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Uraltes Rätsel

Schweden um 1680: Rätsel um Fötus im Sarg des Bischofs von Lund gelöst (Bildergalerie)

Es ist durchaus vorstellbar, dass Wissenschaftler der schwedischen Universität in Lund mit etwa 350-jähriger Verspätung Zeugen einer klerikalen Familientragödie geworden sind. Zur Vorgeschichte: Die sterblichen Überreste des 1679 verschiedenen Bischofs Peder Winstrup liegen nicht unter der Erde begraben, sondern befinden sich standesgemäß in einem Sarg in der Kathedrale von Lund.

Aus diesem Grund war es Osteologen der Universität vor einiger Zeit möglich, das Skelett des Bischofs mithilfe von Röntgentechnologie zu untersuchen. Soweit Routine, wäre den Forschern dabei nicht eine merkwürdige Struktur ins Auge gefallen. Ein winziges Gerippe nämlich, das sich nach näherer Analyse als menschlichen Ursprungs entpuppte.

Damit war klar, dass all die Jahrhunderte noch jemand mit dem Bischof im Sarg gelegen hatte. Ein Fötus, wie man heute weiß, der bei seiner Totgeburt nicht älter als fünf oder sechs Monate gewesen sein dürfte.

Seither rätselte die Fachwelt, wie es zu dem schauerlichen Fund gekommen sein könnte. In der Folge wurden DNA-Proben genommen und Verwandtschaftsverhältnisse durchleuchtet. Alles immer im Angesicht der bohrenden Frage, weshalb – in Herrgotts Namen – im Sarg des Bischofs ein ungeborenes Kind gelegen hatte.

Die Universität Lund hat nun in einer aktuellen Meldung zum Stand der Forschung verkündet, was nach Ansicht der beteiligten Wissenschaftler am wahrscheinlichsten ist. „Zunächst muss man sagen, dass es in der damaligen Zeit gar nicht so unüblich war, kleine Kinder zusammen mit Erwachsenen in Särgen zu bestatten“, sagte Torbjörn Ahlström, Professor für historische Osteologie an der Universität Lund.

„Aber einen Fötus in einen Bischofssarg zu legen, ist dann doch eine eigene Hausnummer“, so Ahlström weiter, dem zufolge es nachträglich zur Beigabe des kleinen Körpers in den Sarg gekommen sein könnte. „Die gewölbte Gruft in der Kathedrale war jedenfalls zugänglich“, teilte der Osteologe mit.

Also habe man sich die Frage gestellt, in welchem Verhältnis die beiden – Bischof und Fötus – gestanden haben könnten. Mithilfe genetischer Untersuchungen konnte schließlich festgestellt werden, dass es sich um eine Verwandtschaft zweiten Grades handelte.

Peder Winstrup und das Ungeborene teilten 25 Prozent der gleichen Gene, womit als theoretische Optionen Onkel, Neffe, Großeltern, Enkel, Halbgeschwister und Doppelcousins gegeben waren.

Durch die Untersuchungen konnten die Forscher das Gros der möglichen Beziehungen ausschließen, sodass letzten Endes nur noch eine Konstellation als die plausibelste angesehen werden konnte.

„Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Bischof der Großvater des totgeborenen Jungen gewesen wäre“, lautet die Einschätzung von Maja Krzewinska, die am Zentrum für Paläogenetik der Universität Stockholm arbeitet und an der Analyse beteiligt war.

Peder Winstrup im Sarg
Peder Winstrup in seinem Sarg. (Foto: Gunnar Menander)
Anzeichen also für ein Familiendrama? Eindeutig ja, folgert die Meldung der Universität, da nach Ende der Untersuchung nicht nur genetische, sondern auch persönliche Details aus dem Familienleben der Winstrups auf dem Tisch lagen.

Peder Pedersen Winstrup, der Sohn des Bischofs, sei demnach (bewusst) nicht in die Fußstapfen seines Vaters getreten. Statt der Theologie habe er sich der Festungsbaukunst gewidmet und 1680 im Zuge der Entmachtung des Landadels durch die schwedische Krone seinen und den gesamten Erbbesitz seines Vaters verloren.

Fortan, so die Meldung, dürfte der mittellose Mann von Almosen gelebt haben, sämtlicher Privilegien beraubt. Was ihn letztlich dazu bewogen haben könnte, den Fötus seines totgeborenen Sohnes in den Sarg des Bischofs zu legen, bleibt zwar unbeantwortet – womöglich für immer. Es müsse aber ein starker symbolischer Akt gewesen sein, sind sich die Forscher sicher. Vermutlich ein Akt dunkler Symbolik.

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sh

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