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Wer waren die Waldfinnen? – Gespräch mit dem Ethnologen Antti Metsänkylä

„Waldfinnisch klingt eigenartig für unsere finnischen Ohren“

Waldfinnen (finn. metsäsuomalaiset) – das klingt nach Leuten, die abgeschieden von der Welt in finnischen Wäldern leben, eins mit der Natur. Eine romantische Vorstellung, entspricht jedoch nicht dem, was ein Waldfinne oder -finnin ist. Vielleicht hilft uns die alternative schwedische Bezeichnung auf die Sprünge svedjefinnar, Brandrodungsfinnen.

Olle Westling Antti Metsänkylä
Olle Westling, Schwiegervater von Victoria von Schweden, und der Helsinkier Ethnologe und unser Gesprächspartner Antti Metsänkylä (r.). (Foto: privat)
Wir sprachen mit dem Ethnologen Antti Metsänkylä über die Waldfinnen, wer sie sind und welche Bedeutung sie für Finnland und Skandinavien haben. Antti Metsänkylä hat 35 Jahre lang am Finnischen Nationalmuseum gearbeitet und als Volkskundler bei den ethnologischen Sammlungen und Ausstellungen mitgearbeitet. Der Fachmann für finnische und europäische Ethnologie ist heute im Ruhestand.

Herr Metsänkylä, Ihre letzte große Arbeit war die Ausstellung über die sog. Waldfinnen im Finnischen Nationalmuseum. Erläutern Sie kurz, was ist ein Waldfinne?

Unter dem Begriff Waldfinne verstehen wir die Migranten, die aus Finnland nach Schweden und Norwegen (Mittelskandinavien) während einer Periode von 1570 bis 1650 wanderten und sich dort niederließen, und ihre Nachkommen.

Aus welchen Gebieten Finnlands kamen die Waldfinnen ursprünglich?

Zum größten Teil aus östlichen und nordöstlichen Gegenden, aus der Provinz Savo, in wenigeren Fällen auch aus Karelien, Tavastland (Häme) und Ostbottnien.

Eine solch ausgedehnte Umsiedlung und daraus folgende Besiedlung anderer Landstriche ist natürlich ein sehr kompliziertes Phänomen, wir können das hier nur verkürzt betrachten.

Die Anzahl der Leute, die in dieser Zeit aus Finnland nach Mittelskandinavien gingen, ist nicht genau bekannt, aber man schätzt, dass es ungefähr 2000-3000 Menschen waren.

Karte von Finnland Waldfinnen 1638
Finnland mit Grenzen von 1638, sowie mit den heutigen Grenzen (grau schraffiert). Gezeigt werden Gebiete und Orte, die für waldfinnische Migration von Bedeutung sind.
(Quelle: Kalles Kartservice und Maud Wedin 2007)
Wie nennt man die Gegenden in Schweden und Norwegen, wo die Waldfinnen lebten?

Man spricht von Finnwäldern (auf Finnisch suomalaismetsät, auf Schwedisch finnskogar). Waldfinnen haben sich in ziemlich weiten Gebieten in Mittelschweden verbreitet und auch in einigen norwegischen Gegenden in der Nähe der schwedischen Grenze.

Im oben genannten Zeitraum ist schätzungsweise jene Menge Finnen nach Schweden umgezogen, zuerst oft nach Södermanland, Gästrikland, Hälsingland oder Bergslagen. Später haben sich die Waldfinnen langsam in vielen anderen schwedischen Regionen verbreitet. Diese Provinzen heißen (ich benutze hier die schwedischen Namen) Medelpad, Ångermanland, Dalsland, Närke, Tiveden, Västmanland, Östra Götaland und Värmland. Provinz Värmland war ein wichtiges Gebiet. Die finnische Besiedlung hat Norwegen, Gebiet Solør, westlich von Värmland, ungefähr 1620 erreicht.

Warum werden diese finnischen Migranten überhaupt Waldfinnen oder Brandrodungsfinnen genannt?

