Der ruhelose Schatzsucher und Wegbereiter der Fotografie in Finnland

Ausstellung des finnischen Fotopioniers I.K. Inha auf Tour durch Deutschland

| 24.01.2018 - 13:04 Uhr

I.K. Inha – Fotograf, Reiseschriftsteller, Journalist, Übersetzer, Besessener und Fahrradhändler. Inha fotografierte finnische Wald-, Fluss- und Seenlandschaften, Waldbauern, ihr Milieu und ihre Kühe. Derzeit findet in Deutschland eine Ausstellungsreihe mit den zeitlosen Fotografien des finnischen Fotopioniers statt. Die nächste Ausstellung ist Ende des Monats in Osnabrück.

Heuernte I. K. Inha Ausstellung

Heuernte auf dem Feld – Panorama (Originalfoto: Inha / 1899)


Inha zog es nach Weißmeerkarelien. Ihn hatte dasselbe Fieber gepackt wie schon so viele andere Reisende. Zäh und zielstrebig war der junge Fotograf. „Obwohl sein Pfad mit Kummer gepflastert war“, heißt es im Roman ‚Die Lachsfischerin‘ von Eeva-Kaarina Aronen.

I.K. Inha war zeitlebens ein widersprüchlicher, ruheloser und unsteter Geist, der die Fotografie in Finnland prägte wie keiner vor ihm. Ein wahrer Pionier, der der Fotografie in Finnland zum Durchbruch verhalf, indem er Landschaften, Bauern und ihr Milieu fotografisch dokumentierte und zwar auf ungewöhnlich moderne Weise.

Foto- und Fahrradpionierzeit

Nasenreiben

Nasenreiben (Originalfoto: Inha / Uhut 1894)


Es war die Zeit, als Finnland noch russisches Großfürstentum war, geprägt von Wald und Äckern, Fischern und Bauern. In Deutschland Kaiser, Adel und Militär das Sagen hatten. Elektrizität und Automobile gerade erst erfunden waren. Eine Zeit der Gardeuniformen, der ersten Warenhäuser und Fabrikarbeiter.

Es war die Foto- und Fahrradpionierzeit. Gerade erst war man vom Hochrad heruntergestiegen. Inha muss begeistert gewesen sein. Importiert sogar eine Zeitlang Fahrräder nach Finnland und baut sein eigenes Fahrrad um, um damit seine Fotoausrüstung transportieren zu können.

Wegbereiter der finnischen Fotografie

Ansicht Helsinki am Hafen

Ansicht Helsinki am Hafen (Originalfoto: Inha / um 1900)


Sein Handwerk lernt Inha (1865-1930) in Süddeutschland, 1889 in der Praktischen Lehranstalt von Cronenberg in Grönenbach (heute Bad Grönenbach). Im ländlichen Allgäu gab es eine der wenigen Möglichkeiten, das Handwerk der Fotografie, insbesondere der Studiofotografie zu erlernen. Doch Inha interessiert sich mehr für Landschaften, die Natur und die Menschen.

Er setzt seine Ausbildung im Fotoatelier E. Jaffe & A. Albert in Wien fort. Reist anschließend nach Italien und fotografiert dort Landschaften und die Bevölkerung. Zurück in Finnland arbeitet er als Redakteur bei einer Zeitung.

Als er den Auftrag erhält, Finnland zu dokumentieren, bereist er unermüdlich alle Provinzen. Mit dem Schiff, der Bahn, Pferdefuhrwerken und seinem Fahrrad. 100 Kilometer schafft er damit am Tag, zu Fuß 40 und auf Skiern 80 km.

