Facebooktwitterpinterestinstagramrss

Roman von Ilmar Taska

Pobeda 1946: Keine Hoffnung, nirgends – Das estnische Trauma

22 Jahre dauerte die estnische Unabhängigkeit nach zuvor 700 Jahren wechselnder Fremdherrschaft, bevor das kleine Volk an der Ostsee 1940 eine sowjetische Okkupation mit anschließender Annektierung erfuhr. Die erhoffte Befreiung durch die Deutschen 1941 entpuppte sich recht schnell als neue Besatzung mit neuen Verlierern und endete 1944 abermals mit einer sowjetischen Besatzung, der Deportation tausender Esten nach Sibirien und einer massiven Einwanderung im Zuge der Russifizierungspolitik.

Pobeda 1946 Ilmar Taska
Der Roman „Pobeda 1946“ von Ilmar Taska. (Cover © Kommode Verlag)
Es ist 1946 in Estland, zwei Jahre nach der erneuten Besetzung durch die Sowjetunion, zu Beginn des Romans „Pobeda 1946“. „Pobeda“ bedeutet dabei nicht nur „Sieg“ auf russisch, sondern ist auch die sowjetische, automobile Antwort auf die Limousinen des Westens. Der Mann, der Abteilungsleiter bei der sowjetischen Geheimpolizei in Estland ist, bekommt ihn als Dienstwagen und streift damit durch die Gassen einer unbenannten Stadt. Immer auf der Suche nach Volksverrätern und potentiellen Spitzeln. Denn es gilt, das estnische Volk zu reinigen von den nationalen Ideologien, die kurzzeitig nach der Besatzung wieder aufkeimen und eine Gefahr für den großen Plan Stalins darstellen.

Bei seiner ersten Streiffahrt begegnet er zufällig dem Jungen. Der 6-jährige, dessen Vater im nationalen Widerstand war, lebt seit zwei Jahren mit seinen Eltern hinter zugezogenen Gardinen. Der Vater, versteckt im Hinterzimmer der elterlichen Wohnung, vegetiert zunehmend apathisch, rauchend vor sich hin, während die Mutter besorgt um Spitzel und Verräter nicht nur lautes Sprechen und Lachen daheim verbietet, sondern dem Jungen auch einschärft mit niemandem zu sprechen, seinen Namen niemandem zu nennen und kein Wort über den Vater zu verlieren.

Alle Weggefährten des Vaters sind längst deportiert, ermordet oder geflüchtet. Die Esten aus dem Widerstand sind zum Teil in die Wälder geflohen und leben als Waldbrüder im Untergrund. Doch weder die Flucht kurz nach der erneuten Annektion durch die Sowjets, noch die Flucht zu den Waldbrüdern schienen für die Eltern des Jungen eine gute Wahl zu sein.

„Sie hatten die letzten Boote nach Schweden davon ziehen lassen, die letzten Schiffe in den Westen, denn jedes zweite von ihnen wurde versenkt, und die Frau wollte ihren Sohn nicht in den Wellen verlieren. Lieber lebendig sein in einer schlechten Gesellschaftsordnung als sterben auf dem Weg in eine bessere.“

Als der Junge am Abend vor die Tür zum Spielen darf, treffen der Mann mit dem Pobeda und er aufeinander. Der Mann lockt das Kind in sein Auto, eine Attraktion in diesen Tagen. Denn so einen schönen Wagen sieht man nicht häufig, und bringt das Kind zum Plaudern, während er es das Lenkrad anfassen und das Radio aufdrehen lässt. Es ist ein einziger Satz des Jungen, der eine Abwärtsspirale in Gang setzt. Befragt nach seinen Eltern, sagt er: „Mein Vater geht gar nicht raus“ und schon am nächsten Tag wird dieser von einem schwarzen Kastenwagen, schwarze Raben genannt, abgeholt und fortgebracht.

Als Leser verfolgt man fassungslos, wie ein Drama dem nächsten folgt. Wie das Kind, ohne es zu bemerken, dazu benutzt wird, seine Eltern und später auch seine Tante zu verraten, die Johanna heißt und die Halbschwester der Mutter ist. Johanna und ihr Geliebter Alan, ein Radiomoderator der BBC aus London, sind dabei die einzigen Hauptfiguren mit einem Namen. Alle anderen bleiben namenlos, identitätslos, so wie auch das Sowjetregime alles aufwendet um die estnische Identität auszumerzen. Stattdessen begleitet man das Kind und seine Verwandten durch die Hoffnungslosigkeit der neuen Fremdherrschaft, die auch von dem Nachfolgestaat Russland bis heute nicht als Annektion anerkannt wird.

Von der Welt vergessen

Beim Lesen von Ilmar Taskas Roman nimmt die Beklemmung mit jeder Seite zu, keimt Hoffnung auf, um dann in nur größerer Ohnmacht zu enden. Wenn man weiß, dass die sowjetische Annektion erst 1991 endete, liest man Pobeda 1946 nicht mit allzu großer Hoffnung auf ein Happy End.

Und doch irrte ich mit den Figuren durch die Seiten, bangend um einen kleinen Hoffnungsschimmer. „Die Weltöffentlichkeit kann doch vor unserem Schicksal nicht die Augen verschließen!“ entfährt es einem Künstler an einem Bridgeabend mit Tante Johanna. Und doch hat sie es getan. Zu klein, zu unbedeutend in Zeiten des kalten Krieges war Estland. Und diese Ohnmacht scheint sich über die Jahrzehnte bis heute eingebrannt zu haben.

Man muss nur zur Krim blicken, um zu wissen, dass im Zweifel die Weltöffentlichkeit zwar Krimsekt boykottiert. Auf die Straße geht dafür hier jedoch niemand. Estlands Bevölkerung wurde im zweiten Weltkrieg und im anschließenden Besatzungsterror um ein Achtel reduziert, seine intellektuelle Elite wurde ausgelöscht und das inzwischen schon 28 Jahre erneut unabhängige Land hat bis heute nicht die Zahl seiner Vorkriegsbevölkerung wieder erreicht.

Doch Pobeda 1946 handelt nicht nur von der Vergangenheit. Auch wenn das heutige Russland nicht mit der damaligen Sowjetunion vergleichbar ist, so kann man doch Parallelen entdecken, die einen schaudern lassen.

Die schwere Kost jedoch lässt sich leicht lesen. Und so bin ich in zwei Tagen durch jenes Nachkriegsestland gerauscht, habe mit den Figuren gebangt und gefiebert, bis sie mich am Ende allein gelassen haben, wie die Welt seinerzeit Estland.

Ilmar Taska, der Autor von Pobeda 1946 ist ein estnischer Tausendsassa. Zu seinen Berufen zählen Filmregisseur, Drehbuchautor, Produzent und nicht zuletzt Schriftsteller. Der 1953 in Wjatka, im heutigen Russland, geborene Este, hat 1978 – nach einem Studium an der Moskauer Filmhochschule – eine Schwedin geheiratet und konnte die damals Estnische SSR durch Migration nach Schweden verlassen. 1985 erhielt er ein Stipendium, um in den USA unter anderem für Hollywood zu arbeiten. 2016 erschien sein Roman Pobeda 1946, der 2017 im Kommode Verlag in deutscher Sprache erschien. Ein Stück estnischer Zeitgeschichte und doch aktueller denn je.

Pobeda 1946*
Ilmar Taska
Kommode Verlag
Erscheinungsdatum Oktober 2017
300 Seiten, 14.7×21.5 CM
Hardcover

Schlimme Helena

*Partnerlink

Facebooktwitterredditpinterestmail

Hinterlasse einen Kommentar

avatar