Rauchsauna
Ein Bauer vor seiner Rauchsauna.
(Foto: Astrid Reponen, etwa 1930 / Bildsammlungen des Finnischen Museumsamtes)
Die Waldfinnen waren ursprünglich sog. Brandrodungsbauern. Die Brandrodung, also das Verbrennen des Waldes zur Gewinnung landwirtschaftlicher Nutzfläche, war der Grund für diese Wanderung, sogar die Voraussetzung dazu.

In Finnland hatte diese Form des Landbaus Tradition, die in Skandinavien völlig unbekannt war. Sie ist also ein östliches Element in der finnischen Landbautradition, auch in Russland verbreitet.

Die Landgüter waren nicht groß, die Familien der Bauern dagegen sehr. Es entstand allmählich die Situation, dass es nicht genug Land für den Anbau für alle Söhne gab. Aber in Schweden gab es ungenutzte Wälder, sogar reichlich. Finnland gehörte damals zu Schweden (bis 1809), es galt hier, so zu sagen, als ein innerstaatliches Problem.

Der Staat hat versucht das Problem so zu lösen, dass er diesen Bauern, die nach Schweden zogen, um die Brandrodung dort zu beginnen, für zwei Jahre Steuerfreiheit gewährte. Die Forscher sind sich nicht darüber einig, in welchem Maße die Emigration von oben geleitet wurde oder spontan war.

Das war der Anfang. Die Waldfinnen haben sich während der Jahrhunderte doch auch anderen Erwerbstätigkeiten gewidmet. Welchen?

Waldfinnen Dorf Juhoila
Der Bauernhof Juhoila.
(Foto: Helmi Helminen, etwa 1930 / Bildsammlungen des Finnischen Museumsamtes)
Später sind viele von diesen Bauern vom Brandackerbau zum normalen Ackerbau übergangen. Die Viehzucht war auch sehr wichtig.

Und natürlich haben sie, und später ihre Nachkommen, sich in anderen Erwerbszweigen verdingt, zum Beispiel bei der Waldarbeit, in Sägewerken und in Eisenhütten und Minen, sowie allmählich auch bei anderen Industriezweigen.

Die frühe Eisenindustrie hatte auch dadurch eine Bedeutung für die Waldfinnen, weil die Eisenhütten Holzkohle als Brennstoff brauchten und dadurch eine Art Konkurrenten für Brandrodungsbauern waren. Der Staat hat deshalb das Brandroden in solchen Gebieten, wo es Eisenhütten gab, verboten.

Die Gesellschaft hat sich verändert und diese Veränderungen haben natürlich auch in das Leben der Waldfinnen gewirkt.

Sprache der Waldfinnen und Konflikte mit Alteingesessenen

Wenn ein Volk aus einem Land in ein anderes zieht, dann muss man nach der Sprache fragen. Finnisch gehört zu einer anderen Sprachfamilie als die skandinavischen Sprachen, nämlich zu den Ostseefinnischen Sprachen. Wie haben sich die Finnen mit der lokalen Bevölkerung verständigt? Gab es Kommunikationsprobleme? Konflikte? Wie war das Verhältnis zwischen den Waldfinnen und den Schweden/Norwegern?

Kommunikationsprobleme gab es wirklich, besonders am Anfang. Natürlich gab es dabei viele Erscheinungen des Phänomens Ethnozentrismus. Finnen und Schweden waren einander gegenüber argwöhnisch.

Das ist natürlich normal, aber die Schweden hatten hier einen Heimvorteil, sie waren die Alteingesessenen, und die Finnen als Neuankömmlinge hatten eine Position der Unterlegenen. So hatten sie auch Schwierigkeiten mit den Behörden und Pfarrern, die Kinder in der Schule mit den Lehrern.

Es war von Anfang an die Absicht der Behörden, die Ankömmlinge zum Schwedischsprechen zu zwingen. Das ist allmählich gelungen, aber die finnische Sprache lebte jahrhundertelang unter der waldfinnischen Bevölkerung weiter.