Momente für die Ewigkeit

Die Kinder von Vihtoora Lesonen

Die Kinder von Vihtoora Lesonen (Originalfoto: Inha / Venehjärvi 1894)


Inha legt den Finger auf die beschwerlichen und ärmlichen Lebensverhältnisse, scheut keine Mühen, schleppt seine 23 Kilogramm schwere Kameraausrüstung durch das ganz Land. Glasplatten, Entwickler, Stativ. Er muss ein Besessener gewesen sein. Beseelt von der Idee, Momente für die Ewigkeit festzuhalten.
Pekka und Oljona

Pekka und Oljona (Originalfoto: Inha / Luvajärvi 1894)


Auf den Spuren von Kalevala bereist er 1894 Weißmeerkarelien, fünf Monate lang zusammen mit dem Sprachforscher K. F. Karjalainen und bringt 270 Glasplatten von dieser Reise mit.
Hochzeitsbrauch: die Braut verneigt sich

Hochzeitsbrauch: die Braut verneigt sich in alle Himmelsrichtungen (Originalfoto: Inha / 1894)


Auf der Weltausstellung 1900 in Paris werden seine Werke neben den Kalevala Gemälden von Akseli Gallén-Kallela ausgestellt, insbesondere seine „Kuh-Bilder“, die auch in dieser Ausstellung zu sehen sind. Sie zeigt auch eine der wenigen Aufnahmen zusammen mit seinen Freunden, dem Künstler Eero Järnefelt und dem Komponisten Jean Sibelius. Alle drei Mitstreiter und Vorantreiber der finnischen Identität, die damals noch als Idee in den Köpfen schlummerte.
Hochzeitsbrauch: Moama beweint die Braut

Hochzeitsbrauch: Moama beweint die Braut (Originalfoto: Inha / Jyvöälahti 1894)


1895-96 erscheint der Fotobildband „Finnland in Bildern“ (Suomi Kuvissa), der den Menschen die Schönheit und Vielfältigkeit ihrer Heimat bildlich vor Augen führt. „Damit hinterließ er ein Erbe, das auch nach weit über hundert Jahren nichts an Bedeutung und Wirksamkeit verloren hat,“ sagt Thomas Stagneth, einer der Organisatoren der Ausstellung.

Besondere Zeitdokumente: Ein Fenster in die Vergangenheit

Die Wanderausstellung startete genau da, wo Inha seine ersten Schritte als Fotograf macht. Im Hohen Schloss von Bad Grönenbach. Und es ist, als ob man durch ein Fenster in die Vergangenheit schaut.

Inha, Sibelius, Järnefelt

Von links nach rechts: Inha, Sibelius, Järnefelt (Originalfoto: Inha)


Eine Bäuerin, die ihre Kuh umarmt, ein blinder Runensänger in Weißmeerkarelien, Bauern beim Heuen, Kinder in abgewetzten Kleidern. Inha, selbst das neunte Kind einer bürgerlichen Familie, dokumentiert mit seiner Plattenkamera das bäuerliche Leben um 1900 wie keiner vor ihm.
Serie Kuhbilder Inha

Inha fertigte eine ganze Serie von Kuhbildern. (Originalfoto: Inha)


Perlenfischer am Venehjärvi, die Hochzeitsbräuche in Jyvöälahti, Reisende beim Picknick auf der Halbinsel Ristiniemi. Kinder in Betten lachend, die Ehefrau, die sich vor der Schwiegermutter verbeugt, die Brüder Jamanen, die sich beim Singen an den Händen halten. Und der traurige Vihtoora, hoffnungslos und gebrochen, kurz nachdem ein Bär seine einzige Kuh getötet und sein Pferd schwer verletzt hat.

Seine Schwarzweiß-Aufnahmen beeindrucken heute wie damals. Heute vielleicht sogar noch mehr als damals. Gestochen scharfe Aufnahmen von Helsinkis Hafen, Panoramaansichten über den Dächern der Hauptstadt und das entbehrungsreiche Leben in Karelien.

Inha-Enthusiasten

Thomas Stagneth, Inha

Thomas Stagneth, einer der Organisatoren des Inha-Projekts


Eine Handvoll Inha-Enthusiasten aus Finnland und Deutschland zeichnet für die Ausstellung verantwortlich. Ohne jegliche finanzielle Förderung von außen haben sie die Ausstellung mit rund 70 Fotografien Inhas auf die Beine gestellt, die derzeit durch ausgewählte Orte in Deutschland tourt.

