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(Un-)Zeitreise mit Elly Gotz

Litauen: Holocaust-Überlebender erzählt seine Geschichte – online via Zoom

Bezogen auf 2020 dürfte auch das Leben des 92-jährigen Elly Gotz auf ganz vielfältige Weise von der Corona-Pandemie berührt sein. Vermutlich nicht immer zum Positiven, so ist halt dieses Jahr.

Elly Gotz Holocoust
Elly Gotz, geboren 1928 in Kaunas, Litauen. (Quelle: crestwood.on.ca)
Wobei: Für die Geschichte, die er zu erzählen hat – und vor allem für all jene, die sie aus erster Hand erfahren dürfen, laufen die Dinge im Moment gar nicht mal so schlecht. Aber der Reihe nach…

Elly Gotz, stammend aus Kaunas in Litauen, ist Holocaust-Überlebender. Einer der wenigen, die noch da sind. Und vermutlich einer der ganz wenigen, die noch die Energie aufbringen und willens sind, andere an ihrer von Trauer und Qual gezeichneten Lebensgeschichte teilhaben zu lassen.

Diese anderen, das sind bei ihm vor allem Schülerinnen und Schüler, denen er das unschätzbare Privileg zuteilwerden lässt, Geschichte der (leider) allerschlimmsten Art aus der Perspektive eines Zeitzeugen zu erfahren.

In einem Artikel, den The Kingston Whig-Standard kürzlich Elly Gotz gewidmet hat, wird dieser als keineswegs verbitterte, sondern ganz und gar lebensbejahende Persönlichkeit beschrieben. Er selbst sagt, er habe erst den Hass ablegen müssen, um wieder im Leben ankommen zu können.

Dabei dürfte ihm geholfen haben, dass er nach dem Martyrium der NS-Zeit noch jung war, immerhin das. Und dass ihm Wege glückten, geografische wie biografische, seine Zukunft selbstbestimmt und erfolgreich gestalten zu können. Als Pilot, als Geschäftsmann, als Familienvater, als Autor, als Mensch.

Seit Jahren schon sieht er es als seine Aufgabe an, junge Menschen durch seine Erzählungen mit einer Art Schutzschild auszustatten, „gegen den Hass“, wie er sagt, „gegen Rassismus und Vorurteile“.

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Also eigentlich gegen all das, was seiner Familie und seiner jüdischen Gemeinde in Kaunas und anderswo in Europa im Übermaß entgegenschlug – gipfelnd im millionenfachen Morden der Schoah.

Elly Gotz war ein Jugendlicher, etwa im Alter seiner heutigen Zuhörer, als es für ihn und seine Familie im Ghetto seiner Heimatstadt Kaunas ums nackte Überleben ging.

Zeitweise 30.000 Menschen, viele davon jüdischen Glaubens, lebten hier auf engstem Raum. Umgeben von Stacheldrahtbarrieren und in der bohrenden Gewissheit, dass praktisch jede Stunde die letzte sein konnte.

Für den Großteil der Bewohner war das Ghetto die Zwischenstation auf dem Weg in den Tod, das Verlies sozusagen. Das Morden erfolgte dann durch Massenerschießungen in den Forts der Stadt oder nach der Deportation in einem Vernichtungslager. Beides blieb Gotz und seiner Familie wie durch ein Wunder erspart.

Als sich dann im Jahr 1944 die Rote Armee auf die Stadt zubewegte, war allen klar, dass zumindest der Naziterror bald vorbei sein würde.

Also versteckte sich Familie Gotz in einem unterirdischen Bunker direkt am Haus, der mit Lebensmitteln für gut zwei Wochen ausgestattet war. Und ihnen war noch etwas klar: Sie wollten in ihrem Versteck eher Selbstmord begehen, als den abrückenden Bluthunden Hitlers doch noch in die Hände zu fallen.

Wie nah sich Leben und Tod in dieser Zeit sein konnten, verdichtete sich für den Jugendlichen dann während einer Hausdurchsuchung, als ihm seine Mutter, eine ausgebildete Krankenschwester, plangemäß eine Giftspritze direkt an den Arm hielt. Zum Glück blieb ihr Versteck unentdeckt.

Dass er und seine Familie kurz später dann doch noch in deutsche Gefangenschaft gerieten, resultierte aus der irrigen Annahme heraus, die Sowjets seien bereits angekommen. Ein Fehler, der für Elly und seinen Vater geradewegs ins Konzentrationslager Dachau führte.

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„Viele Menschen starben dort, aber mein Vater und ich überlebten“, blickte Elly Gotz für gewöhnlich zurück, wenn er in den letzten Jahren vor Schulklassen stand.

Doch 2020 ist Corona, weshalb physische Präsenz gerade keine Option ist. Daher bedient sich Gotz nun digitaler Möglichkeiten, um sein Publikum zu erreichen.

Und das Gute, um zum Anfang dieser Geschichte zurückzukehren: Die Zahl seiner Zuhörer ist heute größer denn je, da das Internet als Raum im Gegensatz zu Klassenzimmern und Schulaulen unbegrenzt ist. Raum im Überfluss sozusagen – nur für Gutes: welch ein Gegensatz zur bedrückenden Enge und zur Hoffnungslosigkeit, die unzählige Menschen vor Jahrzehnten im Ghetto erleben mussten.

„Über Zoom erreiche ich nun bis zu 50 Klassen auf einmal“, sagt Elly Gotz, der inzwischen in Kanada lebt und von seinem Haus in Toronto aus zu Tausenden von jungen Menschen sprechen kann. Corona als Win-Win-Situation – auch das ist also möglich.

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sh

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