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Erstaunliche Pinzetten-Funde in Wroxeter

England: Schon im römischen Britannien war Körperhaar-Entfernung ein stilistisches Muss – bei Mann und Frau

Nein, Körperhaarentfernung ist kein originärer Trend unserer Zeit. Eine neue Ausstellung in der englischen Stadt Wroxeter zeigt, dass man schon im römischen Britannien (43 bis ca. 440 n. Chr.) scheinbar sehr penibel darauf achtete, abseits des Kopfes möglichst blank zu sein.

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Haarentfernung im alten Rom: Eine der in Wroxeter gefunden Pinzetten. (Foto: English Heritage)

Zurückzuführen ist diese Erkenntnis laut English Heritage auf den fast massenhaften Fund von Pinzetten in eben jenem Wroxeter, das zur Römerzeit ein blühendes Zentrum und groß wie Pompeji war – heute eine der am besten erhaltenen Archäologie-Stätten in ganz Großbritannien.

Außerdem zeigt die am 24. Mai eröffnete Ausstellung eine Sammlung noch nie zuvor gesehener Bade-, Schönheits- und medizinischer Utensilien. Der Körperkult, der zumindest der „Upper class“ Roms in historischen Erzählungen anhaftet, scheint in Wroxeter in der Tat gelebte Praxis gewesen zu sein.

Ausgestellt sind etwa 400 teils sehr erstaunliche Artefakte, darunter Hautschaber, Parfümflaschen, Schminkutensilien und Dutzende von Pinzetten, die beispielsweise auch zur schmerzhaften Entfernung von Achselhaaren verwendet worden sein dürften.

Cameron Moffett, Kurator der sehenswerten Ausstellung, über den damaligen Hang zur Körperhaar-Entfernung: „Allein hier in Wroxeter haben wir über 50 Pinzetten entdeckt, was darauf hindeutet, wie beliebt dieses Accessoire in der Römerzeit war.“

Laut English Heritage dürften gerade betuchte Römer einen Gutteil des Tages damit verbracht haben, das eigene Erscheinungsbild zu optimieren bzw. in Schuss zu halten. Viele besaßen wohl ihr eigenes Reinigungsset, bestehend aus Nagel- und Ohrenreiniger sowie eben einer Pinzette etc.

Man wollte sich im römischen Reich auch optisch von den zerzausten „Barbaren“ abgrenzen

Ein Grund für den kosmetischen Körperkult dürfte gewesen sein, dass man sich im römischen Reich optisch gepflegt von den zerzausten „Barbaren“ abgrenzen wollte. Dabei wurde die Haarentfernung in der Regel nicht selbst durchgeführt, sondern von Sklaven. Was auch sonst?

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Archäologische Stätte von höchstem Wert: In Wroxeter ist das alte Rom noch sehr lebendig.(Foto: English Heritage)

Überliefert ist vom römischen Schriftsteller und Politiker Seneca, dass er sich in einem Brief an einen Freund über den Lärm beschwerte, der in öffentlichen Bädern herrschte. Kein Durchgangslärm wohlgemerkt, sondern der Lärm von Schmerzgeschrei – bei der Haarentfernung.

Hinzu kommt: Im römischen Britannien war die Entfernung von Körperhaaren bei Männern ebenso üblich wie bei Frauen. Männlicherseits bestand vor allem bei Sportarten wie dem Ringen die gesellschaftliche Erwartung, sich von sichtbarer Körperbehaarung komplett zu trennen.

Alles andere wäre der Forschung zufolge unpassend gewesen. Und da das Ringen nur minimale Kleidung erforderte, konnte die Entfernungsprozedur hier lange Zeit in Anspruch nehmen. Wer schön sein wollte, musste auch in Rom schon leiden.

Hintergrund: Die römische Stadt Wroxeter (Viriconium Cornoviorum) ist eines der am besten erhaltenen Beispiele für eine römische Stadt in Großbritannien. Archäologische Ausgrabungen haben die monumentalen Gebäude im Herzen der Stadt freigelegt.

Darunter das Forum, ein Markt, eine Badehaus-Basilika, ein Gemeindezentrum, eine Bildungsstätte sowie eine Art Einkaufszentrum. Und jede Menge prächtige Stadthäuser, in denen eine große Anzahl wohlhabender Einwohner lebte. Wroxeter ist einen Besuch wert.

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