Scheune und Ziehbrunnen
Eine Scheune und ein Ziehbrunnen. (Foto: Astrid Reponen, etwa 1930 / Bildsammlungen des Finnischen Museumsamtes)
In den Schulen durften die Kinder nicht Finnisch sprechen, besonders nicht untereinander, das war am strengsten verboten. Es war andererseits auch ein Vorteil für sie, miteinander so sprechen zu können, dass die Schweden sie nicht verstanden.

Das Ziel der Schweden war natürlich, die Finnen vollständig zu assimilieren, sprachlich und kulturell. Die sprachliche Assimilation geschah doch langsamer als die kulturelle, und wurde erst im 20. Jahrhundert zur Realität. Die letzten Waldfinnen, die noch Finnisch konnten, starben in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Dann war die Sprache schon lange ein Relikt gewesen.

Aber die Sprache der Waldfinnen ist etwas Besonderes, dazu möchte ich etwas sagen.

Wenn wir daran denken, wie eine Sprache normalerweise sich verändert, ziemlich schnell, schon in 50 oder 100 Jahren. Und dann denken wir an einen Teil der Bevölkerung, der vor 400 Jahren ausgewandert ist und danach mitten in einem Volk gelebt hat, das eine ganz andere Sprache spricht. Man könnte denken, dass sie ihre Sprache so behalten, wie sie war, also auf einem archaischen Niveau.

Natürlich hat ihre Sprache sich auch während der Jahrhunderte weiterentwickelt, aber nicht auf dieselbe Weise wie die Sprache in ihrem Heimatland. In der neuen Umgebung nimmt die Sprache andersartige Einflüsse auf und wird eine Mischung aus der alten Sprache und neuen, fremden Elementen.

Deshalb klingt „Waldfinnisch“, das die letzten Sprecher in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sprachen, ziemlich eigenartig für unsere finnischen Ohren. Man hat die waldfinnische Sprache umfangreich untersucht. Ein sehr interessantes Phänomen.

Was war das Eigenartige daran? Haben Sie konkrete Beispiele für uns?

Konkrete Beispiele zu geben, ist – auf Deutsch – ziemlich schwierig. Es handelt sich um eine Sprache (Finnisch) die Einflüsse von einer anderen Sprache (Schwedisch) bekommen hat.

Ein Beispiel. Wenn die Waldfinnen neue Sachen, neue Phänomene kennengelernt haben, für die sie keine Namen auf Finnisch hatten, dann haben sie natürlich sich den schwedischen Begriff dafür angeeignet.

Das Tier Igel (schw. igelkott, finn. siili) lebte damals in Finnland nur in südlichen Teilen des Landes, in Savo haben die Waldfinnen ihn nicht gekannt. Einmal hat ein finnischer Sprachwissenschaftler mit einer waldfinnischen Informantin auf dem Hof gesessen. Ein Igel hat den Hof überquert, und der Forscher fragte, wie das Tier heißt. Die alte Frau wusste keinen Namen, hat aber sofort einen merkwürdigen Namen erfunden, krevinkilä.

Reihe von Scheunen Finnwälder
Ein Reihe von Scheunen. (Foto: Albert Hämäläinen, 1931 / Bildsammlungen des Finnischen Museumsamtes)
Das bedeutet gar nichts, weder auf Finnisch, noch auf Schwedisch. Die Bewohner aus Savo kennt man in ganz Finnland als schlagfertige Leute, die eine Antwort auf alle Fragen haben, unabhängig davon, ob sie eine kennen oder nicht.

Also ihre Antwort war ein Beweis dafür, dass sie keinen Namen für das Tier kannte. Aber ihre Tochter war dabei, und sie wusste, sie sagte: iikelkotti.

Sie hatte also den schwedischen Namen igelkott gehört und ihn finnischähnlich neu formuliert. Den finnischen Namen siili hatte keiner von beiden gewusst.

Diese kleine Anekdote habe ich im finnischen Spracharchiv gefunden.

Während der Jahrhunderte haben die Waldfinnen allmählich viele schwedische Wörter in ihr Vokabular aufgenommen, gewöhnlich sind diese ein bisschen fennisiert.

