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Hochprozentige Dreiecksbeziehung: Finnland, Estland und Lettland

Preiskampf um Alkoholtouristen in Nordosteuropa

Für Bier und Schnaps greift man in Finnland EU-weit am tiefsten in die Tasche. Das ergab eine neue Auswertung von Eurostat. Der Wochenendausflug nach Tallinn ist für viele Finnen daher zum Alltag geworden – die estnische Hauptstadt lockt schließlich mit Schnäppchen und Attraktionen. Doch auch Lettland hat inzwischen am Verhandlungstisch Platz genommen. Droht dem Nordosten Europas ein alkoholischer Preiskampf?

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Alles da, was das Herz begehrt: Alkoholtourismus zwischen Finnland, Estland und Lettland. (Foto: M. Knorn)
Es ist kein Geheimnis: Seit dem Beitritt zum Schengenraum ist der Tallinner Hafen für Finnen ein Einkaufsparadies geworden – und für Estland eine lukrative Einnahmequelle. Sobald man das Fährterminal verlässt, bieten dutzende Geschäfte feil, was dem Kunden gefällt: darunter Kosmetik, Süßwaren und natürlich Alkohol, Alkohol, Alkohol.

Sprachgewandtes Personal bedient die Gäste auf Finnisch. Vorteilspacks mit Bier oder Schnaps können reisefertig erworben werden – inklusive Handwagen.

Der Alkoholkauf in Estland ist für Finninnen und Finnen unkompliziert: Hochprozentiges erhält man nicht im staatlichen Monopolgeschäft, wie es in Finnland üblich ist, sondern in jedem Supermarkt. Allein im Mai 2017 überquerten mehr als 8,3 Millionen Liter Reinalkohol den Meerbusen.

Über zwei Drittel aller finnischen Estlandtouristen gaben im selben Jahr an, Alkohol mitgebracht zu haben. Aber auch Lettland ist inzwischen in das Spiel eingestiegen – und Bier und Wein werden zum Spielball.

Das hochprozentige Geschäft ist für die baltischen Staaten eine Medaille mit zwei Seiten: Einerseits ist ihre Wirtschaft auf die Steuereinnahmen angewiesen, andererseits birgt der Alkohol eines ihrer
größten Gesundheitsrisiken.

Die drei Länder liegen in der EU im Pro-Kopf-Verbrach von Alkohol auf den vorderen Rängen – Litauen führt die Rangliste sogar an. Gerade im Straßenverkehr ist der Alkohol weiter eine große Bedrohung.

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Als Reaktion auf dieses Problem sind die baltischen Alkoholvorschriften mittlerweile deutlich strenger als in Deutschland: Der nächtliche Verkauf in Supermärkten ist untersagt, für Zuwiderhandlungen drohen empfindliche Geldstrafen, Reklame ist streng reglementiert und in vielen Fällen verboten.

Doch alleine die PR-Abteilungen der lokalen Brauereien fanden schon bald Grauzonen: Unterdessen prangen auf den Werbebannern in Tallinn und Riga ausschließlich alkoholfreie Biere – und werben damit indirekt für ihr alkoholisches Pendant.

Umso weniger verwundert es, dass auch die baltischen Regierungen in den letzten Jahren die Steuern auf alkoholische Produkte erhöhten, um ihre Landsmänner und -frauen vom Trinken abzuhalten. Estland und Lettland liegen heute über dem EU-Schnitt auf dem sechsten respektive neunten Rang.

Zum Vergleich: Deutschland liegt in der unteren Hälfte, die hiesigen Preise machen gerade einmal 89 Prozent des Durchschnitts aus.

Im Jahr 2017 wollte man in Tallinn das Thema Alkohol angehen – und zwar im großen Stil: Der Kampf gegen den Alkoholmissbrauch fand kurzerhand seinen Platz auf der Agenda der estnischen Ratspräsidentschaft. Auch in der heimischen Bepreisung ging man mit weiten Schritten: Die Steuern für Bier, Schnaps und Wein wurden deutlich angehoben.

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Der Hafen von Tallinn ist lediglich drei Fährstunden von Helsinki entfernt. In Verbindung mit ein bisschen Altstadtbummel lohnt sich der Alkohol-Großeinkauf. (Foto: lassaffa)
Die Folgen ließen jedoch nicht lange auf sich warten: Der Grenzverkehr ins preisgünstigere Lettland nahm sprunghaft zu und sogar hartgesottene Tagestouristen aus Finnland fuhren für ihre Großeinkäufe nun nicht mehr nur nach Tallinn, sondern nahmen gleich die Tagesreise hinter die lettische Grenze in Kauf.

