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Interview mit Sigríður Dögg Guðmundsdóttir von Visit Iceland

„Wir spüren ein gewaltiges Interesse an Island als Post-Covid-Reiseziel“

In Teil vier unserer Interviewreihe über Reiseziele im Norden Europas sprachen wir mit Sigríður Dögg Guðmundsdóttir. Sie ist die Chefin der offiziellen isländischen Tourismuswebseite „Visit Iceland“ und blickt zuversichtlich auf die kommenden Monate. Und nicht nur die, denn Island könnte von der Krise und der sich ändernden Reisenachfrage langfristig profitieren. Abstand und Natur – zwei Favoriten der Stunde – gibt es auf der wunderbaren Atlantikinsel jedenfalls reichlich.

Island Dettifoss Wasserfall
Der mächtige Dettifoss-Wasserfall im Nordosten Islands mit einer Fallhöhe von etwa 45 Metern. (Foto: Visit North Iceland)

Frau Guðmundsdóttir, bitte beschreiben Sie unseren Leserinnen und Lesern kurz die zentralen Aufgaben von Visit Iceland.

Wir arbeiten daran, Island als Reiseziel auf Topniveau zu präsentieren. Dazu gehören effektive Werbe- und Marketingmaßnahmen in Zusammenarbeit mit der Tourismusindustrie. Wir haben aber auch eine Netzwerkfunktion, um in- und ausländischen Reiseveranstaltern sowie anderen Akteuren im isländischen Tourismus Möglichkeiten zu eröffnen.

Es sind sehr herausfordernde (Corona-)Zeiten, in denen wir nun seit einem guten Jahr leben. Welchen Zweck erfüllt Ihrer Meinung nach die fast greifbare Reiselust vieler Menschen? Macht die Pandemie den Urlaub wichtiger denn je?

Reisen ist, zumindest in der westlichen Welt, zu einem festen Bestandteil des Lebens und des Konsumierens geworden. Und irgendwo ist es ja auch Teil der menschlichen Natur, immer wieder neue Orte für sich zu entdecken. Daher ist es nur verständlich, dass nun, nachdem wir alle gut ein Jahr lang zu Hause geblieben sind, dieser Drang zu reisen immer stärker wird.

Meinen Sie also, dass der zwangsweise Corona-Verzicht den Blick auf das Privileg zu reisen noch einmal schärft?

In jedem Fall würde ich sagen, dass das schwierige Jahr 2020 und auch dieses Jahr uns allen erst so richtig zeigt, wie schön und auch wichtig die Reiseindustrie für viele Nationen ist. Hoffentlich wird ihr das in Zukunft zu noch mehr Wertschätzung verhelfen.

Ásbyrgi
Die berühmte Ásbyrgi-Schlucht im Jökulsárgljúfur-Nationalpark. (Foto: Visit North Iceland)

Ist es bereits möglich zu quantifizieren, welchen Einfluss das Corona-Jahr 2020 auf den Tourismussektor in Island hatte?

Der Tourismus ist eine Schlüsselindustrie in Island. Das ist Fakt. Daher mussten – mit fast keinen ausländischen Reisenden – die allermeisten Unternehmen ihren Betrieb einstellen oder sich sozusagen in den wirtschaftlichen Winterschlaf begeben. Die Auswirkungen waren und sind in Island im Vergleich zu anderen Ländern besonders hart.

Hinzu dürfte kommen, dass der isländische Inlandstourismus bei gerade einmal 360.000 Einwohnern nur unwesentlich zur Milderung beigetragen haben dürfte.

Ja, so ist es. Der Inlandstourismus ist in Island traditionell eher klein. Normalerweise liegt er bei etwa 10 Prozent der Gästeübernachtungen in Hotels. Dennoch hat es der Branche sehr geholfen, dass im Sommer 2020 viele Isländer die Entscheidung getroffen haben, auf der Insel zu bleiben und vor Ort zu reisen. Auch als Signal war das wunderbar.

Was sind Ihre Erwartungen – auch in Bezug auf das Timing – für die Urlaubssaison 2021?

Nun, die ganze Situation muss global betrachtet werden. Auch wenn Island die Pandemie recht gut gemeistert hat, wird der Tourismus von der allgemeinen Situation in der Welt abhängen. Dennoch ist Island in der glücklichen Lage, unter gewissen Voraussetzungen schon jetzt Gäste zu empfangen. Daher freuen wir uns auf eine erfolgreiche Saison.

Wie können Sie eigentlich in Zeiten der Pandemie das Vertrauen in den Reisemarkt fördern? Sehen Sie hier irgendwelche Vorteile für Island?

Es ist eine echte Herausforderung, aufgrund der Natur dieser Pandemie das Vertrauen ins Reisen zu fördern. Glücklicherweise erleben wir aber auch, dass die Menschen die Situation realistisch einschätzen und akzeptieren, dass es in diesen Zeiten keine Garantien gibt – gerade auch am Reisemarkt.

Kirkjufellsfoss
Der Kirkjufellsfoss-Wasserfall mit dem namensgebenden Berg im Hintergrund. (Foto: Business Iceland)

Hat Ihnen bei der bisherigen Bewältigung der Corona-Krise eigentlich die Insellage geholfen?

Definitiv, das hat sie. Denn anders als im Zentrum Europas sind wir aufgrund der isolierten Lage nicht von Nachbarländern und dem entsprechenden Grenzverkehr abhängig bzw. betroffen. Das erweist sich bei der Bewältigung der Krise als äußerst hilfreich.

Gibt es auch gesundheitspolitische Weichenstellungen, die für mehr Vertrauen sorgen können?

Ja, die gibt es. Ab dem 1. Juni werden die zentralen Maßnahmen zur Einreise auf den Daten beruhen, die vom Europäischen Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (European Centre for Disease Prevention and Control) regelmäßig aktualisiert und veröffentlicht werden. Die Staaten werden dann je nach ihrer epidemiologischen Situation in blaue, grüne, orange oder rote Sicherheitsgebiete eingestuft.

Bewegen sich Ihre Sicherheitsmaßnahmen sozusagen auf Augenhöhe mit denen der Europäischen Union?

In Anbetracht der einzigartigen geografischen Lage Islands gehen wir sogar noch weiter und werden die Maßnahmen an unserer Grenze strenger handhaben, als es von der EU vorgegeben wird. Zumindest anfangs wird das der Fall sein, bis wir die Mehrheit der Erwachsenen in Island geimpft haben. Eine zweite Phase der Lockerung der Grenzbeschränkungen ist dann für den 1. Juli geplant.

Was gilt aktuell für Einreisende, die gegen Corona geimpft sind?

Die isländische Regierung hat bekannt gegeben, dass alle Personen, die vollständig geimpft sind oder eine Corona-Infektion komplett überstanden haben, nach Island reisen können, ohne tagelang in Quarantäne gehen oder sich vielfach testen lassen zu müssen.

Héðinsfjörður
Polarlicht über dem Héðinsfjörður-Fjord. (Foto: Völundur Jónsson)

Es genügt also ein einzelner Corona-Test bei Ankunft?

Ja, bei Ankunft wird ein einziger PCR-Test durchgeführt, bis zu dessen Ergebnis man sich am Aufenthaltsort an die entsprechenden Warte- bzw. Quarantäneregeln halten muss. Nach sechs bis spätestens 24 Stunden liegt dann das Ergebnis vor – und der Urlaub kann hoffentlich beginnen. Dieses Verfahren ist zunächst aber nur vorübergehend und wird zum 1. Juni hin überprüft.

Wie verhält es sich denn mit dem Impfnachweis von Einreisenden? Legt man da einfach etwas vor?

Genau so ist es. Zur Einreise muss ein Nachweis über eine vollständige Impfung mit einem von der Europäischen Medizinischen Agentur oder der Weltgesundheitsorganisation zertifizierten Impfstoff vorliegen. Hinzu kommen einige von den isländischen Behörden festgelegte Anforderungen.

