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Archäologischer „Traumfund“ mit reichlich offenen Fragen

Norwegen: Wikingerzeitliche Königs-Schachfigur mit Runeninschrift bei Kanalarbeiten entdeckt?

Norwegische Archäologen haben bei Ausgrabungen im Zentrum von Trondheim einen Spielstein mit eingearbeiteter Runeninschriften entdeckt. Das Team war vorsorglich angerückt, da an Ort und Stelle demnächst Reparaturen an der Kanalisation durchgeführt werden sollen.


Bild 1: Dieser wikingerzeitliche Spielstein mit Runeninschrift wurde in Trondheim gefunden. (Dag-Øyvind Engtrø Solem / NIKU)
Bild 2: Entdeckt wurde der mögliche Schach-König fast 4 Meter tief im mittelalterlichen Zentrum der Stadt. (Audun B. Selfjord / NIKU)
Bild 3: Die digital extrahierte und entschlüsselte Runeninschrift „siggsifr“ kann allerdings mehrere Bedeutungen haben. (NIKU)
Bild 4: Reste von Holzbohlen: Ein vermutlich mittelalterlicher Straßenverlauf wurde oberhalb des Spielsteins entdeckt. (Audun B. Selfjord / NIKU)

Die archäologische „Vorhut“ war deshalb notwendig, da es sich um den mittelalterlichen Teil des Stadtzentrums handelt. Dort hatte 997 nach Christus Wikingerkönig Olav I. Tryggvason einen für damalige Verhältnisse schnell wachsenden Handelsposten gegründet.

Im Zuge dessen entwickelte sich die Siedlung zum Königssitz und de facto zur Hauptstadt Norwegens, bevor erst später Ánslo – das heutige Oslo – diesen Rang einnahm. Ein historisch bedeutender Ort also, in dessen Untergrund stets mit wikingerzeitlichen Funden zu rechnen ist.

So auch dieses Mal, als das Team des Norwegischen Instituts für Kulturerbe-Forschung (NIKU) tief im Erdboden nach jahrhundertealten Artefakten suchte. Zunächst fanden sich Holzstrukturen eines alten Weges und Gruben aus dem 11. und 12. Jahrhundert, die bis zu einer Tiefe von fast vier Metern reichten.

In einer dieser Gruben entdeckten die Archäologen schließlich unter anderem das faszinierend gut erhaltene Spielutensil aus Speckstein, der als Material in der Wikingerzeit häufig zur Herstellung von Alltagsgegenständen verwendet worden ist.

„Sind dort florale Muster? Oder könnten es tatsächlich auch Runen sein?“

„Wir waren sehr aufgeregt, als wir das Artefakt fanden“, sagte dieser Tage NIKU-Archäologin Guro Skogvold. „Vor allem fragten wir uns: Sind dort auf dem vermeintlichen Spielgerät florale Muster abgebildet, oder könnten es tatsächlich auch Runen sein?“

Die erfahrene Runologin Karen Langsholt Holmqvist konnte später anhand hochauflösender Bilder bestätigten, dass es sich bei den ungleichmäßigen Mustern tatsächlich um nordische Schriftzeichen handelt. In der Darstellung „folgen“ sie laut ihrer Analyse der runden Form des Spielgeräts.

Übersetzt wurden sie mit „siggsifr“, wobei das „Sig“ für einen geläufigen nordischen Namen wie Sigurd, Sigbjørn oder Sigfrid stehen könnte. Zudem dürfte das „r“ am Ende nach Meinung der Forscherin darauf hindeuten, dass es sich um einen männlichen Namen bzw. Bezug zu einem solchen handelt.

„Auf den ersten Blick schien der Stein ein leicht unregelmäßiges geometrisches Muster zu haben. Aber als ich das Stück genauer untersuchte, wurde mir schnell klar, dass die Linien keine zufälligen Muster, sondern eine sorgfältig geplante Runeninschrift waren“, schildert Holmqvist ihren Aha-Moment.

Es gibt aber auch noch eine andere mögliche Erklärung: Und zwar stehen „sifr“ als poetisches Wort im Altnordischen für „Bruder“ und die Vorsilbe sig für „Kampf“, sodass mit Blick auf den sportiven Charakter des Steines auch so etwas wie brüderlicher Kampf gemeint sein könnte. Sehr spannend.

(Sehr sehenswerte Animation zum Fund und zum Fundort im Zentrum von Trondheim)

Dag-Øyvind Engtrø Solem, auch Archäologe am NIKU, teilte dazu mit: „Ich kenne nur ein einziges weiteres Spielgerät mit Runen aus Norwegen, das in Bryggen in Bergen gefunden wurde. Für mich ist gerade ein Traum in Erfüllung gegangen.“

Das inhaltlich Interessante: „Es ist völlig unklar, ob sich die Inschrift auf die Person bezieht, der das Objekt gehörte – oder auf die Person, die die Inschrift gemacht hat – oder ob es sich um den Spitznamen für den Spielstein handelt“, bleiben laut Solem dis dato viele Rätsel ungelöst.

Es könne sogar sein, dass es sich um die Königsfigur eines Schachspiels handelt, sagt Solem. „Dann wäre es also der ‚Bruder im Kampf‘ des Spielers gewesen. Waffen hatten damals schließlich oft Namen, warum nicht auch eine Spielfigur im Schach?“

Fest steht fürs Erste nur: Man wird noch mehr von diesem Fund hören, wenn die Zeit reif ist.

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