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Getäuscht vom milden Dezember

Estland: Viele Zugvögel blieben zum Überwintern – dann kam die Kälte

Es ist glücklicherweise kein großes Tierdrama, das sich da gerade in Estland abspielt. Aber es ist eine Episode, die ganz gut zeigt, wie schwierig einschätzbar das Klima im Norden Europas selbst für die besten aller Wetterexperten geworden ist: die Stare.

Zugvögel im Winter
Stare entschieden sich dafür, in Estland zu überwintern. (Foto: Dave, CC BY-NC-ND 2.0)
Denn normalerweise machen sich die Zugvögel gegen Ende des Jahres zuverlässig auf den langen Weg in wärmere Gefilde. Rund um den Oktober ist das der Fall, wenn sich zumindest die Nachttemperaturen in Estland zuverlässig in Richtung 0-Grad-Marke verabschieden bzw. verabschiedet haben.

Inzwischen ist das anders. Der Winteranfang 2020 war einmal mehr ausgesprochen mild. Eher 10 als 0 Grad Celsius, was wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge viele Stare dazu bewogen haben dürfte, einfach auf den langen Flug in den Süden zu verzichten. Getreu dem Motto: Wird schon werden.

Ornithologe Margus Ots dazu: „Ende 2020 war es sehr warm, gerade im Dezember. Bis weit in die erste Januarhälfte hinein gab es im westlichen Teil Estlands keinen Schnee.“ Deshalb, so Ots, sei es nur zu verständlich, dass die Stare auf ihre Wanderungen zu den Britischen Inseln, nach Nordfrankreich oder Dänemark verzichtet haben.

Geworden ist es dann aber doch noch bitterkalt. Erst spät im Winter, im Februar genau, weshalb die Stare nun seit ein paar Wochen auf alte Tricks zurückgreifen müssen, um futtermäßig über die Runden zu kommen.

Durch die Suche auf Müllhalden beispielsweise oder die Orientierung in städtische Gebiete und an die Küste, wo es einerseits wärmer ist und andererseits gerne mal was Essbares liegen bleibt. Geradezu prädestiniert ist das an der estnischen Westküste gelegene Seebad Pärnu.

„Früher gab es in dieser Region vielleicht ein paar Dutzend Stare, die überwintert haben“, sagte Vogelbeobachter Raivo Endrekson im Interview mit ERR.ee. Doch nun scheine die Zahl eher bei einigen Tausend Vögeln zu liegen, „allein in Pärnu“. Und mit jedem Frosttag würden es mehr.

Das Entscheidende: Ist das nun alles ein Grund, sich um die gesamte Star-Population in Estland Sorgen zu machen? „Nein“, sagt glücklicherweise Vogelkundler Ots. „Stare kommen mit den Bedingungen prinzipiell gut zurecht, sie finden ihre Nahrung.“ Dennoch sei je nach Fortverlauf des Winters nicht auszuschließen, dass etliche auch nicht durchkämen. Bei anhaltendem Frost „wäre das leider so.“

Hoffen wir also auf milderes Wetter, damit es nicht so kommt. Und darauf, dass der Star irgendwann noch einmal einer seiner besten Funktionen nachkommen kann: den Frühling ankündigen. Das kann er nämlich nur, wenn er zwischendurch auch mal weg ist.

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sh

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