Gibt es erkennbare Trends und eventuell Highlights, die sich für die Reisesaison 2021 in Island ankündigen?

Die pandemische Wartezeit wurde in Island gut genutzt, um die Infrastruktur vieler beliebter Gebiete zu verbessern – sowohl was die Zugänglichkeit als auch die Sicherheit betrifft. Der Bau mehrerer neuer Hotels wurde fortgesetzt, sodass wir davon ausgehen, schon bald in ganz Island eine noch größere Auswahl an tollen Unterkünften anbieten zu können. Zudem wurden mehrere neue Spa- und Badebetriebe entwickelt und eröffnet. Im Allgemeinen ist Island besser auf den Empfang von Besuchern vorbereitet als zuvor.

Und dann ist da ja noch eine ganz neue Attraktion.

Exakt, wir haben auf der Halbinsel Reykjanes im Südwesten Islands einen Vulkanausbruch, der viel Spektakel bietet. Er stellt glücklicherweise keine Gefahr für Menschen oder die Infrastruktur dar, das haben die Behörden im Blick. Daher kann der Vulkan prima besichtigt werden, was schon Tausende von Menschen getan haben, um diese einzigartige Naturgewalt aus nächster Nähe zu erleben.

Island wird als Reiseziel sehr positiv wahrgenommen. Gibt es eigentlich irgendwelche Regionen/Gebiete in Ihrem Land, die Ihrer Meinung nach mehr touristische Aufmerksamkeit verdienen?

Ein wichtiger Bestandteil der Marketingstrategie von Visit Iceland ist es, die touristische Nachfrage auszugleichen, um alle Teile Islands ganzjährig zu erreichen. Mit Investitionen wie dem Westford’s Way und dem Arctic Coast Way werden diese Teile Islands zugänglicher und interessanter gemacht. Es wurden auch Marketingmaßnahmen eingeleitet, um Direktflüge zu den Regionalflughäfen Akureyri im Norden und Egilsstaðir im Osten von Island zu ermöglichen.

Wo sehen Sie Island als Tourismusziel auf längere Sicht? Was wird „nach Corona“ bleiben? Was wird sich ändern?

Island ist und wird ein innovatives, nachhaltiges und fortschrittliches Reiseziel bleiben, das es geschafft hat, Covid-19 erfolgreich zu bewältigen. Wir sind das am dünnsten besiedelte Land in Europa mit atemberaubender Natur, guter Infrastruktur und einer unendlichen Vielfalt an Aktivitäten.

Sigríður Dögg Guðmundsdóttir
Sigríður Dögg Guðmundsdóttir (Head of Visit Iceland).
Wann können Sie von sich eigentlich sagen, dass Sie einen „guten Job“ gemacht haben?

Ziel aller Marketingprojekte ist die Steigerung der Nachfrage nach isländischem Tourismus. Dazu gehören die Stärkung des isländischen Images als wunderbares Reiseziel und die Aufrechterhaltung der starken Position, die unsere Insel unter konkurrierenden Tourismuszielen in der Vergangenheit erworben hat. Auch die Förderung anderer isländischer Exportindustrien ist Teil unseres umfangreichen Aufgabengebietes. Wenn das passt, sind wir zufrieden.

Zum Abschluss: Mal angenommen, wir wären jetzt genau ein Jahr weiter – Mitte Mai 2022. Mit welchem Fazit für das Reisejahr 2021 wären Sie zufrieden?

Etwa 90 Prozent der Isländer über 50 Jahre werden dann ihre Corona-Impfung erhalten haben. Und Touristen beginnen wieder zu reisen, da die Beschränkungen allmählich nachlassen. Insgesamt spüren wir ein gewaltiges Interesse an Island als Post-Covid-Reiseziel. Daher sind wir sehr optimistisch für das Reisejahr 2021 und darüber hinaus.

Frau Guðmundsdóttir, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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