Solche Wörter sind zum Beispiel:

„Waldfinnisch“ Schwedisch Finnisch Deutsch
fintti fin hieno fein
pyätä bygga rakentaa bauen
lietua ledig vapaa frei
pusa påse pussi Tüte
kup gubbe ukko Kerl
rotink drottning kuningatar Königin
puara bara vain, ainoastaan nur, bloß
taakeliaasti dagligen päivittäin täglich
spiikki spik naula Nagel
ruulea rolig hauska lustig
untelia underlig kummallinen merkwürdig, wunderlich
riktuva riktig oikea richtig
fuarlea farlig vaarallinen gefährlich
paataita bada kylpeä baden

(Quelle: Artikel von Sprachforscherin Paula Andersson)

Wenn wir über der Sprache sprechen, sollten wir noch ein interessantes Phänomen erwähnen: die Namen, besonders die Ortsnamen. Die waren natürlich in diesen Gegenden ursprünglich schwedische oder norwegische, bis zum 17. Jahrhundert.

Aber die Waldfinnen begannen damit, die Orte umzubenennen, ihnen neue, finnische Namen zu geben. Viele finnische Namen leben noch, obwohl die Bevölkerung nicht mehr den Ursprung der Namen versteht.

Teilweise hat man auch später, ab 1850, den Ortschaften neue schwedische/norwegische Namen gegeben. Doch viele finnische Namen sind bis heute erhalten geblieben. Interessant ist auch, dass seit den 1950er Jahren wieder neue finnische Namen vergeben wurden – das war eine Art von Folklorismus. Es war ein neues Interesse an der waldfinnischen Kultur entstanden, und Leute wollten sie auf dieser Weise revitalisieren.

Die frühen finnischen Ortsnamen (17. Jahrhundert) waren neuformulierte skandinavische Namen:
Tvengsberget >> Venskperi
Røgden >> Röyänjärvi

Danach (1700-1850) neue finnische Namen:
Kettulamp (auf Deutsch Fuchsteich) >> ab 1850 schwedische Form: Gettolamb
Kettusuo (auf Deutsch Fuchsmoor) >> ab 1850 schwedische Form: Gettoså

Die letztgenannten schwedischen Formen waren also fonetisch gebildet, hatten nichts mit der Bedeutung zu tun.

Die neueren finnischen Namen nach 1950 dagegen waren schwedische bzw. norwegische Namen direkt ins Finnische (und eben das gegenwärtige Finnisch) übersetzt, wie Kiviniemi, Kuikkala, Einola, Kangasniemi, Rantala, und nicht immer korrekt Finnisch, wie Moustasuo (sollte Mustasuo, Schwarzmoor, sein).

In Finnwäldern kann man also noch heute finnischen Ortsnamen begegnen, von oben genannten verschiedenen Kategorien. (Quelle: Artikel von Sprachforscherin Tuula Eskeland)

Welche Bedeutung haben oder hatten die finnischen Auswanderer auf die skandinavische Halbinsel für Finnland selbst?

Bastrucksack Waldfinnen
Rucksack aus Birkenrinde. – Die Birkenrinden-Technik war in Finnland verbreitet, ursprünglich aus Russland. Die Schweden dagegen kannten die Technik nicht, deshalb lassen sich diese Gegenstände als ”original” waldfinnisch bezeichnen.
(Foto: Matti Huuhka / Finnwälder-Sammlung des Finnischen Nationalmuseums)
Diese Frage hat man eigentlich nicht sehr aktiv reflektiert. Und meiner Meinung nach weist das auf eine geringe Bedeutung hin. Ein finnisches Sprichwort sagt: „Poissa silmistä, poissa mielestä“, aus den Augen, aus dem Sinn. Diese Leute waren aus Finnland weggegangen, die Möglichkeiten, in Verbindung mit den Verwandten in Finnland zu bleiben, waren gegenseitig gleich null.

