Beseitigung gleicht Mammutaufgabe

Explosives Erbe: In Norwegen lauern Tausende Tonnen Nazi-Munition in Seen – nun drängt die Zeit

Munition Norwegen
Nach Kriegsende saß auch Norwegen auf Bergen von Munition. Mit gewaltigen Folgen bis zum heutigen Tag. (Bild: Marie Lysnes)

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stand Norwegen vor der monumentalen Aufgabe, gewaltige Bestände an deutscher Munition und Sprengstoffen unschädlich zu machen. Damals entschieden sich die Behörden für die großflächige Versenkung des hochexplosiven Kriegserbes in Fjorden und Binnenseen. Es hätte auch anders gehen können.

Am Ende der Besatzungszeit lagerten schätzungsweise über 90.000 Tonnen Munition der Nazi-Besatzer auf norwegischem Boden. Diese Bestände umfassten alles von Handfeuerwaffen bis hin zu schweren Artilleriegeschossen mit einem heutigen Materialwert von umgerechnet etwa 1,8 Milliarden Euro.

Ein deutscher Offizier, Oberst Büttner, bot der norwegischen Regierung gleich nach Kriegsende an, die gefährlichen Güter fachgerecht zu zerlegen und die Metalle zu recyceln. Doch de norwegischen Behörden lehnten den Vorschlag ab, da sie den Einsatz deutscher Experten als zu riskant und politisch sensibel einstuften.

Nur zu verständlich nach allem, was das Nazi-Regime der Welt angetan hatte. Doch der Preis dieser Entscheidung ist hoch, wie sich nach neuesten Untersuchungen immer mehr herausstellt. Die Folgen der Verklappung werden als unabsehbar eingestuft. Norwegen hat hier ein echtes Problem zu lösen.

Gefährliche Räumung durch Kriegsgefangene

Fatal waren die Folgen aber zunächst aufseiten deutscher Soldaten, die nach der Nichtberücksichtigung von Büttners Vorschlag in hoher Zahl dazu verpflichtet wurden, Minenfelder zu räumen und Sprengstoffe in norwegischen Gewässern zu entsorgen. Professor Mats Ingulstad von der NTNU erklärt, dass diese gefährliche Arbeit zu zahlreichen Todesfällen unter den Deutschen führte.

Allein bei der Minenräumung verloren laut historischen Aufzeichnungen etwa 170 deutsche Soldaten ihr Leben. Wie die Plattform ScienceNorway berichtet, wurden allein im Mjøsa, Norwegens größtem See, tausende Tonnen Sprengstoff versenkt. Forscher schätzen die dortige Menge auf mindestens 2.000 bis 3.000 Tonnen, wobei die Dunkelziffer deutlich höher liegen könnte.

„Wir müssen verstehen, wie Krieg und Militarisierung unsere Umwelt beeinflussen“, betont Professor Mats Ingulstad im Hinblick auf die ökologischen Langzeitfolgen. Die Munition korrodiert seit Jahrzehnten im Wasser und gefährdet potenziell die Trinkwasserversorgung von rund 150.000 Menschen.

Langzeitfolgen für die Umwelt

Über einen Zeitraum von 20 bis 30 Jahren wurden teilweise wöchentlich mehrere LKW-Ladungen Munition in den See gekippt. Da viele Logbücher aus dieser Zeit verschollen sind, lässt sich das exakte Ausmaß der Versenkungen heute nur schwer rekonstruieren.

Die Munitionsfabrik Raufoss spielte eine zentrale Rolle bei dieser Entsorgungsstrategie und nutzte sogar Passagierfähren für die Transporte. Erst als Fahrgäste Sicherheitsbedenken äußerten, stieg das Unternehmen auf eigene Schiffe für die nächtlichen Aktionen um.

Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass die versenkten Granaten auch nach 80 Jahren unter Wasser nichts von ihrer Gefährlichkeit eingebüßt haben. In manchen Fällen sorgt die chemische Zersetzung der Zünder sogar für eine erhöhte Instabilität und unvorhersehbare Explosionsgefahr.

Das Projekt „Explosive Legacy“ versucht nun, die genauen Standorte der Altlasten zu kartieren und die Schadstoffbelastung des Sediments zu prüfen. Die Forscher hoffen, durch die Aufarbeitung dieser Geschichte zukünftige Unfälle und Umweltkatastrophen verhindern zu können.

guest

0 Kommentare
älteste
neuste
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen