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„Böswillige Versuche, Weißrussland zu strangulieren“

Litauen: Lukaschenko verteidigt Flugzeug-Kaperung mit Tirade gegen den Westen

An Tag drei nach der erzwungenen Landung einer Ryanair-Maschine in Belarus, die wenig später im litauischen Vilnius hätte landen sollen, hat sich nun der weißrussische Staatschef Alexander Lukaschenko zu Wort gemeldet.

weissrussland protest
Recht eindeutiger Frauenprotest in Minsk gegen den Präsidenten, der 2020 auf mysteriöse Weise wiedergewählt wurde. Ob Alexander Lukaschenko wohl Spaß versteht?(Foto: Jana Shnipelson)
Eine mit Spannung erwartete Rede vor Parlamentariern nutzte Lukaschenko laut Medienberichten nicht nur zur Verteidigung der Kaperung des Flugzeugs, sondern holte dabei auch zum rhetorischen Schlag gegen den Westen aus.

Die Sanktionen des Westens seien der „böswillige Versuch, Weißrussland zu strangulieren“, soll Lukaschenko laut der staatlichen Nachrichtenagentur Belta in seiner Rede gesagt haben.

„Wie von uns vorausgesagt, haben unsere Feinde im In- und Ausland ihre Methoden des Angriffs auf unseren Staat geändert. Sie haben viele rote Linien sowie Grenzen des gesunden Menschenverstandes und der menschlichen Moral überschritten“, wird Lukaschenko weiter zitiert.

Es sind bewusst harte Worte, die Lukaschenko wählt, um sich in dieser Angelegenheit zumindest intern die Deutungshoheit zu sichern. Denn extern – sprich: im (westlichen) Ausland – stehen die Dinge längst diametral entgegengesetzt zur Sichtweise des weißrussischen Präsidenten. Was auch sonst, angesichts der Faktenlage?

Als „völlig unplausibel“ hat beispielsweise Bundeskanzlerin Angela Merkel inzwischen erste Verlautbarungen aus Minsk bezeichnet, in denen es hieß, man habe den Flug wegen einer möglichen Bombe an Bord umleiten und zur Landung zwingen müssen.

Die Bombe an Bord dürfte aus Sicht Weißrusslands wohl eher eine Person mit Namen Raman Protasewitsch gewesen sein. Der Lukaschenko-kritische Blogger war zusammen mit seiner Freundin Sofia Sapega auf dem Weg von Griechenland nach Litauen – und flog dabei blöderweise über weißrussischen Boden, als es zu der erzwungenen Umleitung kam.

Bei der stundenlangen Aktion am Flughafen Minsk wurden Protasewitsch und Sapega dann in Gewahrsam genommen und müssen nun mit einem noch weit größeren Ausmaß an staatlicher Willkür rechnen, als es die Abfangaktion des Fluges bereits gewesen ist.

Alles Quatsch, entgegnet Lukaschenko, der behauptet, der Hinweis auf eine mögliche Bombe an Bord sei direkt aus der Schweiz gekommen. Man habe also „rechtmäßig gehandelt, um Menschenleben zu schützen“.

Und auch die Geschichte mit dem Kampfjet, der die Ryanair-Maschine zur Landung gezwungen haben soll, war laut Lukaschenko nichts als reine Lüge und Ausdruck des „hybriden Krieges“, der von außen gegen sein Land geführt werde.

Wie zum Beweis tauchte am Tag nach der Festnahme Protasewitschs ein Video auf, in dem er gestand, Massenproteste in Minsk organisiert zu haben. Es gehe ihm gut, sagte er auch noch, was sein Vater Dsmitri Protasewitsch in einem Beitrag bei Spiegel online postwendend bestritt.

Sein Sohn sei sichtbar unter Druck gesetzt und womöglich gefoltert worden, sagte er in einem Videostatement. „Das ist nicht die Art, wie er sonst redet, er ist nervös“, lautet die väterliche Einschätzung.

Außerdem habe er den Eindruck, im Gesicht seines Sohnes Spuren von Misshandlung erkannt zu haben. Die Nase sei möglicherweise gebrochen, „sie sieht jedenfalls anders aus“, sagte Dsmitri Protasewitsch, für den das Video seines Sohnes nichts anderes als billige weißrussische Propaganda darstellt – mutmaßlich erzwungen unter Folter und Schmerz.

Und so stehen einmal mehr im ost-westlichen Beziehungsgeflecht der letzten Jahre Aussagen und Interpretationen über einen Sachverhalt im größtmöglichen Gegensatz zueinander. Fast so, als könne man sich nicht mal mehr darauf einigen, dass der Himmel blau ist und die Wiese grün.

Unterdessen haben sich die EU-Staaten in einer ersten Reaktion darauf verständigt, der weißrussischen Fluglinie Belavia im Kollektiv die Landeerlaubnis zu entziehen. Raman Protasewitsch und Sofia Sapega wird das wohl wenig helfen, das weiß man auch in Brüssel.

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sh

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