Facebooktwitterpinterestrssinstagram

Keine Massengräber, wo welche sein müssten

Wurden die Gefallenen der Schlacht bei Waterloo im großen Stil zu Düngemittel verarbeitet?

Die Schlacht von Waterloo zwischen Napoleons Truppen und einer Allianz aus General Wellingtons Engländern und Feldmarschall Blüchers Preußen war ein in vielerlei Hinsicht einschneidender Wendepunkt in der Geschichte Europas.

Waterloo Archäologie
Die Schlacht bei Waterloo – Jan Willem Pieneman (1824, Rijksmuseum, Amsterdam).
Denn die Schlacht, die am 18. Juni 1815 weniger als 20 Kilometer südlich von Brüssel stattfand, führte unmittelbar zur Abdankung Napoleon Bonapartes, zum Ende des Französischen Kaiserreichs – und damit zum Ende einer Epoche. Soweit jedenfalls die politische Dimension.

Individuell hingegen bedeutete der 18. Juni 1815 vor allem zigtausend-faches Leid. Annähernd 200.000 Mann sollen an jenem Tag auf dem Schlachtfeld angetreten sein, rund 50.000 davon bezahlten den Kampf mit dem Leben oder wurden verwundet. Genau ließ sich das nie ermitteln.

Interessanterweise ist bis heute eine zentrale Frage zur Schlacht von Waterloo unbeantwortet geblieben. Nämlich die, was mit all den toten Körpern passiert sein könnte, die nach dem Ende der Kampfhandlungen zurückgeblieben sind.

Das Vorhandensein von Massengräbern wäre eigentlich der Normalfall, zumal historische Quellen beschreiben, dass es auch in Waterloo zu solchen Beisetzungen gekommen ist.

Aber: Im Hier und Jetzt lassen sich vor Ort keine Hinweise auf solche Gräber finden. Vielmehr scheint es, als seien Zehntausende von Skeletten einfach verschwunden, was natürlich Fragen nach den möglichen Gründen aufwirft.

Professor Tony Pollard, Direktor des Zentrums für Schlachtfeldarchäologie an der Universität Glasgow, ist dem Ganzen wohl am dichtesten auf der Spur. Er forscht intensiv zur Schlacht von Waterloo und hat vor wenigen Tagen – punktgenau zum 207. Jubiläum des großen Sterbens – eine Veröffentlichung vorgelegt.

Die aus dem Forschungsbericht hervorgehende Schlüsselfrage lautet: Wurden die Skelette der Gefallenen von Waterloo im großen Stil zu Düngemittel verarbeitet? Zugegeben, allein die Frage hört sich völlig absurd und pietätlos an.

Bei genauerer Betrachtung wird eine solche „Zweckbindung“ der Toten von Waterloo aber in der Tat wahrscheinlich, da Knochenmehl zu jener Zeit als hoch wirksamer Dünger galt – und zwar mit einem riesigen Absatzmarkt, wie man heute weiß.

„Es ist einfach so, für diesen wichtigen Rohstoff waren die britischen Inseln von zentraler Bedeutung“, schilderte Pollard dieser Tage gegenüber dem Fachportal EurekAlert. Es seien jedoch weitere umfassende Untersuchungen vonnöten, um den Zusammenhang mit Waterloo einwandfrei zu klären.

Alte Augenzeugenberichte bilden die Grundlage der Forschung

Bis dato stützt Pollard seine Argumentation vor allem auf die Beschreibungen und Aufzeichnungen derjenigen, die Tage und Wochen nach der Schlacht am Ort des Geschehens waren. Dazu gehören beispielsweise die Briefe und persönlichen Erinnerungen eines schottischen Kaufmanns, der vor rund 200 Jahren in Brüssel lebte.

Beschrieben wird darin das ganze Ausmaß des Blutvergießens, das für den Autor namens James Ker darin gipfelte, dass verwundete Soldaten noch Tage nach der Schlacht in seinen Armen starben.

Neben solch bedrückenden Momenten legen Kers und andere Aufzeichnungen aber auch eines nahe: Es muss mindestens drei Massengräber gegeben haben. Von bis zu 13.000 Leichen ist die Rede.

„Ungeachtet der künstlerischen Freiheit solcher Schilderungen und der möglichen Übertreibung bei der Zahl von Leichen müssen die Körper der Toten eindeutig an Orten auf dem Schlachtfeld begraben worden sein“, sagt Pollard.

Daher sei es einigermaßen überraschend, dass es bis heute keine verlässlichen Aufzeichnungen über die Entdeckung eines Massengrabs bei Waterloo gibt. „In mindestens drei Zeitungsartikeln aus den 1820er Jahren“ werde hingegen „die Einfuhr menschlicher Knochen von europäischen Schlachtfeldern erwähnt“, fährt Pollard fort. Und zwar explizit zur Herstellung von Dünger.

Laut Pollard lege dies den Schluss nahe, dass die Schlachtfelder der damaligen Zeit einer recht umtriebigen Riege von Kaufleuten als günstige Bezugsquelle für Knochen bzw. Knochenmehl zur Gewinnung von Dünger gedient haben könnten. Ein militärisch-ökonomischer Komplex der ganz makabren Art.

Besucher kamen, sobald sich der Pulverdampf verzogen hatte – aus Gründen

„Waterloo zog Besucher an, kaum dass sich der Pulverdampf verzogen hatte. Viele kamen, um die Habseligkeiten der Toten zu stehlen, einige stahlen sogar Zähne, um sie zu Prothesen zu verarbeiten, während andere einfach nur beobachteten, was passiert war“, beschreibt Pollard.

„In einer solchen Situation ist es sehr wahrscheinlich, dass auch Knochenhändler mit hohen Gewinnerwartungen auf dem Schlachtfeld erscheinen. Und das Hauptziel wären dann natürlich Massengräber, da sie genug Leichen enthalten, um die Mühe des Ausgrabens zu rechtfertigen“, so Pollard weiter.

Möglich sei, dass Ortsansässige solchen Händlern oder deren Agenten beim Auffinden der Massengräber geholfen hätten. „Es ist auch möglich, dass die verschiedenen Reiseberichte jener Zeit, in denen Art und Lage der Gräber beschrieben wurden, als eine Art Schatzkarte gedient haben.“

Auf Grundlage dieser Indizien und durch die gut belegte Bedeutung von Knochenmehl in der Landwirtschaft sei die Entleerung der Massengräber in Waterloo zur Gewinnung von Skeletten laut Pollard mehr als denkbar.

Im nächsten Schritt will der Archäologe eine „ehrgeizige“ und mehrjährige geophysikalische Untersuchung auf dem ehemaligen Schlachtfeld leiten.

„Wir werden nach Waterloo zurückkehren, um die Orte der Grabstätten zu bestimmen, die sich aus der Analyse früherer Besucherberichte rekonstruieren lassen“, sieht Pollard noch ein bisschen Arbeit vor sich, um aus seiner Theorie Realität werden zu lassen.

Unser QUIZ zum Thema ENGLAND

Sie wollen diesen Beitrag teilen?

Facebooktwitterredditpinterestmail
guest

0 Comments
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen