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Neue Erkenntnisse

England: Darum schrieben Juristen jahrhundertelang auf Schafsfell-Pergament

Eine neue Studie zu britischen Rechtsdokumenten kommt zu dem Schluss, dass ein Großteil der Texte ab dem 16. Jahrhundert (quasi bis zum Papiereinsatz) auf Schafsfell-Pergament geschrieben wurde.

Pergament
Lateinisches Stipendium von 1329, geschrieben auf feinem Schafsfell-Pergament, mit Siegel. (Foto: Llyfrgell Genedlaethol Cymru / The National Library of Wales, CC0 1.0)
Gut, Pergament ist bearbeitete Tierhaut, das ist soweit geläufig. Aber weshalb gerade für wichtige Rechtsdokumente ein hoher Schafsfell-Anteil in der Schreibunterlage benötigt wurde, war bislang ein Rätsel.

Wissenschaftler der University of Exeter sind dem Ganzen nun auf den Grund gegangen und zu einer Erklärung gelangt, die sowohl einleuchtend als auch ziemlich clever klingt. Der Reihe nach…

Laut einem Beitrag des Fachmagazins Sciencenews.org muss man zunächst einmal wissen, dass der Fettanteil im Schafsfell bei etwa 30 bis 50 Prozent liegt.

Um schreibfähiges Pergament zu erhalten, brauchte man jedoch einen Fettanteil nahe Null, weshalb der unerwünschte Zusatz früher bei der Produktion mithilfe von Kalk abgeschieden wurde – übrigens genauso wie bei Rinderfell, dessen Fettanteil bei lediglich zwei bis drei Prozent liegt.

Beim fettreichen Schafsfell führte dieser Abscheideprozess jedoch zu einer Eigenschaft, die Rechtsgelehrten in der damaligen Zeit scheinbar prima in die Karten spielte.

Denn die einzelnen Schichten des Schaf-Pergaments wiesen nach der künstlichen Abmagerung deutlich weniger Bindekraft auf, als es bei naturmageren Pergamenten der Fall war.

Nun der Clou: Für einmaliges Beschriften (also den juristischen Originaltext) reichte diese Bindekraft völlig aus. Schwierig wurde es jedoch bei Verbesserungen oder aber nachträglichen Änderungen, da die mangelnde Bindekraft hier zum Ablösen oder Verschieben einzelner Pergamentschichten führte – und damit zu einem klar atypischen Schriftbild.

Aus diesem Grund konnten mithilfe von Schafsfell-Pergament selbst Laien erkennen, dass mit dem wichtigen Dokument etwas nicht ganz stimmte.

Wirkten also Passagen der Rechtsdokumente vom Schriftbild her unsauber, nicht in Reih und Glied oder brüchig, mussten sie nachbearbeitet und womöglich verfälscht worden sein.

Für die Forscher der Uni Exeter ist damit praktisch erwiesen, dass Schafsfell-Pergament sozusagen einen integrierten Betrugsschutz hatte und somit prädestiniert war, vorrangig bei wichtigen Dokumenten zum Einsatz zu kommen.

Untersucht haben die Forscher insgesamt 645 Rechtsdokumente, die ausgehend vom 16. Jahrhundert verfasst worden sind. Proteinanalysen ergaben, dass bei 622 dieser Dokumente – also bei 96 Prozent – Schafsfell-Pergament zum Einsatz gekommen war.

„Wir wissen so wenig über diese Dokumente, obwohl es Millionen davon gibt“, teilte der Archäologe Sean Doherty, einer der Autoren der Studie, in einem Statement mit. Untersuchungen wie diese, so Doherty, würden alte Rechtsbibliotheken nachträglich in „biomolekulare Archive“ verwandeln.

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sh

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