Dumm gelaufen in Estland
Skelette nicht erkannt: Bagger zerstören 3.000 Jahre alte Siedlung – für neues Einkaufszentrum

Bei Bauarbeiten zur Erweiterung eines Einkaufszentrums in der estnischen Stadt Järva-Jaani sind Archäologen auf einen bedeutenden historischen Friedhof sowie eine bislang unbekannte Siedlung aus der frühen Eisenzeit gestoßen. Die Untersuchungen brachten mehrere Bestattungsschichten ans Licht, die teilweise bis in die prähistorische Zeit zurückreichen.
Hinter der Friedhofsmauer der örtlichen Kirche finden derzeit intensive archäologische Rettungsgrabungen statt. Diese wurden notwendig, nachdem Bauarbeiten für die Erweiterung eines kommerziellen Zentrums menschliche Überreste freilegten. Und leider erst viel zu spät erkannten, was sich dort im Boden verbarg.
Verschüttete Geschichte der Eisenzeit
Besonders überraschend war für die Forscher die Entdeckung einer Siedlung aus der frühen Eisenzeit an demselben Ort. Diese Siedlung wird auf einen Zeitraum von 1500 vor Christus bis etwa 50 nach Christus datiert.
Laut Martin Malve handelt es sich um eine sehr vielschichtige Fundstätte, die wertvolle Einblicke in die frühe Besiedlungsgeschichte Estlands bietet. Dennoch sind viele der archäologisch wertvollen Strukturen bereits durch die schweren Baumaschinen in Mitleidenschaft gezogen oder völlig zerstört worden.
Da die Bauarbeiten bereits im Winter begannen, blieben viele Knochenfunde zunächst unbemerkt und wurden mit dem Erdaushub abtransportiert. Wie der öffentliche Rundfunk ERR zuerst berichtet (hier finden sich weitere Fotos und Hintergründe), wurden schätzungsweise mindestens fünfzig Grabstätten bei den Baggerarbeiten beschädigt.
Herausforderungen des Denkmalschutzes
Krista Karro vom National Heritage Board betonte, dass das Bauprojekt ursprünglich unter der Annahme genehmigt wurde, dass sich außerhalb der Kirchhofsmauer keine Gräber befinden. Frühere kleinere Untersuchungen hatten keine Hinweise auf Bestattungen in diesem speziellen Bereich geliefert.
„Dutzende der Toten wurden leider während der Bauarbeiten abtransportiert, und im Moment sehen wir, dass mindestens fünfzig Skelette von oben beschädigt wurden“, sagte der Osteoarchäologe Martin Malve über die Situation vor Ort. Es ist in Estland nicht ungewöhnlich, dass Friedhofsmauern erst im 19. Jahrhundert errichtet wurden und ältere Gräber daher außerhalb der heutigen Grenzen liegen.
Die Behörden erklärten, dass die Bauarbeiter die Knochen im Boden aufgrund mangelnder Fachkenntnis zunächst nicht als solche identifiziert hatten. Erst nachdem eine aufmerksame Person die Funde meldete, wurden die offiziellen Rettungsgrabungen eingeleitet.
Nach Abschluss der archäologischen Sicherung soll das Bauvorhaben fortgesetzt werden. Ein Betonwall wird künftig das Areal des Einkaufszentrums physisch von dem historischen Friedhofsbereich trennen.
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