Die estnische Industrie- und Handelskammer kritisierte die Steuererhöhung aufs Schärfste: Sie sei gut gemeint, aber zu stark – schließlich betrug die Steigerung alleine bei Bier 90 Prozent des geltenden Steuersatzes. Auch in der Bevölkerung erregte der Preisanstieg Unmut.

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Im Februar 2018 – am Höhepunkt des Grenzgeschäfts – fand sich eine ungewöhnliche Protestgruppe zusammen: Am Unabhängigkeitstag Estlands bewegte sich ein Autokonvoi in Richtung Lettland. Mit dem demonstrativen Einkauf beim Nachbarn protestierte man gegen die hohen Preise – und das am höchsten Staatsfeiertag.

Wenig überraschend wurde der Alkohol 2019 zum Wahlkampfthema erkoren: die rechtspopulistische EKRE (Estnische Konservative Volkspartei) versprach eine Senkung der Besteuerung. Wenn auch ohne den Alkohol beim Namen zu nennen, schaffte es ihre Forderung in den Koalitionsvertrag: „Wir setzen es uns zum Ziel, Steuereinnahmen zurückzubringen und den Grenzhandel durch Steuersenkungen abzufedern.“

Die Minderung von 25 Prozent trat zum Juli 2019 in Kraft. In Riga aber zog die Saeima, das lettische Parlament, sofort nach. Das Haushaltsloch, das man wegen des estnischen Vorhabens befürchtete, betrug über 90 Millionen Euro.

Am achten Juli, sieben Tage nach Estlands Vorsprung, stimmten die Abgeordneten für eine temporäre Kürzung bei Spirituosen. Ihr Steuersatz wurde um 15 Prozent abgesenkt, um den Ausfall an Einnahmen abzumildern.

Ende Februar 2020 lief die Übergangsregelung aus. Der Übergang auf eine neue Besteuerung wurde in der Saeima scharf diskutiert. Mārtiņš Bondars, Vorsitzender des Haushalts- und Finanzkomitees, betonte die Bedeutung der Zusammenarbeit mit Estland: Man sei auf die Kooperation angewiesen, um Steuerkämpfe zu vermeiden. Am 1. März wurde der geltende Alkoholpreis in Lettland schließlich abgelöst.

Mit der lediglich fünfprozentigen Steigerung ging man einen Kompromiss ein: Der Grenzverkehr aus estnischer Richtung blieb lukrativ, war aber in der Zwischenzeit deutlich gesunken. Dem Meinungsforschungsinstitut Kantar Emor zufolge war der Boom im Grenzverkehr nun bereits vorbei.

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Während im August 2018 ein Viertel aller Esten in Lettland einkauften, sank ihr Anteil auf nunmehr 18 Prozent. Alkohol wird in Finnland, Estland und Lettland nicht nur ein gesundheitliches Risiko bleiben, sondern auch ein politisches.

Lauri Beekmann, Direktor des Nordischen Netzwerkes für Alkohol- und Drogenpolitik, sprach sich Euronews gegenüber für ein gesamteuropäisches Vorgehen aus: „Finnland ist viel reicher als Estland. Est ist einfach unmöglich, dass wir Steuerlevel alleine harmonisieren. […] Sicherlich ist grenzüberschreitender Handel Teil der EU. Aber bei besteuerten Gütern wie Alkohol birgt der Handel eben enorme Probleme.“

Der Reinkonsum von Alkohol ist in den baltischen Ländern und Finnland im EU-Vergleich hoch – ähnlich wie in Deutschland. Doch das Trinkverhalten unterscheidet sich: Hierzulande konsumiert man in geringen Abständen vor allem niedrigalkoholische Getränke wie Bier und Wein.

In den baltischen Ländern und Finnland liegt der Anteil an Spirituosen deutlich höher, auch wenn dort weniger häufig zur Flasche gegriffen wird. Die gesundheitlichen Folgen sind enorm: Im Ranking der alkoholbedingten Todesfälle liegen die baltischen Länder in der EU auf den drei Spitzenplätzen, Finnland auf Platz 10.

Die Regeln zu Alkoholverkauf, -werbung und -konsum wurden in den Ländern unlängst verschärft. Lettland hat sich dabei das ehrgeizigste Ziel gesetzt: Bis 2065 soll die Zahl der exzessiven Tabak- und Alkoholnutzer in Lettland bei nur noch einem Prozent liegen.

Marcel Knorn

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