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Prestige oder Nahrungsquelle?

Norwegen: Überraschender Fund von 4.500 Jahre alten Haifischzähnen wirft spannende Fragen auf

Eine neue Studie legt nahe, dass im steinzeitlichen Norwegen wohl auch Haie Teil der küstennahen „Küche“ waren. Die Rede ist vom Heringshai, einem direkten Verwandten des Weißen Haies, der aufgrund seiner Größe und Stärke zugleich ein Ehrfurcht gebietender Gegner gewesen sein muss.

Fotos 1 bis 4: Leif Inge Åstveit / University Museum of Bergen

Und gerade deshalb scheiden sich nun die Geister, ob die bis zu drei Meter langen und 200 Kilogramm schweren Raubtiere vor etwa 4.500 Jahren eher dem Verzehr dienten – oder dem Prestige der Jäger. Oder schlichtweg beidem?

Bekannt ist, dass der Heringshai schon seit sehr langer Zeit vor der Westküste Norwegens unterwegs ist und in den 1930er Jahren – auch wegen seines delikaten Kalbgeschmacks – zu Tausenden Tonnen aus dem Meer gefischt wurde.

Dies führte zu einem derart starken Rückgang der Bestände, dass der Heringshai heute sowohl in Norwegen als auch in der Europäischen Union vollständig geschützt ist. Das nur als Hintergrund, mit dem man sich im steinzeitlichen Norwegen freilich nicht beschäftigen musste.

Dennoch kam der Fund von Dutzenden von Haifischzähnen bei einer Ausgrabung auf der im Nordwesten Norwegens gelegenen Insel Nerlandsøya für Leif Inge Åstveit äußerst überraschend. Er ist Archäologe und Forscher am Universitätsmuseum von Bergen.

Haie spielten in der Forschung als steinzeitliches Jagdziel bislang keine Rolle

„Die Menschen, die hier vor 4.500 Jahren lebten, ernährten sich wahrscheinlich hauptsächlich von Vögeln, kleinen Fischen, Muscheln und Krebsen“, teilte er vor wenigen Tagen in einem Interview mit. Aber von Haien als steinzeitlichem Jagdziel habe man bislang wenig bis nichts gewusst.

„Man muss wissen, dass der Heringshai ein ziemlich brutaler Fisch ist. Daher war es sehr aufregend, eine solche Entdeckung zu machen“, sagt Åstveit weiter, für den derzeit alles andere als klar ist, wie es den Menschen damals gelungen sein könnte, die Raubtiere zu erbeuten.

Der Forscher Keno Ferter vom norwegischen Institut für Meeresforschung (IMR) jedenfalls beschreibt den Heringshai als stärksten Fisch, dem er je begegnet sei. „Allein der Versuch, ihn zu fangen, muss furchterregend gewesen sein“, so sein Urteil.

Haifund Norwegen 6
Ungefähre Lage des Fundortes der über 150 Haizähne. (Eigene Darstellung / NordNordWest / BY-SA 3.0)

Vorausgesetzt, die Haie wurden nicht als Kadaver an die Strände gespült, müssen also besondere und bis dato womöglich unbekannte Techniken angewandt worden sein. Anders, da sind sich die Forscher einig, wäre die Jagd auf offener See vergeblich gewesen. Oder einem Todesurteil gleichgekommen.

Zumal, die oben genannten Standard-Lebensmittel waren leicht und vor allem gefahrlos zu beschaffen. Überlebenswichtig kann der Hai demnach nicht gewesen sei. Daraus wiederum folgert Åstveit, dass es den Haijägern der Steinzeit womöglich gar nicht so sehr ums Fleisch ging, sondern eher ums Prestige. Um die Trophäe.

War der Hai in puncto Prestige das Küsten-Pendant zum Großwild an Land?

Allein auf der Insel Nerlandsøya konnte der Archäologe in mehreren Tiefenschichten 150 Haifischzähne aus dem Boden bergen. Die Menschen hier könnten als über Generationen hinweg im Fang der Raubtiere geübt gewesen sein.

Die Siedlung auf Nerlandsøya bestand den Untersuchungen zufolge zwischen 2.800 und 2.200 vor Christus. Das zeigte die Datierung der gefundenen Überreste von Behausungen, Feuerstellen, Knochen und Werkzeugen, die einst aus Feuerstein oder Schiefer gefertigt wurden.

„Vordergründig dürfte der Hai die Menschen mit zusätzlichem Fleisch, Öl und Zahnmaterial versorgt haben“, teilte Åstveit gegenüber Science Norway mit. Denn die Zähne sind messerscharf und könnten als Werkzeuge gedient haben. Die Haut wiederum könnte zur Herstellung von Kleidung verwendet worden sein. Ganz pragmatisch also.

Aber Åstveit macht in seiner vor wenigen Tagen veröffentlichten Studie auch den Vergleich zum Großwild an Land auf. Und kommt so zu dem Urteil, dass der Besitz von Haizähnen den zur Schau tragenden Menschen einen hohen, nahezu heldenhaften Status verliehen haben könnte.

Man hatte sich schließlich der Bestie zum Kampf gestellt – und gewonnen. „Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich Mythen und Geschichten um die Gefahren rankten, die mit dem Erwerb von Haifischzähnen verbunden waren“, sagt Åstveit. Vor ihm liegt noch eine Menge Forschung.

Unser Geographie-Quiz: Norwegen und seine Landschaft

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