Einer der Organisatoren ist Thomas Stagneth, mittlerweile pensionierter Hochschullehrer, der seit vielen Jahren in Helsinki lebt. Vor rund 40 Jahren fand er in einem Antiquariat einen Bildband Inhas. Ideengeber sei jedoch sein Freund Hans Kubischta, ebenfalls Hochschullehrer im Ruhestand.

Zum siebenköpfigen Inha-Team gehört auch der in Finnland lebende deutsche Fotograf Reiner Frommer: „Was Inhas Fotografie so einmalig macht, ist seine realistisch-dokumentarische Sehweise, die zu seiner Zeit im ausgehenden 19. Jahrhundert neu und ungewöhnlich war. Seine andere Sehweise machte ihn zum Wegbereiter der modernen finnischen Fotografie.“

Einzelgänger Inha

Inha war nicht nur Fotograf, auch Sachbuchautor, Übersetzer, Journalist, Auslandskorrespondent (Griechenland) und, wie schon erwähnt, Fahrradimporteur.

Porträt von I.K. Inha

Porträt von I.K. Inha (Foto Karl Emil Ståhlberg / um 1900)


Doch es gab auch Schattenseiten in seinem Leben, erzählt Thomas Stagneth: Inha gab für Kameras und Platten sein als Journalist sauer verdientes Geld aus. Schulden verfolgten ihn ein Leben lang. Ihn plagten Selbstzweifel, innere Unruhe, psychische Probleme.

Inha hielt es nicht lange an einem Ort aus. Wurde zum Einzelgänger, lebte später isoliert und vereinsamt. Seine letzten Lebensjahre bis zu seinem Tod 1930 verbrachte er in Helsinki. Lebte in einem der Häuser seines Bruders, ein bekannter Architekt in der Hauptstadt.

Und blieb ein Leben lang allein. Es heißt, sein Herz schlug für die finnisch-estnische Schriftstellerin Aino Krohn, doch seine Liebe blieb unerwidert.

Der Schatzsucher

„Es kommt mir so vor, als wäre ich ein Schatzsucher“, sagt Inha im Roman von Aronen, kurz nachdem sie mit dem Schlitten losgefahren sind.

Der blinde Runensänger Arhippainen Miihkali

Der blinde Runensänger Arhippainen Miihkali (Originalfoto: Inha / Latvajärvi 1894)


Weißmeerkarelien, das ist Kalevala-Land. Das Land der Runensänger, aus deren Versen Elias Lönnrot das Nationalepos Kalevala schuf.

„Und das Erstaunlichste dabei ist, dass man die Schatzsuche jetzt mit der Kamera festhalten kann“, jubelt er. „Auf Bildern, die man noch hunderte und aberhunderte von Jahren betrachten wird.“

AUSSTELLUNG: I.K. Inha: Wegbereiter der finnischen Photographie. Fotografien aus Karelien und Finnland 1889-1928
28.01.-16.02.2018: Osnabrück: Lutherhaus
18.03.-29.04.2018: Düsseldorf: Kulturbahnhof Eller
WEITERE INFOS:
– Die Inha-Projektgruppe sucht noch Ausstellungspartner. www.ik-inha.org
– In seiner Geburtsstadt Virrat ist Inha ein Museum gewidmet: kotisivukone.com/into-keskus

Text und Fotos Tarja Prüss

Über die Autorin
Tarja Prüss ist Radio- und Fernsehjournalistin. Sie ist eine Kennerin und Liebhaberin Finnlands, ihr Reisebuch-Bestseller „111 Gründe, Finnland zu lieben“ ist eine Liebeserklärung an das Land ihrer Mutter. Die passionierte Fotografin hat dem schönen Land ein Blog gewidmet: tarjasblog.de.
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