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Premier Boris Johnson auf schwieriger Mission

Schottland: Trennungsgerüchte im Vereinigten Königreich

Am gestrigen Donnerstag hat der britische Premierminister Boris Johnson Schottland einen mit Spannung erwarteten Besuch abgestattet.

Schottland Unabhängigkeit Johnson
Eine Grußbotschaft an Boris Johnson im schottischen Edinburgh. (Foto: Pete Emphyrio)
Politischen Beobachtern zufolge soll es ihm dabei vor allem um das eine, für die Einheit des Vereinigten Königreiches womöglich alles entscheidende Ziel gegangen sein: um einen neuen schottischen Treueschwur zur Union.

Ein solches Bekenntnis wäre für Johnson derzeit umso nötiger, da die von ihm und seinen Anhängern gepriesene Union in den Köpfen vieler Schotten schon längst keine mehr ist. Womöglich auch nie wirklich eine war.

Denn traditionell darf das Verhältnis Englands zu seinem nördlichen Nachbarn als, nun ja, verbesserbar angesehen werden.

Aktuell jedoch – angesichts eines knapp gescheiterten Unabhängigkeitsreferendums 2014, eines auf politischer Trickserei basierenden Brexit-Votums 2016 und einer nicht eben glimpflich verlaufenden Corona-Pandemie 2020 – scheint im Binnenverhältnis ein neuer, womöglich unüberbrückbarer Tiefpunkt erreicht zu sein.

Das jedenfalls besagen einem Bericht der Deutschen Welle zufolge aktuelle, für Johnson hochgradig alarmierende Umfragen in Schottland, die eine stetig wachsende Unterstützung für ein erneutes Unabhängigkeitsreferendum verzeichnen.

Die Schotten, so ist es in vielen politischen Kommentaren zu lesen, hätten es endgültig satt, immer und immer wieder am Rockzipfel Londons zu hängen.

Zumal derzeit vieles dafür spricht, dass sich die Zentralregierung in England wegen des anstehenden Austritts aus der Europäischen Union in eine Phase maximaler Selbstbeschäftigung begeben wird.

Es müssen schließlich ertragreiche Handelsvereinbarungen geschlossen werden. Deals, um es neudeutsch auszudrücken. Die Sorge der Schotten lautet da nur allzu verständlich: Denkt dabei auch jemand an uns? Allen voran ein Egozentriker wie Boris Johnson?

Eigentlich wäre es für Johnson nun an der Zeit, Überzeugungsarbeit bei seinen Kritikern zu leisten – und die Insel zu einen. Eigentlich, denn beide Übungen scheinen ihm so gar nicht auf den Leib geschneidert zu sein.

Dabei könnte der gerade einmal ein Jahr im Amt befindliche Premier ein wenig Ruhe an zumindest einer innenpolitischen Front im Moment gut gebrauchen.

Corona steckt nicht nur seinem Land noch immer tief in den Knochen. Sondern auch seinem politischen Ansehen. Heißt es doch, sein anfänglicher Kurs in der Pandemie sei viel zu schlingernd gewesen.

Und zu wenig vernunftbasiert, weshalb sich Johnson nach Tagen beherzten Händeschüttelns schließlich selbst auf einer Intensivstation wiederfand.

Es war eng für ihn, sehr eng, aber er hat es geschafft. Über 40.000 Briten hatten hingegen nicht das Glück, nach einer schweren Covid-19-Erkrankung wieder auf die Beine zu kommen. Das fällt Johnson nun politisch vor die Füße.

Seine Gegenspielerin auf schottischer Seite, Regierungschefin Nicola Sturgeon, hat da eine deutlich bessere Figur gemacht. Ihr Corona-Kurs genießt beim schottischen Volk Ansehen. Es scheint, als habe sie bei den Wahlen im kommenden Jahr beste Karten für eine satte Mehrheit.

Und ein Trumpf, denen Sturgeon immer wieder genüsslich zieht, ist ein weiteres Unabhängigkeitsreferendum. Schottlands mehrheitlich ablehnende Haltung zum Brexit (62 % sprachen sich dagegen aus) mache das 2014er Votum hinfällig, sagt sie. Ein Argument, dem sehr viele Schotten folgen können.

„Ihr hattet doch eure Chance“, hält jedoch Johnson dagegen und will ein weiteres Referendum um jeden Preis vermeiden. Wahrscheinlich auch deshalb, weil ein Bruch mit Europa und dann auch noch mit Schottland selbst für Johnsons gewaltiges Ego einer zu viel wäre.

Sollte es früher oder später so kommen, wären beide Ereignisse wohl für immer mit seinem Namen verbunden. Es gab schon bessere Aussichten auf ein politisches Denkmal.

Also beschwört Johnson auf schottischem Boden den wie auch immer gearteten Zusammenhalt im Vereinigten Königreich und argumentiert dabei ausgerechnet mit seiner offenen Flanke: der Corona-Pandemie.

Sie habe schließlich gezeigt, wie wichtig der Zusammenhalt zwischen England, Nordirland, Schottland und Wales sei. Die Union, sie habe sich laut Johnson in der Krise als besonders stark erwiesen.

Viele Schotten sehen das freilich anders. Er habe in dieser schwierigen Phase doch nichts als Chaos verbreitet. Und beim Brexit eh, heißt es landauf, landab. Einen politischen Trumpf spielt Johnson da gerade jedenfalls nicht aus. Wahrscheinlich hat er einfach keinen.

Umso passender das Bild, das sich Johnson gestern zu Beginn seines Schottlandbesuches bot, als er sich ganz im Norden auf den Orkney-Inseln mit ein paar Fischern treffen wollte.

Eine Gruppe von Demonstranten hatte sich versammelt und ließ keinen Zweifel daran aufkommen, um welche Message an Johnson es ihnen ging.

„Hände weg von Schottland!“ und „Wir haben eine Stimme!“ war alles, was sie zu seiner Begrüßung an Nettigkeiten im Gepäck hatten.

Aktuell sind laut Umfragen 54 Prozent der Schotten für die Unabhängigkeit. Und dass es mehr werden, daran arbeitet unaufhörlich Nicola Sturgeon.

Den politischen Rückenwind dafür scheint sie seit Corona zu haben. Es scheint, als stünden der Union stürmische Zeiten bevor.

sh

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