Studie stellt Annahmen über tierische Intelligenz infrage
Das denkende Insekt – Hummeln lösen Probleme wie Primaten

Ein klassisches Problem, ein unerwarteter Akteur
Vor mehr als hundert Jahren ließ der Psychologe Wolfgang Köhler Schimpansen an Aufgaben arbeiten, für die es kein eingeübtes Rezept gab. In seinem berühmtesten Versuch hingen Bananen an der Decke — zu hoch zum Greifen. Mehrere Schimpansen kamen auf dieselbe Idee: Sie stapelten Kisten, kletterten hinauf und griffen zu. Köhler nannte das Einsicht. Das Experiment wurde zum Gründungsmythos der Tierintelligenzforschung.
Was Köhler für Primaten nachwies, haben Forschende der Universitäten Oulu, Helsinki und Turku nun bei der Dunklen Erdhummel (Bombus terrestris) repliziert — einem Tier mit einem Gehirn von der Größe eines Sesamkorns. Die Studie erschien am 4. Juni 2026 in der renommierten Fachzeitschrift Science.
Zwei Dinge gelernt, ein Problem gelöst
Der Versuchsaufbau war präzise kalkuliert. Jede Hummel lernte zunächst genau zwei voneinander unabhängige Dinge: dass eine blaue Kunstblume eine Belohnung bereithält, und dass ein Ball ein bewegliches Objekt ist. Dann wurde die Blume an die Decke versetzt — unerreichbar ohne Hilfsmittel. Der Ball lag weiterhin auf dem Boden.
Die Hummeln hatten keine Anleitung bekommen. Viele entwickelten trotzdem dieselbe Lösung: Sie schoben den Ball unter die Blume, kletterten darauf und erreichten so ihr Ziel. Zwei gelernte Einzelinformationen, kombiniert zu einer neuen Handlung — in einer Situation, der die Tiere noch nie begegnet waren.
Um Zufallstreffer auszuschließen, bauten die Forschenden zusätzliche Hindernisse in die Versuchsaufbauten ein, durch die die Hummeln den Ball manövrieren mussten. Das Ergebnis blieb dasselbe.
Kein Zufall, kein Spielverhalten
„Die Hummeln hatten so etwas noch nie zuvor getan“, sagt Doktorand Akshaye Bhambore von der Universität Oulu.
„In besonders anspruchsvollen Kontrollversuchen konnten wir nachweisen, dass sie weder auf visuelle Reize reagierten noch den Ball zufällig bewegten. Die Lösung entstand in einer neuen Situation, was auf zielgerichtetes und flexibles Verhalten hindeutet.“
Genau das ist der springende Punkt. In vielen früheren Studien zum einsichtigen Problemlösen hatten die Tiere umfangreiche Vorerfahrungen mit Objekten, Testumgebungen oder ähnlichen Aufgaben.
„In unserer Studie hatten die Hummeln keinerlei Vorerfahrung“, betont Gruppenleiter Olli Loukola, Dozent an der Universität Oulu. „Die Versuche wurden so konzipiert, dass wir einfache Erklärungen wie zufälligen Erfolg, Spielverhalten oder simples Ausprobieren ausschließen konnten.“
Was kleine Gehirne können
Die Ergebnisse fügen sich in ein wachsendes Bild: Hummeln verfügen über kognitive Fähigkeiten, die weit über das hinausgehen, was man ihnen lange zugetraut hat.
„Wir behaupten nicht, dass Hummeln denken wie Menschen“, sagt Loukola, der auch an der Universität Turku forscht. „Unsere Ergebnisse zeigen jedoch, dass kleine Gehirne flexible Lösungen auf eine Weise hervorbringen können, die wir gerade erst zu verstehen beginnen.“
Auch für die Beteiligten selbst war der Moment des Umschaltens bemerkenswert. „Obwohl das Tier die Umgebung scheinbar ziellos erkundet, führt es plötzlich eine effiziente Abfolge von Handlungen aus, die direkt zur Lösung führt“, schildert Ece Nur Akmeşe von der Universität Helsinki. „Es war wirklich faszinierend zu beobachten, wie die Hummeln die Aufgaben lösten.“
Was das für die Intelligenzforschung bedeutet
Bislang galt spontane Problemlösung als Merkmal großhirniger Wirbeltiere — Primaten, Rabenvögel, Delfine. Die neue Studie verschiebt diese Grenze.
„Unsere Studie ist im Wesentlichen eine Insektenversion des klassischen ‚Kiste und Banane‘-Problems“, fasst Loukola zusammen. „Das Tier muss erkennen, dass ein Gegenstand an einen neuen Ort verschoben und als Werkzeug eingesetzt werden kann, um ein sonst unerreichbares Ziel zu erreichen. Besonders bedeutsam ist, dass diese Form der spontanen Problemlösung nun erstmals bei einem Insekt nachgewiesen wurde.“
Ein sesamkorngroßer als Denkapparat — die Forschung über tierische Intelligenz wird diese Erkenntnis noch eine Weile beschäftigen.
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