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„Das ist so noch nie gemacht worden“

Dänemark: Forscher wollen Führungsstil der Wikinger aufdecken – und mit plumpen Klischees aufräumen

Saufende Horden im Blutrausch? Über die Lebens- und Arbeitsweisen der Wikinger gibt es Füllhörner voller Vorurteile, was ein großes Forschungsprojekt in Dänemark nun zumindest mit Blick auf die Führungskultur der Nordmänner korrigieren will. Und zwar quer durch die gesellschaftlichen Ebenen.

Wikinger
Führungsfrage: Wie (gut) waren die Wikinger auf ihren Raubzügen quer durch Europa organisiert? Die faktischen Erfolge sprechen eine andere Sprache als manches Klischee, das über die Nordmänner nach wie vor kursiert. (Foto: WFlore)

Denn legt man faktisch zugrunde, dass den Wikinger erfolgreiche Raubzüge durch große Teile Europas gelangen, kann dies nach Ansicht eines internationalen Teams von Archäologen nur das Ergebnis von Professionalität, Führungsstärke und guter Organisation gewesen sein – und zwar bis ins letzte Glied.

Bekannt ist: Die Gesellschaft der Wikinger war um verschiedene Machthaber herum aufgebaut, wobei es neben Königen und Fürsten am unteren Ende der Hackordnung eine bäuerliche Mehrheit gab, die den Quellen nach flachhierarchisch und im Allgemeinen einfach organisiert war.

„Gerade die untere Ebene der Wikingergesellschaft ist wissenschaftlich bislang unterbelichtet“

Aber war sie auch frei von guter Führung? Oder zuweilen frei von der Fähigkeit zu planvoll-maßvollem Vorgehen, was in eher platten Stereotypen aus der Wikingerzeit zum Ausdruck kommt? Klares Nein, lautet die Arbeitsthese für das nun anlaufende Forschungsprojekt.

„Gerade die untere Ebene der Wikingergesellschaft ist wissenschaftlich bislang unterbelichtet, denn der Fokus liegt allzu oft auf den Machthabern bzw. der Elite“, drückt es Historiker Kasper H. Andersen aus. Er ist Archäologe am Moesgaard Museum und Teilnehmer des Forschungsprojekts.

Er benennt dies klar als „eine unglückliche Tendenz, da es leicht zu Missverständnissen führt, wenn die Beschreibung der allgemeinen Führungsideale und -praktiken einer Gesellschaft rein auf den Sichtweisen und Methoden der Elite basiert.“ Ein zeitlos interessanter Punkt, den er da aufgreift.

„Klare Antworten dazu gibt es allerdings noch nicht“, sagt Morten Ravn, Archäologe und Kurator am Wikingerschiffsmuseum in Roskilde. Auch er ist Teil des Forscherteams, das sich aus Archäologen der Universität Island, der Universität Kopenhagen und des dänischen Nationalmuseums rekrutiert.

Projektname ist Programm: „Wissen, Mut und List – Nordische Führungsideale und -praktiken…“

Auch abseits im Ergebnis großer Eroberungen mussten nach Ansicht der Forscher die Wikinger im Kleinen gut, möglicherwiese bestens organisiert arbeiten. Beispielsweise, damit ihre Flotten inmitten der offenen, zuweilen tobenden See im Verbund arbeiteten und das Ziel fanden.

Die forschungsleitende Frage lautet nun, wie genau die Wikinger den modernen Begriff der Führung für sich verstanden und anwandten. Exakt hierum geht es bei dem Projekt „Wissen, Mut und List – Nordische Führungsideale und -praktiken in der späten Wikingerzeit und im Frühmittelalter“.

„Ohne eine gute Führung kann man die Expeditionen, die sie unternommen haben, nicht plausibel erklären. Und ohne sie kann man den Nordatlantik nicht besiedeln oder Entdeckungsreisen unternehmen“, sagt Ravn, der das Projekt leitet.

Um das bis dato dünne Wissen dazu nach Möglichkeit deutlich anzureichern, werden er und sei Team in den kommenden Monaten zahlreiche Quellen lesen und interpretieren, aus denen hervorgeht, wie die Wikinger selbst zwischen 950 und 1250 nach Christus über „Führung“ geschrieben haben.

Ziel ist eine Art Ratgeber darüber, was die Wikinger für gute und schlechte Führung hielten

„Wir werden versuchen, eine Art Ratgeber darüber zu erstellen, was die Wikinger nach eigener Aussage für gute und schlechte Führung hielten. Das ist so noch nie gemacht worden“, schildert Ravn den Forschungsanspruch.

Eine Hoffnung beruht auf der Lektüre sogenannter Fürstenspiegel, die eine Art Lehrbuch für Anführer der damaligen Zeit waren. Darin war niedergeschrieben, wie man sich in verschiedenen Kontexten bestenfalls verhalten sollte.

„Der Fürstenspiegel ist Teil einer europäischen Tradition, in der künftigen Anführern ganz genau beschrieben wurde, was sie zum Beispiel bei der Instandhaltung von Schiffen zu tun hatten. Oder wie sie eine gute Mannschaft anwerben konnten“, sieht Ravn hier laut DR.dk vielversprechende Quellen.

Allerdings waren die Anforderungen an Anführer in der wikingerzeitlichen Gesellschaft sehr unterschiedlich. „Das genau ist der Grund, weshalb die Forschungsarbeit so komplex wird“, sagt Ravn. Er und sein Team haben nun bis 2026 Zeit, die passenden Ergebnisse zu liefern.

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