Stille Gefahr auf dem Seegrund

Estnische Behörden bergen 500 Geisternetze aus dem Peipussee

Peipussee
Im Rahmen einer vom Umweltamt geleiteten Säuberungsaktion wurden 500 alte Fischernetze aus dem Peipussee geborgen. (Symbolbild: Mait Jüriado / CC BY-NC-SA 2.0)
Sie fangen keine Fische mehr – und sind dennoch gefährlich. Hunderte verlorener Fischernetze liegen auf dem Grund des Peipussees, dem großen Grenzgewässer zwischen Estland und Russland. Vier Tage lang haben estnische Behörden nun systematisch geräumt: Elf Boote, Inspektoren des Umweltamts und lokale Fischer Bergen gemeinsam fast 500 sogenannte Geisternetze – verlorene oder absichtlich zurückgelassene Fischernetze, die auf dem Seegrund weiter ihr Unheil anrichten.

Treibeis trägt russische Netze herüber

Die Aktion begann im mittleren und südlichen Teil des Sees, bevor die Mannschaften in den Norden weiterzogen. Ausgangspunkt war jeweils die Stadt Mustvee. Bei der Auswahl der Einsatzzonen orientieren sich die Teams an der Richtung, in die das Eis treibt – denn das Eis spielt eine entscheidende Rolle: Leitender Inspektor Ivar Veider vom estnischen Umweltamt schätzt, dass mindestens die Hälfte der geborgenen Netze von der russischen Seite stammt, hinübergetrieben vom Treibeis des Winters.

„Aber es gibt auch aufgegebene oder verlorene Netze von der estnischen Seite“, sagt Veider gegenüber dem estnischen Rundfunk ERR.

Die Herkunft lässt sich nicht immer eindeutig klären.

„Wir können nicht immer sagen, ob ein in China gefertigtes Netz in Estland oder in Russland verwendet wurde“, erklärt Chefinspektor Ivo Kask. Bestimmte Netztypen ließen sich hingegen anhand ihres Designs und ihrer Materialien eindeutig zuordnen.

Ein Drittel pro Jahr – mehr ist nicht möglich

Jedes Jahr kann nur etwa ein Drittel des Sees abgesucht werden. Der diesjährige Einsatz konzentrierte sich auf Bereiche, die in den Vorjahren ausgelassen worden waren. Priorität haben Zonen, in denen das Eis erfahrungsgemäß Netze ansammelt, sowie Stellen, an denen Netze möglicherweise absichtlich im Wasser zurückgelassen wurden.

Kask und sein Team versuchen vorrangig, Netze zu bergen, die ein bis zwei Jahre zuvor verloren gingen – frisch genug, um noch weitgehend intakt zu sein.

Vom Netz zum Mikroplastik

Mit der Zeit werden Geisternetze zur Umweltgefahr. Sie bedrohen Fische, andere Wassertiere und Bootsmotoren – und zersetzen sich dabei langsam zu Mikroplastik.

„Moderne Netze bestehen aus Kunstfasern. Wenn sie auf dem Grund liegen, zerfällt der Kunststoff zu Mikroplastik“, erklärt Kask. Fische nehmen dieses Mikroplastik auf – und tragen es so in die menschliche Nahrungskette.

Der Peipussee – auf Estnisch Peipsi järv – liegt im Osten Estlands an der Grenze zu Russland und ist mit rund 3.500 Quadratkilometern einer der größten Seen Europas: etwa sechsmal so groß wie der Bodensee. Er wird von beiden Seiten befischt.

guest

0 Kommentare
älteste
neuste
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen