff bereits aus der Anlage entfernt wurde, gelten die Zugangsregeln der vergangenen Jahrzehnte unverändert. Besucher müssen nach wie vor doppellagige Kleidung, Handschuhe, Kopfbedeckungen und weitere Schutzausrüstung tragen.

Die Graphitbauteile des Reaktors sollen Spezialisten internationaler Unternehmen demontieren – voraussichtlich aus den USA oder Frankreich.

„Das wird die komplizierteste Aufgabe sein. Aber wir werden weltweit die Ersten sein, die das je geschafft haben“, sagt Kraftwerksdirektor Linas Baužys laut LRT.

Rückbau bis 2049, Endlager bis 2090

„Der Rückbau soll bis 2049 abgeschlossen sein. Entscheidend ist, dass wir den gesamten Brennstoff aus den Reaktoren entfernt und für 50 Jahre in einem Zwischenlager eingelagert haben. In dieser Zeit muss der Staat ein geologisches Tiefenlager errichten, in dem sämtlicher abgebrannter Brennstoff bis 2090 endgültig deponiert wird“, sagte Baužys.

Geologen prüfen derzeit 77 mögliche Standorte in knapp 30 Gemeinden. Die Gemeinde Visaginas wurde bereits als ungeeignet eingestuft und ausgeschlossen.

„Wo das Lager gebaut wird, entscheiden Wissenschaftler, nicht Politiker“, sagt Baužys.

Besucherstrom trotz laufenden Rückbaus

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Vorerst können Besucher die Reaktoranlagen besichtigen.

„Alle Termine sind mehrere Wochen im Voraus ausgebucht“, sagte Milda Kiškytė, während sie Besucher durch das Kraftwerk führte, das schrittweise zerlegt wird.

Die Stadt Visaginas will sich unterdessen als Zentrum des Nukleartourismus etablieren, da gewöhnliche Besucher dem Kraftwerk selbst nur begrenzten wirtschaftlichen Nutzen bringen. Ziel ist es, Fachleute und Interessierte anzuziehen, die sich für Kernenergie begeistern.

Metall wird versteigert oder recycelt

Teile der stillgelegten Anlage gleichen inzwischen einem weitläufigen Schrottplatz – nahezu alles, was demontiert werden kann, wird zerlegt. Das Metall wird entweder versteigert oder recycelt.

„Unser Ziel ist es, mindestens 77 Prozent der Metalle zu dekontaminieren und wiederzuverwerten. So planen wir etwa, 1.400 Tonnen Kupfer zu reinigen, das anschließend in der Produktion von Windkraftanlagen eingesetzt werden könnte“, sagte Baužys.

Würde das Metall nicht dekontaminiert, müsste ein deutlich größeres und teureres Tiefenlager gebaut werden – mit Mehrkosten in Millionenhöhe.

„Insgesamt wurden bereits 45 Prozent der Anlagen abgebaut“, sagte Kraftwerkssprecherin Jolita Mažeikienė.

Zwischenlager und offene Zukunft der Reaktorgebäude

Materialien, die weder verkauft noch wiederverwendet werden können, werden je nach Strahlungsgrad getrennt gelagert. Diese Lager sind vorerst nur als Zwischenlösung gedacht.

Ein Beispiel ist die Reaktorbelademaschine – ein Spezialkran, der einst zu den wichtigsten Geräten des Kraftwerks gehörte und dem regelmäßigen Brennstoffwechsel diente. Er wartet nun selbst auf seine Demontage.

„Die Lager für radioaktive Komponenten werden in einigen Jahrhunderten wohl wie Hügel aussehen. Die Zwischenlager für abgebrannte Brennelemente bleiben als Betonbauten erhalten. Wir erwägen auch, ob es sich überhaupt lohnt, die Hauptreaktorgebäude abzureißen. Möglicherweise ist es sinnvoller, sie als Forschungsstandort oder Technologiezentrum zu erhalten, als 100 Millionen Euro für den Abriss auszugeben“, sagt Kraftwerksdirektor Baužys.

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