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Teil 1 – Andreas Knopken und das Streitgespräch in der Petrikirche

Kleine Geschichte Lettlands: Wie Riga evangelisch wurde I

Drei Kirchen prägen seit dem Mittelalter die Silhouette Rigas – und die Geschichte der Stadt: Der Dom und die beiden Pfarrkirchen St. Jakobi und St. Petri. Seit dem 9. Februar 2017 heißt der Platz vor der letzteren „Reformācijas laukums“ (Reformationsplatz). Warum? Die Tafel, die der damalige Bundespräsident Gauck und der Präsident Lettlands Vējonis in der Kirche enthüllten, erklärt:

„Mit Unterstützung der Rigaer und des Rates begann in Livland die Reformation. Diese führte am 12. Juni 1522 der lutherische Pastor Andreas Knopken mit 24 Thesen in der St. Petrikirche ein. Die am 21. September 1525 verkündete Glaubensfreiheit bedeutete geistiges Erwachen und den Sieg der Reformation“.

Reformation in Riga
Der Dom und die beiden Pfarrkirchen St. Jakobi und St. Petri.

Nun, es ist nicht völlig falsch, was auf dieser Tafel steht, aber leider auch nicht ganz richtig. Es ist verkörpert aber die alte Art, wie man seit Jahrhunderten gerne auf die Geschichte schaut: „Große Männer schreiben Geschichte“. Und am besten ist es, wenn diese „Helden“ auch „Heldentaten“ vollbrachten, deren Jubiläen man an festgelegten Daten feiern kann.

Ja. Andreas Knopken gilt zu Recht als „Reformator Rigas“ (auch, wenn er dabei nicht allein war). Und: Ja, der 12. Juni 1522 war ein wichtiges Ereignis. Jedoch nicht die „Einführung der Reformation“ in Riga. Aber fangen wir einfach mal von vorne an.

Riga im 16. Jahrhundert

Riga zu Beginn des 16. Jahrhunderts: In den dreihundert Jahren seit ihrer Gründung 1201 ist sie als Metropolis Livoniae die größte und wichtigste Stadt Livlands. Ihre deutschen Kaufleute kontrollieren den Handel mit den Waren, die aus den tiefen Wäldern Livlands und Russlands die Düna hinab nach Westeuropa verkauft werden. Um die Herrschaft über diese Stadt streiten sich – als Teil ihres grundsätzlichen Kampfes um die Vorherrschaft im Land – der Erzbischof von Riga und der Landmeister des Deutschen Ordens. Seit dem Frieden von Kirchholm 1452 hatten sie sich die Herrschaft über Riga teilen müssen. Und wo zwei sich streiten, da konnten die Rigenser viele Freiheiten für sich herausholen.

In diese Stadt kommt 1517 der 49-jährige Priester Andreas Knopken, weil sein Bruder – ein Domherr des Rigaer Domkapitels – ihm eine Stelle an der Petrikirche verschafft hatte. Doch Riga ist ihm intellektuelles Ödland. Niemand, mit dem man sich anständig über philosophische Fragen unterhalten kann. So beklagt sich Knopken in einem Brief an Erasmus von Rotterdam. Als der vielbeschäftigte Humanist endlich dazu kommt, Knopken zu antworten, lebt dieser schon im pommerschen Treptow. Dort gehört er in eine Gruppe um den Schulleiter Johannes Bugenhagen, in dem 1520 die neuesten Schriften Martin Luthers, des berühmten Professors aus Wittenberg, gelesen und diskutiert werden. Als der pommersche Herzog diese gefährliche Gruppe auflöst und des Landes verweist, kehrt Knopken nach Riga und auf seine Stelle an der Petrikirche zurück.

Auf den ersten Blick ist also alles wie vorher: Der Domherr Jakob Knopken ist Pfarrherr an St. Petri und bezahlt seinen Bruder Andreas dafür, dass er an seiner Stelle die Messen liest und Predigten hält. Und das macht der. Scheinbar so wie immer. Zitiert die Kirchenväter und folgt dem Messformular wie die anderen Priester in Riga auch. Und weil er niemals den Namen „Luther“ in den Mund nimmt und auch nicht vom „reinen Evangelium“ spricht – einem der wichtigsten Schlagwörter der jungen evangelischen Bewegung – fällt monatelang niemandem auf, dass der Knopken, der aus Pommern zurückgekehrt war, eine neue Lehre predigt, wenn es um die Frage nach dem Seelenheil geht.

„Erste Rigaer Disputation“

Anders als Knopken 1517 dachte, gibt es in Riga aber durchaus Bürger, die sich für philosophische und vor allem theologische Fragen interessieren. Für diese hält er – vermutlich in privatem Rahmen – Vorlesungen über den Römerbrief, eines der Bücher der Bibel, auf das sich Luthers neue Ideen hauptsächlich stützten. So sammelt Knopken um sich einen Kreis von Freunden, die diese neuen, reformatorischen Ideen übernehmen, darunter Ratsherren und der Stadtschreiber – heute wäre das der Oberstadtdirektor – Johann Lohmüller, ein Strippenzieher in der Politik der Stadt. Und vermutlich ist es Lohmüller, der dieses Ereignis einfädelte, das später „erste Rigaer Disputation“ genannt werden sollte.

