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Der „Cerne Abbas Giant“ in Dorset

England: In Kreidehügel gehauener 55-Meter-Nackedei stammt (wohl) aus dem Mittelalter

Laut BBC-Bericht glaubt ein Archäologen-Team aus England, ein lange offenes Rätsel gelöst zu haben. Protagonist und Geheimnisträger der Forschung ist der „Cerne Abbas Giant“, eine etwa 55 Meter (180 Fuß) messende Nacktdarstellung, die ganz unzweifelhaft männlicher Natur ist.

Bildergalerie

Slide In Kreidefels gehauen: Wunderbare Luftaufnahme des Naturmonuments in Dorset. (Foto: National Trust) Cerne Abbas Giant 3 Slide Die Archäologen im März 2020 bei der Entnahme von Bodenproben. (Foto: Ben Thomas) Cerne Abbas Giant 9 Slide Begehbarer Genitalbereich des "Cerne Abbas Giant". (Foto: SiGarb) Cerne Abbas Giant 4 Slide Knochenjob mit großer Wirkung: Neue Theorien zum Monument lassen aufhorchen. (Foto: Ben Thomas) Cerne Abbas Giant 2 Slide Zeichnung des "Cerne Abbas Giant" aus dem Jahr 1794. (Darstellung: The Gentleman's magazine) Cerne Abbas Giant 6 Slide Die Pflege eines 55-Meter-Naturmonuments ist nur im Team möglich. (Foto: National Trust) Cerne Abbas Giant 7 Slide Schwer gezeichnet: Der leitende Archäologe fertigt vor Ort Skizzen an. (Foto: National Trust) Cerne Abbas Giant 8 Slide Restaurierungsarbeiten "im Schritt" des Giganten. (Foto: Nigel Mykura / CC BY-SA 2.0) Cerne Abbas Giant 5 Slide Vor Ort weisen Schilder den Weg zum "Giant Hill". (Foto: National Trust) Cerne Abbas Giant 1 Slide Und abschließend nochmals die Westansicht von oben. (Foto: Pete Harlow / CC BY-SA 3.0) Cerne Abbas Giant 11

Weit weniger eindeutig ist hingegen, wann genau der Gigant in seinen Kreidehügel in der südenglischen Grafschaft Dorset gehauen worden ist – eine Frage, über die sich die Gelehrten in England schon seit Jahren streiten.

Daher machte sich vor gut einem Jahr ein Team von Geoarchäologen ans Werk, die Angelegenheit mit einem neuen Zeitfenster zu versehen. Dazu wurden Bodenproben genommen und analysiert, die Erstaunliches nahelegen: Und zwar, dass bisher alle Theorien weit danebengelegen haben dürften.

Die einen nämlich, die stets davon ausgingen, der Cerne Abbas Giant sei prähistorisch entstanden, also potenziell deutlich vor dem Mittelalter. Genauso wie das andere Lager, das bislang der Meinung war, die Kreidedarstellung sei irgendwann nach dem Mittelalter entstanden.

„Beides scheint falsch“, sagte nun der an den Untersuchungen beteiligte Geoarchäologe Mike Allen, „was unsere Ergebnisse natürlich umso aufregender macht.“ Der Cerne Abbas Giant, da ist sich Allen sicher, muss zeitlich quasi mittendrin entstanden sein. Also im Mittelalter.

Genauer gesagt wurde die männliche Darstellung laut Analyse der entnommenen Bodenproben mit hoher Wahrscheinlichkeit in der angelsächsischen Periode geschaffen (410 bis 1066 n. Chr.), was ungefähr mit dem Frühmittelalter gleichzusetzen ist.

Eine Technologie, mit der sich die letztmalige Sonnenlicht-Bestrahlung einzelner Sandkörner messen und rückdatieren lässt, hatte aus Sicht der Forscher die entscheidenden Hinweise für die neue Theorie geliefert.

Und die Nachforschungen förderten eine weitere Theorie zu Tage. Nämlich die, dass der heute wahrlich nicht zu übersehende Riese aus Dorset über Generationen hinweg in Vergessenheit geraten sein könnte. Aus bislang völlig unbekannten Gründen.

Für diese Theorie sprechen vor allem auffällige epochale Lücken, die das Forschungsteam in den Archiven der Region feststellte. Zeiträume also, in denen die so prominente Aktdarstellung keinerlei Erwähnung findet.

Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, sind sich die Forscher sicher. Es sei denn, der Cerne Abbas Giant war in diesen Perioden nicht nur aus dem Blick, sondern auch aus den Köpfen der Menschen in Dorset verschwunden.

Die erste dokumentierte Aufzeichnung findet sich erst in einem kirchlichen Bericht aus dem Jahr 1694, in dem auf laufende oder soeben abgeschlossene Reparaturarbeiten am Riesen eingegangen wurde.

Laut BBC war der Bericht stets ein starkes Argument für diejenigen, die auf eine post-mittelalterliche Entstehung pochten. Noch in den Chroniken des 16. Jahrhunderts sieht es so aus, „als ob der Riese nicht existent sei“, sagt Martin Papworth, leitender Archäologe des National Trust. Kein Cerne Abbas Giant, nirgends.

Also müsse es Gründe geben, weshalb die Lage in den Archiven die technisch basierten Erkenntnisse der letzten Monate nicht annähernd widerspiegele, sagt Papworth und gelangt in seiner Eischätzung zur einzig plausiblen Erklärung: der jahrhundertelangen Vergessenheit des nackten Riesen aus Dorset.

„Nur das würde erklären, warum er weder in sämtlichen Aufzeichnungen der nahegelegenen Abtei noch in irgendwelchen Vermessungen auftaucht“, folgert Papworth – bis irgendjemand den Giganten irgendwann wiederentdeckt haben muss.

Es bleiben also noch ein paar Fragen offen in dieser spannenden Angelegenheit, worüber man sich als archäologischer Zaungast fast freuen muss. Der wissenschaftliche Streit um den Cerne Abbas Giant scheint noch lange nicht vorbei.

Man kann den Giganten übrigens besuchen. Er befindet sich in Cerne Abbas, einem kleinen Örtchen im Zentrum von Dorset. Weitere Infos zur Anreise und zur aktuellen Forschung finden sich auf der Webseite des National Trust.

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sh

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