Eine Siedlung, wie eine Zeitkapsel

Die wohl größte Wikingersiedlung Irlands entdeckt


Archäologen aus Irland und Norwegen arbeiten gemeinsam an den Ausgrabungen von Woodstown. Bislang fanden sie Gebäudestrukturen, Gewichte und verzierte Objekte aus der Wikingerzeit. (Fotos: Neil Jackman, Abarta Heritage, Håkon Reiersen, Archäologisches Museum / Universität Stavanger)

Am Südufer des River Suir in Irland legen norwegische und irische Archäologen derzeit frei, was sich als die größte Wikingersiedlung des Landes erweisen könnte. Der Handelsplatz Woodstown bei Waterford wurde höchstwahrscheinlich von Wikingern aus Norwegen gegründet – und die Spuren führen auffallend oft in eine bestimmte Region: nach Rogaland.

Die gemeinsame Ausgrabung soll mehr über die Wikingervergangenheit beider Länder ans Licht bringen. Beteiligt sind Archäologen des Archäologischen Museums der Universität Stavanger, finanziert wird die Grabung von der Royal Irish Academy.

Was die Forscher bisher gefunden haben, deutet auf weit mehr als einen Stützpunkt für Raubzüge ins Umland hin: Woodstown war offenbar ein bedeutendes Zentrum für Handel, Gewerbe und Handwerk.

„Sollte sich das bestätigen, könnte dies die größte bislang in Irland nachgewiesene Wikingersiedlung sein. Es handelt sich offenbar um die Überreste eines sehr großen Langhauses oder einer großen Halle, und mit hoher Wahrscheinlichkeit waren es norwegische Wikinger, die diesen Ort gründeten“, sagt Kristin Armstrong-Oma, Museumsdirektorin und Professorin für Archäologie am Archäologischen Museum der Universität Stavanger.

Eine Siedlung, die in der Zeit stehen blieb

Doch während aus anderen Wikingersiedlungen in Irland moderne Städte wurden, etwa die Hauptstadt Dublin oder das nahe Waterford, entwickelte sich Woodstown nie weiter.

Genau darin liegt der Glücksfall für die Forschung: Hier lässt sich eine Wikingersiedlung untersuchen, die über die Zeit gleichsam „fossilisiert“ wurde.

Schon bei früheren Untersuchungen hatten irische Archäologen in Woodstown das Grab eines Wikingerkriegers samt Schwert entdeckt. Inzwischen verdichten sich die Hinweise, dass die Kolonie von norwegischen Wikingern gegründet wurde – vor allem von Männern und Frauen aus Rogaland im Südwesten von Norwegen.

„Wir haben eine Art von Gegenstand gefunden, die uns in Rogaland sehr häufig begegnet: das Fragment eines Metallbeschlags, der von einem Kreuz, einem Reliquienschrein oder einem Manuskript stammt und aus einer Kirche oder einem Kloster kam. Solche Objekte deuten auf Plünderung oder Erpressung hin. Das verbindet Woodstown direkt mit Rogaland und legt nahe, dass Woodstown in dieser Zeit ein Bindeglied zwischen Norwegen und Irland war“, sagt Armstrong-Oma.

Das Archäologische Museum der Universität Stavanger besitzt die größte Sammlung solcher Gegenstände in ganz Skandinavien. Mehrere davon sind jetzt in der Ausstellung World of the Vikings zu sehen, die vor Kurzem in Stavanger eröffnet wurde.

Gewichte, Schmelztiegel und ein Topf aus Speckstein

Ab Mitte des 9. Jahrhunderts begannen die Skandinavier, sich in den Gebieten niederzulassen, die sie zuvor nur in der Sommersaison geplündert hatten. Viele Menschen aus dem heutigen Norwegen siedelten sich vor allem in Kolonien weiter westlich an.

Den Sagas zufolge standen Menschen aus Rogaland unter anderem an der Spitze der Besiedlung Islands und Grönlands. Da Wikinger aus Rogaland in Irland besonders aktiv waren, könnten sie auch zur Entwicklung irischer Städte wie Dublin und Waterford beigetragen haben.

Die Funde aus Woodstown zeichnen das Bild eines geschäftigen Ortes.

„Wir haben unter anderem Gewichte gefunden, mit denen Silber gewogen wurde. Zusammen mit Funden von Schmelztiegeln, Rohmetall und Schlacke zeugt das davon, dass hier sowohl Handel als auch Metallverarbeitung betrieben wurden“, sagt der Archäologe Håkon Reiersen vom Archäologischen Museum der Universität Stavanger.

Ein Fund hat es ihm besonders angetan:

„Etwas ganz Besonderes war auch der Fund von Teilen eines Topfes aus norwegischem Speckstein. Er muss von Wikingern aus Norwegen nach Irland gebracht worden sein. Die irischen Archäologen an der Grabungsstätte hatten noch nie zuvor Speckstein gesehen.“

Auch die Genetik stützt die Verbindung: DNA-Analysen haben bestätigt, dass in Frauen- und Männergräbern aus der Wikingerzeit in Irland Menschen mit norwegischen Genen bestattet wurden.

Skandinavische Identität in der Fremde

Wer in den Kolonien lebte, gab seine Herkunft nicht auf. „Die Menschen in den Kolonien behielten oft ihre skandinavische Identität, passten sich aber an die neue Umgebung an. Das Ergebnis waren Gemeinschaften mit eigenen, vielschichtigen Traditionen“, sagt Reiersen.

Die Wikingerzeit (ca. 790–1050 n. Chr.) war eine Epoche weiter Reisen und großer Umbrüche. Skandinavier plünderten, trieben Handel – und siedelten sich von der Ukraine im Osten bis Nordamerika im Westen an.

Wo sie sich niederließen, entstanden neue Gemeinden, in denen alte Traditionen auf lokale Bräuche trafen, woraus sich eigene Identitäten bildeten, geprägt vom Vertrauten wie vom Neuen. Zugleich veränderten neue Waren, Ideen und Erzählungen das Leben in Skandinavien selbst.

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