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Ein Kommentar aus England

Tag 950 der Brexit-Tragikomödie

Der Brexit-Beschluss verursacht seit geraumer Zeit Chaos und dominiert die britische Politik. Wenn er nicht das Potential für verhängnisvolle Folgen hätte, wäre es vielleicht eine unterhaltsame Komödie. Der schwärzeste britische Humor in Aktion!

Big Ben Brexit
Tickt der Big Ben noch richtig? (Foto Pexels)

Seit längerem bin ich bemüht, einen Artikel über jenes Chaos zu schreiben. Jedoch fällt es mir schwer, da jeden Tag ein neuer Schlag dazukommt.

Letzte Woche hat die BBC Leute aus dem gemeinen Volk dazu interviewt, was sie unter Begriffen wie „Withdrawal Agreement“, „No Deal“, „Customs Union“, „Political Declaration“, „Backstop Plan“ und „Irish Border“ verstehen. Die Antworten waren so absurd, dass ich nicht wusste, ob ich lachen oder weinen sollte.

Das waren Menschen, die im Referendum im Juni 2016 gewählt haben. Sie wussten nicht, was die Zollunion ist. Unter „Keinem Abkommen“ verstand eine Person, dass es wohl bedeute, dass der Brexit doch nicht stattfinde. Den „Backstop“ konnte niemand erklären, obwohl er in den Nachrichten mehrmals täglich erwähnt wird. Ein Mann war sehr ehrlich und gab zu, er habe von alledem keine Ahnung. Ihm wurde gesagt, er soll „raus“ (aus der EU) wählen. Aua!

Nun hat die BBC einen Guide ins Internet gestellt, wo der Brexit-Jargon erklärt wird. Die gesamte EU hätte der Bevölkerung allerdings vielleicht besser vor der Abstimmung, vor 950 Tagen, erklärt werden sollen.

In Westminster versammeln sich täglich die Demonstranten, und streiten. Im Parlament versammeln sich fast täglich die Politiker, und zerfetzen sich. Nicht nur unter den Parteien, sondern auch innerparteilich. Theresa May tut einem fast schon leid.

Heute gibt sie sich allerdings siegessicher. Das zerstrittene, sich schlimmer als streitende Kleinkinder benehmende Parlament hat Anfang der Woche ein paar Einigungen errungen. Knapp, aber immerhin. Ein Lichtblick. Bis man genau hinblickt.

Einen „No Deal“ (kein Abkommen) soll es nicht geben. Hurra!

Warte, halt! Die nächste Übereinstimmung: Der „Backstop“ muss mit der EU neu verhandelt werden. Was? Also doch „No Deal“?

Die EU will nicht nachverhandeln, das Austritts-Abkommen ist abgeschlossen und abgesegnet. Ist ja nicht so, also ob die EU nichts anderes zu tun hätte. Außerdem hat die EU auch noch nie gesagt, dass sie nicht nachverhandeln möchte. Wo kommt das auf einmal her? Die böse, schlimme EU!

Sie ist schuld an den ganzen Immigranten, die Arbeitsplätze klauen oder schlecht bezahlter machen. Sie ist schuld an der Armut in Teilen Großbritanniens. Sie ist schuld daran, wie Obst aussehen muss, und dass der NHS kein Geld hat. Nun ist sie so dreist, dass sie nicht noch einmal verhandeln möchte. Dabei hat die Verhandlung nur zwei Jahre gedauert.

Irland wird nun immerhin manchmal in den Nachrichten erwähnt. Vorher wurde alles auf „Brüssel“ geschoben.

Irland möchte keine harte Grenze auf seiner Insel. Darin wird es von der restlichen EU unterstützt. Das „Good Friday Agreement“ ist den gemeinen Briten wohl auch kein Begriff. Kein Brexiteer weiß eine Antwort auf die Irland-Frage. Aber der Backstop muss weg!

Schottland ist den Brexiteers auch egal. Wen kümmert es, dass die Schotten gegen einen Austritt aus der EU gestimmt haben, und von Einwohnern aus der restlichen EU profitiert?

Schottland und Nordirland sind irrelevant. Aber wehe, das zerstrittene Königreich ist der EU egal!

Wie geht es nun weiter? Ich wünschte, ich hätte eine Glaskugel und könnte in die Zukunft sehen. Eigentlich hoffe ich immer noch, dass ich aufwache und alles nur ein Albtraum war.

Lesen Sie auch: Ein Mal Brexit, bitte. – Auf „Nummer sicher“ gehen und Deutsche werden

Pia Kurtsiefer

Über die Autorin
Vor 14 Jahren zog Pia Kurtsiefer aus dem Rheinland nach London, um als Lehrerin in einer Schule für autistische Kinder zu arbeiten. Heute lebt sie mit Kind und walisischem Mann in Hertfordshire. Für NORDISCH.info schreibt sie die Serie „Briefe aus England“.
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