Was war also diese „erste Rigaer Disputation“, auf die sich die Gedenktafel in der Petrikirche beruft? Viel ist es nun wirklich nicht, was wir historisch gesichert wissen. Wir kennen das Datum: Den 12. Juni 1522. Und wir kennen den Ort: Den Chor der Petrikirche. Und wir wissen, dass Andreas Knopken – wie es durchaus üblich war – 24 Thesen zur Diskussion mitbrachte. Denn diese Thesen, die inhaltlich vor allem auf dem Römerbrief basierten, sind später als Buch gedruckt worden.

Wenn man aber weiter fragt: Wer veranlasste diese Veranstaltung überhaupt? Was ist dort eigentlich passiert? – ja, dann schweigen sowohl die seriösen Quellen wie auch die legendenhaften Ausschmückungen späterer Chronisten.

Um es direkt zu sagen: Das, was am 12. Juni 1522 in Riga geschah, war definitiv nicht die „Einführung der Reformation“. In Zürich und Nürnberg (und vielen anderen Städten) veranstaltete man Disputationen, um eine Entscheidung im Streit zwischen altem und neuem Glauben herbeizuführen. Und weil die Anhänger der neuen Richtung sich durchsetzten, wurden die alten römischen Messen verboten, die Klöster aufgelöst und eine neue, evangelische Kirchenorganisation aufgebaut.

Auch wenn Knopken in dem geistigen Duell seinem unbekannten Gegenüber vermutlich eine intellektuell vernichtende Niederlage bereitet haben mag: In Riga aber passierte nach dem 12. Juni 1522 erst einmal nichts! Alles blieb, wie es zuvor war. In der Petrikirche predigte Knopken die neue Lehre von der Rechtfertigung allein aus Glauben. Und in der Kirche des Franziskanerklosters verkündete Pater Thomas weiter Acht und Bann gegen Luther und alle seine Anhänger. Aber eine Entscheidung? Reformation in Riga? Nein. Noch nicht.

Etwas Großes geschieht: Nichts

Warum ist diese „erste Rigaer Disputation“ so wichtig? Eben genau weil nichts passierte. In seinen 24 Thesen hat Knopken nicht nur die alte Lehre der Römischen Kirche, dass man durch gute Taten (oder direkt durch Geld) in den Himmel kommen könne, angegriffen. Er hat auch direkt mit der Bibel erklärt, dass geistliche Herren – also Bischöfe! – keine politische Macht haben sollten. Wenn man bedenkt, wer damals in Livland herrschte: Das war quasi Landesverrat! Und ihm – und seinen Anhängern – passierte eben: Nichts.

Und jeder in Riga konnte sehen, welchen Rückhalt die Evangelischen bereits in der Stadt und besonders unter der Führungsschicht hatten, sodass es den Rigensern mehr und mehr als Farce erscheinen musste, wenn der Erzbischof und alle Geistlichen, die nicht evangelisch wurden, einfach weitermachten, wie bisher.

Wurde Riga dann also am 21. September 1525 – dem zweiten Datum auf der Gedenktafel – evangelisch? Das soll ein andermal erzählt werden.

Eine kleine Anmerkung zu Begrifflichkeiten: Immer, wenn irgendwo von der „Einführung der Reformation“ (am besten mit einem konkreten Datum) gesprochen wird, stellen sich dem Autor die Nackenhaare auf. Was für eine absurde Vorstellung steht dahinter? „Reformation“ als vorgefertigter 10-Punkte-Plan, über dessen Abwicklung beschlossen wurde? Luther hat mit seinen 95 Thesen eine Grundlage für eine akademische Diskussion vorgelegt, keinen 95-Punkte-Plan zur Schaffung von evangelischen Landeskirchen.

Wer sich mit der Vergangenheit beschäftigt, sollte versuchen, den Menschen jener Jahre gerecht zu werden. Das heißt auch: Beachten, dass die Menschen des Jahres 1522 nicht die geringste Ahnung hatten, was 1523-2017 passieren wird.

Die Menschen damals waren – genauso wie wir es heute sind – damit konfrontiert, höchstens schätzen zu können, was die Zukunft bringt. Wenn dann aber etwas Unvorhergesehenes passiert, versucht man, die Folgen zu bewältigen. Und schafft dabei nur allzu oft Folgeprobleme, die dann wieder gelöst werden müssen.

Lesen Sie auch Teil 2: Geschlagene Mönche, zerschlagene Altäre – Reformation in Riga geht weiter

Text von Dr. Martin Pabst

Über den Autor
Dr. Martin Pabst studierte Geschichte und Theologie und wurde mit einer Arbeit zur Reformationsgeschichte Rigas promoviert. Er arbeitet als Wissenschaftlicher Leiter zweier Stiftungen sowie freiberuflich als Autor, Studienleiter und Vortragsredner.
dr-martin-pabst.de // twitter.com/Dr_Martin_Pabst

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