Aber der finnische Sprachwissenschaftler Carl Axel Gottlund (1796-1875) interessierte sich für die Waldfinnen und hat in den Jahren 1817-1821 mehrere Reisen in die Finnwälder unternommen.

Die schlechten Zustände und die Diskriminierung der Waldfinnen haben ihn erschüttert, und er hat zielstrebig dafür gearbeitet, die Situation zu verbessern. Teilweise ist es ihm gelungen, aber eins seiner großen Ziele, einen eigenen waldfinnischen Bezirk zu etablieren, wurde nicht Realität.

Aber drei finnischsprachige Pfarrgemeinden hat er gegründet. Gottlund hat auf seinen Reisen Aufzeichnungen gemacht und viel mit Menschen gesprochen, über Sprache, Familiennamen und Volkstraditionen.

Auf Basis dieses Materials hat er einige Bücher in Finnland publiziert, z. B. „Tagebuch aus Wermland“. Gottlund wollte Wissen über Waldfinnen in Finnland verbreiten und hat das ziemlich effektiv gemacht. Noch heute gilt er als ein Held bei den Finnen in Schweden und Nachkommen der Waldfinnen. Sein Geburtstag, der 24. Februar, ist in Schweden ein nationaler Feiertag namens „Tag der Schwedenfinnen“.

Gegenstände der Waldfinnen
Eine Art Kaffeemühle. – Als die Waldfinnen auswanderten, war Kaffee in Finnland noch nicht bekannt. Diese ”Mühle” gehört zu der Gruppe von Gegenständen, die die Waldfinnen sich erst in Skandinavien aneigneten. (Foto: Matti Huuhka / Finnwälder-Sammlung des Finnischen Nationalmuseums)
Nach der Erlangung der Selbstständigkeit Finnlands, 1917, haben die finnischen Sprachforscher und Volkskundler sich für „nationale“ Kulturelemente interessiert, sowohl zu Hause in Finnland als auch bei finnischen Migranten im Ausland.

So hat man in den zwanziger und dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts ziemlich viele Feldforschungen bei Waldfinnen in Schweden und Norwegen durchgeführt, Material gesammelt und Untersuchungen publiziert. Damals gab es noch etwas zu sammeln, Sprache und Volkskultur.

In Archiven gibt es jetzt sprachliche Materialien, und damals (1936) bekam das Finnische Nationalmuseum auch eine kleine Sammlung von Gegenständen aus den Finnwäldern.

Krug. Foto: Matti Huuhka Schemel Foto: Matti Huuhka Schlüsselhaken Foto: Matti Huuhka

Krug, Schemel und Schlüsselhaken. (Foto: Matti Huuhka / Finnwälder-Sammlung des Finnischen Nationalmuseums)

Diese Sammlung wurde damals im Museum katalogisiert und eingelagert. Aber nicht mehr, bis ich ungefähr im Jahr 2010 auf die Idee kam, darüber eine Ausstellung zu machen.

Die Ausstellung wurde im November 2014 eröffnet und dauerte ein Jahr. Alltagsgegenstände bildeten den Kern der Ausstellung, da wir fürs breite Publikum über die Waldfinnen – ihre Geschichte, Kultur und Lebensweise – erzählten.

Wie groß war das Interesse des finnischen Publikums an dieser Ausstellung?

Ausstellung Waldfinnen
Bei der Ausstellungseröffnung in der Mittelhalle des Finnischen Nationalmuseums. (Foto: Finnisches Nationalmuseum, Helsinki)
Das Wort „metsäsuomalainen“, Waldfinne, in dieser Bedeutung, ist nicht allen Finnen geläufig, leider. Nicht alle Gesichtslehrer in den Schulen haben das offenbar gelehrt. (Mein Lehrer übrigens schon.) Deshalb war das Ziel unserer Ausstellung, diese uralte Emigration bekannt zu machen.

Natürlich kennen immer noch nicht alle Finnen den Begriff, (nicht alle besuchen Museen), aber bestimmt haben viele das Phänomen durch unsere Ausstellung überhaupt erst kennengelernt. Besucher gab es reichlich, Zahlen kann ich leider nicht nennen.

