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Buchempfehlung nicht nur für Anfänger

Wo die Ostsee Westsee heißt

Das Baltikum erfahren: Das hat Tilmann Bünz ganz wörtlich genommen. Denn er ist einmal quer von der Kurischen Nehrung bis nach Narva gefahren – und zwar mit dem Fahrrad.

Diese Reise ist der Faden, auf denen der langjährige ARD-Korrespondent Begegnungen und Erinnerungen auffädelt. Von Litauen über Lettland nach Estland begleitet man ihn Abschnitt für Abschnitt, Kapitel für Kapitel.

Baltikum Ostsee
»Eine verwunschene Gegend, ein zauberhaftes Buch.« – Alexander Smoltczyk, Reporter Der SPIEGEL. (Buchcover ©btb Verlag)

Mit einer Leichtigkeit und Lebendigkeit in der Sprache schafft er es, seinen Leser mit in die Episoden hineinzunehmen, die er schildert, ohne in oberflächliches Geplauder zu verfallen. Denn er hält stets bewusst, dass diese Region trotz aller Schönheit der Landschaft und Städte in ihrer Geschichte und Gegenwart komplex und konfliktbeladen ist: „Bei näherem Hinsehen werden die meisten Dinge einfacher. Bei der Geschichte der drei baltischen Staaten von 1939–45 ist das nicht der Fall.“ (S. 151).

Aus vielen Szenen und Informationen schafft Bünz ein vielfältiges Bild des Baltikums, das nichts beschönigt, keinen wichtigen Aspekt vermissen lässt und dennoch auch den Kenner der Region – wobei: Wer kann schon das ganze Baltikum kennen? – nicht langweilt.

Das Geheimnis liegt vielleicht in seinem offenen Zugehen auf die Menschen und wie er von ihnen, ihren Geschichten erzählt. Von der ehemaligen lettischen Staatspräsidentin Vaira Vīķe-Freiberga ebenso wie von der estnischen Datenschützerin Liisa, die 2007 mitten im Geschehen war: „»Auf einmal mussten wir wieder rennen, treppauf und treppab.« Liisa schildert kein Erdbeben und keinen Krieg. Auch wenn es von beiden etwas hatte. Es war der erste große Angriff der Geschichte auf ein kleines Land, der ganz ohne Schützendonner auskam, lautlos und aus dem Hinterhalt.“ (S. 179).

„Eine kleine Liebeserklärung“ hat er sein Vorwort genannt – und damit die Grundhaltung seines Buchs vorgegeben. Doch wo andere in ihrer Liebe zu Land und Leuten schwärmerisch oder pathetisch werden, gelingt es Bünz, selbst Sätze wie „Esten haben das Talent, einen Wagen auch im Fahren zu reparieren“ (S. 197) zu formulieren, ohne dass es gewollt klingt.

Ein Buch, das in seiner Gliederung wie dafür gemacht ist, mal zwischendrin oder abends vor dem Einschlafen ein, zwei der kurzen Abschnitte zu lesen. Nur fiel es zumindest dem Rezensenten schwer, es aus der Hand zu legen. Ein gutes Geschenk für alle Freunde und Bekannten, die „schon immer mal ins Baltikum wollten“ – aber nicht nur für Anfänger.

Wo die Ostsee Westsee heißt. Baltikum für Anfänger*
Tilmann Bünz
btb Verlag, 256 Seiten
München 2018

Diese Buchempfehlung erschien zuerst in den „Mitteilungen aus baltischem Leben“ 2/2018 der Deutsch-Baltischen Gesellschaft.

Dr. Martin Pabst

Über den Autor
Dr. Martin Pabst studierte Geschichte und Theologie und wurde mit einer Arbeit zur Reformationsgeschichte Rigas promoviert. Er arbeitet als Wissenschaftlicher Leiter des Deutsch-Baltischen Jugendwerks sowie freiberuflich als Autor, Studienleiter und Vortragsredner.
dr-martin-pabst.de // twitter.com/Dr_Martin_Pabst

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