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Kommentar

Neuer blauer Pass soll Britannien erretten

Eines meiner Lieblingsthemen bei der Brexit-Debatte war immer das um die Farbe des britischen Reisepasses. Als Freiheitssymbol scheint er von manchen Leavern gesehen zu werden. „Wir holen uns unsere Souveränität zurück“, sagen sie, und die blaue Farbe des Passes beweist es.

Blauer britischer Pass
Innenministerin Priti Patel präsentiert den neuen britischen blauen Pass.
(Foto: Home Office)
Eine der Politikerinnen mit der größten Identitätsstörung in Großbritannien müsste momentan Priti Patel sein.

Sie hat als Innenministerin kürzlich das neue Einwanderungssystem der Insel vorgestellt. Dem neuen Gesetz nach hätten ihre eigenen Eltern nicht nach Großbritannien einwandern dürfen. Ihre indischstämmigen Eltern kamen in den 1960er Jahren aus Uganda nach Hertfordshire.

Das musste sie in einem LBC Interview einem fassungslosen Nick Ferrari erklären, was ihr nicht recht gelingen wollte. Nick Ferrari sagte darin, dass sein eigener Vater wahrscheinlich auch nicht nach Großbritannien hätte kommen dürfen, wären die neuen Regelungen damals in Kraft gewesen.

Zivilisatorischer Rückschritt, getarnt als technologischer Fortschritt

Priti Patel macht lieber weiter Symbolpolitik und feiert ihren blauen Pass als ein noch nie dagewesenes Wunder der Technik („Our new blue passports will be the most technologically advanced …“).

Meine Freude war darum groß, als ich letztes Wochenende in einem Artikel der BBC ihr zufriedenes Grinsen sah, einen dunkelblauen Pass in den Händen.

Es wird die erste Passänderung der Briten seit 30 Jahren sein, wie aufregend! Viele Menschen, die jahrelang traurig waren, dass ihr Pass farblich zu europäisch und veraltet wirkt, können endlich einen Pass bekommen, der ihrer Inselmentalität gerecht wird.

Gold ist auch noch darauf. Dunkelblau mit goldener Schrift und Verzierungen, das alte kultige Wahrzeichen Großbritanniens, durch den Brexit wieder ins Leben gerufen! Die nationale Identität der Briten ist damit gerettet, so verkauft es Patel ihren Anhängern. Und sie kaufen es ihr ab.

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Währenddessen teilen manche Beamten der royalen Melde- und Passämter ihre xenophoben Spitzen aus. Als John Spier kürzlich den Pass seiner Tochter erneuerte, bekam er den neuen Pass mit einem Post-it daran zurück, darauf stand: „Elternteil im Ausland geboren“.

Nachdem der blaue Pass erstmals im Dezember 2017 angekündigt wurde, soll er nun ab nächstem Monat Realität werden. Allerdings werden vorerst sowohl die neue als auch die alte Variante gedruckt werden.

Erst ab dem Sommer werden alle neuen Pässe blau sein. Umweltfreundlich werden sie auch sein, indem Bäume gepflanzt werden. Wie genau das geht und wo diese ganzen Bäume zusätzlich zu den ohnehin geplanten gepflanzt werden, wurde nicht verraten. Zum guten Schluss sollen es die fälschungssichersten Pässe sein, die es je gegeben hat.

Allerdings können diese neuen Pässe etwas Entscheidendes nicht: Sie geben dem Besitzer nicht das Recht, in 27 Mitgliedstaaten der EU und anderen angegliederten Ländern, zu wohnen und zu arbeiten.

Ironischerweise profitiert ein französisches Unternehmen von den neuen Pässen der Briten.

Und die vernunftbegabten Briten? Ihnen bleibt vorerst nur ihr berühmter Humor.

Pia Kurtsiefer

Über die Autorin
Vor über 15 Jahren zog Pia Kurtsiefer aus dem Rheinland nach London, um als Lehrerin in einer Schule für autistische Kinder zu arbeiten. Heute lebt sie mit Kind und walisischem Mann in Hertfordshire. Für NORDISCH.info schreibt sie die Serie „Briefe aus England“.
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