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Migrantischer Blickwinkel in der schwedischen Literatur

„Sie werden in den Tränen ihrer Mütter ertrinken“ – Johannes Anyuru

Sie werden in den Tränen ihrer Mütter ertrinken
Johannes Anyurus neuer Roman „Sie werden in den Tränen ihrer Mütter ertrinken“*. (Buchcover: Luchterhand Literaturverlag)
Die erste Erinnerung, die sie hat, ist vom Schnee, der im Sommer fällt. Davor ist nichts und danach ist es wie ein Stolpern auf ein Ziel, von dem sie nicht weiß, woher sie es kennt.

In Johannes Anyurus Roman „Sie werden in den Tränen ihrer Mütter ertrinken“* folgt man zuerst einer namenlosen jungen Frau, die von ihrem Begleiter Nour genannt wird. Zusammen mit einem weiteren Mann, Hamad, sind sie auf dem Weg in einen Comicbuchladen in Göteborg, in dem an diesem Abend der berühmte Karikaturist Göran Loberg eine Lesung hält.

Loberg hat kürzlich viel Aufmerksamkeit und Anfeindungen für seine Mohammed-Karikaturen bekommen. Nour, Amin und Hamad sind Muslime und planen ein Selbstmordattentat auf ihn, das zugleich live über Youtube gestreamt werden soll.

Nour, die die Tötung Lorbergs filmen soll, bekommt im letzten Augenblick eine Eingebung, legt ihre Handykamera bei Seite und tötet Amid, der bereits ein Messer an Lobergs Kehle hält, um diesen vor Publikum und Zuschauern im Netz hinzurichten.

Zwei Jahre später, Nour ist als einzige überlebende Attentäterin in der Forensischen Psychiatrie einer Regionalklinik untergebracht, wird ein Schriftsteller gebeten, die junge Frau zu treffen.

Es sei ihr Wunsch, hatte man ihm mitgeteilt und bei dem Treffen übergibt sie ihm einen selbstgeschriebenen Text. Dies ist der Auftakt eines zweiten Erzählstrangs, darin erzählt Nour dem Autor von einem anderen Schweden. Ein Schweden, in dem nicht Amid gestorben ist, sondern der Karikaturist Loberg. Was darauf folgt, ist eine Dystopie von einem Schweden, in dem Muslime jährlich einen Bürgervertrag unterschreiben müssen, in dem sie sich zu den schwedischen Werten bekennen. Wer nicht unterschreibt, verliert Grundrechte und wird als „Schwedenfeind“ eingestuft.

Zwischen der Realität und der Dystopie springt die Handlung hin und her. Hier die gute Welt, in der der Anschlag verhindert worden ist, dort die Dystopie, in der das Leben als Vogelfreier unter Generalverdacht Alltag ist. Doch verschwimmen die Erinnerungen und Wahrheiten nicht nur in Nours Geschichte, sondern auch der Autor entdeckt immer mehr Parallelen, die sein Fremdheitsgefühl in der Realität befeuern.

Johannes Anyuru
Johannes Anyuru gilt als einer der wichtigsten zeitgenössischen Schriftsteller Schwedens.
(Foto: Khim Efraimsson)
Johannes Anyuru, selbst Kind einer Schwedin und eines Uganders, ist eine der vielen Stimmen migrantischer Literatur, die in den vergangenen Jahren in Europa Aufmerksamkeit bekommen haben. In seinem Roman, der konsequent aus migrantischen Perspektiven erzählt wird, kreist er um die Frage nach Identität und Zugehörigkeit, nach Sippenhaft, Angst und Schuld.

„Siehst Du nie deine Kinder an …“, sagte ich, aber die Worte blieben mir im Hals stecken. Ich war erstaunt, wie schwer es mir fiel, zu formulieren, was ich sagen wollte.
[…]
„Siehst Du sie niemals an und fragst dich, ob sie hier in Zukunft leben können?“, sagte ich.
„Weil sie Muslime sind?“
„Weil Menschen Angst haben und weil sie am Ende zu allem bereit sein werden, um keine haben zu müssen.“

Auf die Frage, wie wir miteinander leben können, bietet Anyurus Buch keine leichte Antwort. Aber in der auch in Deutschland immer wieder aufkochenden Debatte um Leitkultur und Integration bietet „Sie werden in den Tränen ihrer Mütter ertrinken“ einen Blick auf die Rückseite dieser Medaille, eine neue Perspektive aus migrantischer Sicht.

Die Rückseite des Bestsellers aus Schweden ziert neben den üblichen Lobpreisungen auch ein Zitat des Autors selbst: „Es geht darum, dass wir lernen müssen, miteinander zu leben.“

Die von Anyuru meisterhaft erzählte Geschichte ist der Gegenentwurf zum feindlich und exklusiv geführten Diskurs über Identität und Zugehörigkeit. Eine eindeutige Kauf- und Leseempfehlung.

Helena

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