Einige Medien, sowohl in Finnland als auch in Schweden und Norwegen, haben über die Ausstellung positiv berichtet. Ich wurde für zwei finnische und ein norwegisches Radioprogramm interviewt, und auch andere MitarbeiterInnen haben in verschiedenen Medien über die Ausstellung und über Waldfinnen erzählt.

Was unterscheidet Waldfinnen von den vielen Finnen, die nach Schweden gingen, um dort in Minen und Fabriken zu arbeiten?

Na ja, hier handelt es sich um den Zeitabschnitt. Wir sprechen jetzt über die Migranten, die Ende des 16. und Beginn des 17. Jahrhunderts nach Schweden gingen, die nennen wir Waldfinnen. Eine ganz andere Sache ist dann die spätere Migration, z.B. in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Solche Finnen gibt es immer noch in Schweden, und die meisten von ihnen sind zweisprachig. Also eine ganz andere Gruppe von Migranten.

Das waldfinnische Leben in Schweden und Norwegen heute

Gibt es heute noch Waldfinnen in Skandinavien?

Eigentlich nicht. Aber Leute, deren Wurzeln zu dieser waldfinnischen Bevölkerung zurückführen, gibt es eine Menge. Niemand kennt ihre genaue Zahl (sicher eine Zahl mit sechs Ziffern), auch viele Nachkommen selbst wissen oft nichts über den Hintergrund ihrer Herkunft. Aber das allgemeine Interesse für Genealogie hat das Bewusstsein für diese Frage geschärft.

Welche Rolle spielen die Waldfinnen und ihr Vermächtnis heute in Norwegen und Schweden?

Diese Migration nach Schweden und Norwegen, die Leute, die dorthin gegangen und geblieben sind, ihr Leben da gelebt haben, bilden ein wichtiges historisches Phänomen. Sie haben gewisse Gegenden stark geprägt. Das kann man noch heute bemerken, wenn man diese Orte besucht.

Und wenn die Leute ihre waldfinnischen Wurzeln entdecken, bedeutet das natürlich etwas Besonderes, nämlich, dass sie nicht wie die anderen Schweden sind, sie haben etwas anderes sowohl in ihrem kulturellen Erbe als auch in dem physischen Genotypus. Auf irgendeine Weise unterscheiden sie sich von den Menschen in ihrer Umgebung.

Diese Tatsache hat mancherlei Aktivitäten nach sich gezogen: Man hat Vereine und Gesellschaften gegründet, man hat begonnen, die eigene Geschichte auf lokalem Niveau zu studieren, das Interesse auf eigene waldfinnische Kulturphänomene zu richten.

So gibt es verschiedene gemeinschaftliche Ereignisse, Interessenkreise usw., auch Zusammenarbeit mit den Akademischen Forschern. So ist das Waldfinnentum in Schweden und Norwegen sehr lebendig und aktiv.

Welche sichtbaren Spuren haben die Waldfinnen in Schweden und Norwegen hinterlassen?

Salzdose Birkenrinde
Salzdose aus Birkenrinde. (Foto: Matti Huuhka / Finnwälder-Sammlung des Finnischen Nationalmuseums)
Noch heute kann man Spuren der waldfinnischen Kultur sehen, zum Beispiel traditionelle Gebäude wie Rauchstuben, Saunen und Darren, die traditionelle Küche und alte Sagen. Für Touristen gibt es Sehenswürdigkeiten. In einigen alten Bauernhäusern gibt es Gaststätten, wo man von waldfinnischen Spezialitäten kosten kann.

Eine berühmte Spezialität ist Mutti, eine Art dicker Brei, den man aus Gersten-, Hafer- oder Roggenmehl kocht. Den isst man mit Speck. (Hab‘ mal probiert, schmeckt wunderbar – und danach hat man sicher keinen Hunger, stundenlang.) Mutti ist bestimmt die berühmteste Speise der Waldfinnen, aber natürlich nicht die einzige.

