Bei Männern ließ man Nachsicht walten

Norwegen entschuldigt sich bei „deutschen Mädchen“

| 29.10.2018 - 12:58 Uhr

Während der Besatzung Norwegens durch die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg haben etwa 30.000-50.000 Norwegerinnen eine intime Beziehung zu deutschen Soldaten unterhalten. Nach dem Krieg wurden diese Frauen als „deutsche Mädchen“ gebranntmarkt und verunglimpft, auch von behördlicher Seite aus waren sie Repressalien ausgesetzt. Dafür hat sich Norwegen nun offiziell entschuldigt. Das berichten verschiedene Medien in Norwegen.

Erna Solberg Norwegen entschuldigt sich

Erna Solberg, Norwegens Ministerpräsidentin, bei der Generaldebatte der siebzigsten Tagung der UNO-Vollversammlung. (Foto United Nations, CC BY-NC-ND 2.0)


Nach der Befreiung des Landes von den deutschen Invasoren im Jahr 1945 gab es eine regelrechte Hexenverfolgung. Die „deutschen Mädchen“ wurden willkürlich verhaftet und eingesperrt, sie verloren ihre Arbeit, manchen wurde die Staatsbürgerschaft entzogen.

Norwegens Ministerpräsidentin, Erna Solberg, hat sich in einer Rede im Rahmen von Feierlichkeiten zum 70. Jubiläum der UN-Menschenrechtscharta dazu geäußert:

„Junge norwegische Mädchen und Frauen, die eine Beziehung mit deutschen Soldaten hatten oder denen eine solche unterstellt wurde, fielen einem würdelosen Verhalten zum Opfer. Heute möchte ich mich im Namen der Regierung dafür entschuldigen.“

Das neutrale Norwegen wurde am 9. April 1940 von deutschen Truppen besetzt, an der Invasion waren etwa 300.000 Soldaten beteiligt.

„Wir können nicht behaupten, dass Frauen, die eine persönliche Beziehung zu deutschen Soldaten unterhielten, den deutschen Kriegszielen geholfen hätten.“, sagte Guri Hjeltnes Leiterin des Zentrums für Holocaust- und Minderheitenstudien in Bygdøy, „Ihr einziges Verbrechen war es, die Grenzen des ungeschriebenen moralischen Standards zu überschreiten. Dafür wurden sie noch härter bestraft als die echten Kriegsprofiteure.“

Über 70 Jahre nach Ende des Weltkrieges sind nur noch wenige betroffene Frauen am Leben. Es ist unwahrscheinlich, dass die offizielle Entschuldigung die Möglichkeit eines finanziellen Ausgleichs für die Familien eröffnet.

An Silvester im Jahr 2000 hat sich Norwegen offiziell bei den geschätzten 10.000-12.000 Kindern entschuldigt, die aus einer Beziehung zwischen einer Norwegerin und einem Deutschen hervorgegangen waren. Die ABBA-Sängerin Anni-Frid Lyngstad ist eines der prominenten Kinder deutsch-norwegischer Abstammung. Lyngstad hat in verschiedenen Interviews darüber berichtet, in der Kindheit unter ihrer Abstammung gelitten zu haben.

Es gab geschätzte 28 norwegische Männer, die während des Krieges eine Deutsche geheiratet haben. Nicht ein einziger von ihnen habe Repressalien, geschweige denn Verhaftung und Entzug der Staatsbürgerschaft erfahren, sagt die Historikerin Guri Hjeltnes.

ap

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