In ihrer materiellen Kultur haben die Waldfinnen langsam schwedische Elemente akzeptiert. Die oben genannten traditionellen Gebäude sind ein Beispiel. Sie haben die typische Rauchstube als Gebäudetyp mitgebracht und erst ab dem 19. Jahrhundert langsam aufgegeben.

Die schwedische Paarstube wurde bei Waldfinnen während des 18. Jahrhunderts üblich. Aber sie war bei den Waldfinnen anders im Vergleich zu der schwedischen Paarstube: die andere Stube war immer noch eine Rauchstube. Und die eine Stube, die mit dem Schornstein, hieß bei Waldfinnen „die schwedische Stube“.

Waldfinnen im schwedischen Königshaus

Olle Westling
Olle Westling spricht bei der Eröffnung der Ausstellung.
(Foto: Antti Metsänkylä)
Wir haben gehört, dass es heute sogar am schwedischen Königshof familiäre Verbindungen zu den Waldfinnen gibt. Stimmt das? Erläutern Sie kurz die Zusammenhänge.

Ja, die schwedische Kronprinzessin Victoria ist mit Daniel Westling verheiratet, und er entstammt einer waldfinnischen Sippe. Sein Vater Olle Westling hat die Geschichte seines Ursprunges erforscht, und waldfinnische Ahnen gefunden. So können wir sagen, dass sogar ein Viertel des Familienerbes der Nachkommen von Victoria und Daniel – Prinzessin Estelle und Prinz Oscar – waldfinnisch ist.

Olle Westling hat aktiv an den Tätigkeiten einiger waldfinnischen Organisationen teilgenommen. Deshalb kam ich auf die Idee, mit ihm Kontakt aufzunehmen, als ich die Ausstellung über Waldfinnen am Finnischen Nationalmuseum vorbereitete.

Ich habe ihn gefragt, ob er die Ausstellung offiziell eröffnen wolle. Ich hatte einmal, einige Jahre früher, eine Rede von ihm gehört und wusste, dass er ein guter Redner ist. Er antwortete sofort bejahend.

Wir hatten die Eröffnung der Ausstellung im November 2014. Er hat die Aufgabe sehr ernst genommen, er wollte sich mit den Materialien der Ausstellung schon früh vertraut machen, und schließlich war seine Rede ein gründlicher Vortrag über Waldfinnen. Wirklich eine Gelungene Eröffnung der Ausstellung!

In Ihrem Nachnamen steckt das finnische Wort für Wald, Metsä, wie viel Waldfinne steckt in Ihnen?

In dem eigentlichen Sinne doch gar nichts, meine Vorfahren stammen nicht aus jenen ostfinnischen Gegenden, und niemand von ihnen ist damals nach Schweden übergesiedelt. Sie waren Bauern im südwestlichen Finnland, und da gab es natürlich auch Wälder. Mein Familienname Metsänkylä war ursprünglich der Name des Landgutes. Der besteht aus den Wörtern „metsä“ (Wald) und „kylä“ (Dorf), ihr Bauernhof war ziemlich groß, also beinahe wie ein kleines Dorf, inmitten des Waldes.

Falls man in Finnland einen Ort nennen möchte, wo die Waldfinnen besonders viel bedeuten, dann ist es die Landgemeinde Rautalampi in Savo. Von dort siedelte eine große Menge Leute über. Wenn die Nachkommen der Waldfinnen die ehemalige Heimatgegenden besuchen wollen, dann reisen sie gerne nach Rautalampi oder in die anderen Gemeinden in Savo.

Vielen Dank für das Gespräch!

INFOS: Auf den Spuren der Waldfinnen
Finnskogsmuseet in Skräddrabo: www.finnskogsmuseet.se
Torsby Finnskogscentrum: varmlandsmuseum.se/finnskogscentrum
Finnskogsmuseet, Edsbyn & Alfta: www.edsbyn-alfta.se/finnskogsmuseet
Norsk Skogfinskt Museum: www.skogfinskmuseum.no
Norskt Skogsfinskt Museum: kjellandersjoberg.se/skogsfinskt-museum

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ap

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